Die kleine große Welt (14)

Monika Wrzosek-Müller

Zehlendorf

Sie wohnte jetzt seit einigen Monaten in Zehlendorf; die Gegend war wunderbar, alles zu Fuß zu erreichen, die S- und U-Bahn, kleine und größere Läden, viel Grün rundherum, das man nicht selbst pflegen musste, auf dem Balkon viel Platz zum Sitzen, sich sonnen, die Mitbewohner ausgesprochen sympathisch, gebildet, freundlich, ruhig, unaufdringlich und doch gesprächig. Zehlendorf-Mitte fast städtisch, menschenvoll, geschäftig, urban, aber ohne riesige Einkaufszentren, mit einem kleinem Kino, einem Heimatmuseum, einer Kirche, dem Bürgeramt und allem was dazu gehört.

Das Haus lag in einer Sackgasse, sie endete mit einem Rondell, sehr elegant und den Verkehr mindernd. Das große Gebäude selbst offensichtlich ein Relikt noch besserer Zeiten, ein schönes altes Bürgerhaus mit bröckelnder Fassade mit Kriegsschäden, noch sichtbar und nachvollziehbar, morbid, elegant und gemütlich; der Eingang gesäumt mit zwei rostroten monströsen Meerungeheuern sehr außergewöhnlich. Ihr war das alles lieb und unangestrengt, eine Gegend gewachsen mit den Jahren, wie das Grün der riesigen Bäume im Streifen zwischen der kleinen Wohn- und der großen Verkehrsstraße, alles wirklich geplant für ein glückliches, ruhiges, gelungenes Leben. Wenn man sich die Menschen dann länger und näher anschaute, bemerkte man zwei Gruppen oder Sorten; die einen waren eher ausgeprägte Individualisten; meistens allein lebend, skurril, ältlich um nicht direkt zu sagen alt, mit interessanten Berufsbildern; die anderen dagegen ganz jung mit kleinen Kindern, viele alleinstehende Mütter darunter. Es fehlte die mittlere Ebene; die war entweder gut versteckt, nicht sichtbar, oder eben nicht vorhanden. Die weit verbreiteten Stereotypen über diesen Wohnviertel stimmten für die ein paar Straßenüberhaupt nicht; es wohnten hier keine sehr reichen, versnobten Menschen, mit teuren Autos und dicken Portemonnaies.

Sie ging ihren kleinen Beschäftigungen nach, lernte ein paar von den Nachbarn kennen, nicht näher aber doch so, dass es nett sein konnte, dass man immer wieder ein paar Worte wechselte, sich immer begrüßte. So plätscherte das Leben vor sich hin, ohne dabei mühevoll zu erscheinen.

Das junge Paar aus Chile, das in dem Gebäude Hausmeister spielte, war unheimlich nett, bemüht alles richtig zu machen; sie putzten jede Woche das ganze Treppenhaus genauestens, kümmerten sich auch um den Vorgarten. Ihr kleiner Sohn war weit und breit das einzige Kleinkind, das überhaupt keine Angst vor ihrem Mini-Dackel hatte. Da dachte sie, wie kommt es, dass die im Wohlstand lebenden, in einer Großstadt erzogenen Kinder so viel Angst vor Tieren an den Tag legen. Sie versuchte mit den Kleinen darüber zu sprechen, aber meistens gab es nichts zu bereden, sie schrien sobald der winzige Hund sich ihnen näherte, die Eltern lächelten dabei schief und unsicher und erklärten, es gebe doch so viele böse Hunde. Prinzipiell würde mein Kind keinen Hund streicheln dürfen. Sie dachte; das Leben besteht aber doch nicht aus prinzipiellen Verboten und Erlaubnissen, sondern aus Einzelfällen und Zufällen, es wird immer wieder neu entschieden, neu verhandelt und neu gelebt, auch wenn dabei oft die alten Muster wirken. So könnte man doch einem kleinen Kind erlauben einen kleinen Hund zu streicheln und ihm damit die Angst nehmen.

Das Hausmeisterehepaar war wirklich außerordentlich nett und irgendwie doch auch in der deutschen Wirklichkeit verloren, so hielt sie immer wieder an und unterhielt sich mit ihnen. Da erzählten sie ihr, sie würden nach Polen in Urlaub fahren, an die Ostsee. Das hat sie natürlich sehr gefreut, sie erklärte ihnen, dass sie aus Polen stamme, aus Warschau, der Hauptstadt. Ja, sie würden auch mit einer Polin fahren, die ihre Freundin geworden sei, sie wohne in unserer Straße, habe zwei kleine Kinder und ihr Mann leite eine Firma, die wiederum lauter Polen beschäftige…; so ging das weiter und weiter. Sie erzählten auch vom Heimweh und vom Sparen für Flugticket nach Chile, von der Freude mit dem wunderbaren kleinem Jungen, vom kurzen Sommer und langen Winter in Berlin. Es waren warme, sehr fleißige und besondere Menschen, durch ihre Liebe zueinander und zu ihrem Sohn vereint. Die Polin hatte sie schon von weitem einige male gesehen; es war eine sehr hübsche, sehr junge Frau, der es offensichtlich sehr gut ging, die Kinder waren wie aus dem Bilderbuch,sehr stillsicher angezogen, gut erzogen, mit hellen Puppengesichtern, fuhren mit ihrer Mama im riesigen Mercedes in ihren Kindergarten.

Irgendwann sah sie dann auch den Mann, von weitem; in der kleinen Straße begrüßten sich eigentlich alle, auch sie grüßten einander. Er kam ihr bekannt vor, das Gesicht kannte sie aus anderen Zusammenhängen, sie musste nur darauf kommen, aus welchen. Irgendwann grüßte er sie auch auf Polnisch und da fiel es ihr ein: sie hatte in seiner Firma die Polen unterrichtet, die da arbeiteten; hatte ein Jahr lang versucht, den Menschen die Sprache ihrer nächsten Umgebung näherzubringen. Es war eine mühsame Arbeit, die meisten wollten die Sprache gar nicht lernen oder beschränkten sich nur auf das Nötigste, da sie ohnehin ihren Lebensmittelpunkt in Polen hatten, das Geld dorthin brachten, dort ihr richtiges Leben führen wollten. So blieb ihre Mühe erfolgslos, die Zahl der Kursteilnehmer sank, die Firma wollte verständlicherweise kein Geld mehr ausgeben und der Unterricht wurde eingestellt.

Sie dachte bei sich, wie es ist, wenn man in einem fremden Land nur aufs Geldverdienen aus ist, nichts rundherum wahrnehmen will oder kann, wegen Sprachschwierigkeiten, wegen all der kleinen Problemen, die dann zu großen werden und einem das Kennenlernen erschweren oder unmöglich machen. Und sie dachte, dass da niemanden eine Schuld treffe, dass die Zeit einfach zu schnell lief, dass die Prioritäten woanders lagen und das konnte sie für sich nur sehr schwer nachvollziehen und akzeptieren.

 

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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