Die kleine große Welt (15)

Monika Wrzosek-Müller

Fliegen im Traum und Realität

Früher träumte sie oft vom Fliegen. Es waren sehr reale oder eher surreale Träume, in denen alles scharf, in Farbe, wirklichkeitsgetreu zu sehen war. Sie stand im Fensterrahmen brauchte eigentlich nicht einmal zu springen, sondern glitt schwerelos in die Luft, und dann war da schon die reine Wonne, über den kleinen Dörfern und Städtchen mit ihren Kirchentürmen, Straßen, Plätzen und Häusern zu fliegen, von oben auf die Landschaft zu schauen; die Menschen sah sie eigentlich kaum. Sie hatte nie Angst, dass sie abstürzen könnte; sie wusste, dass sie jederzeit innehalten konnte, unterbrechen, landen. Alles geschah mühelos und harmonisch, ihre Bewegungen waren unangestrengt und fließend. Eigentlich hatte sie auch keine richtigen Flügel, sie bewegte nur ihre Arme, manchmal auch die Beine, wie beim Schwimmen. Sie kannte nie die Gegend, es waren eher so etwas wie imaginäre Weltlandschaften, das war auch offenbar nicht wichtig, es zählte das Erleben des Fliegens. Später versuchte sie die Träume zu deuten und kam darauf, dass sie etwas mit der Freiheit, dem Gefühl von Loslassen, von uneingeschränkten Möglichkeiten zu tun hatten. Die Träume kamen in einem Zeitabschnitt geballt und dann verschwanden sie auf Nimmerwiedersehen. Sie fand das schade, denn wenigstens im Traum war das Leben leicht und angenehm.

Das Fliegen mit dem Flugzeug war eine ganz andere Sache, sie fand es eher bedrohlich; auch wenn man sich dadurch schnell von einem Ort zum anderen bewegen konnte, benutzte sie, wenn immer es ging, eher die Bahn oder das Auto. Manchmal war das Schauen von Oben auf die Wolken oder die untergehende Sonne bezaubernd und überirdisch; doch im Allgemeinen hatte das Fliegen mit dem Flugzeug für sie nichts mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Und doch wusste sie, dass für viele Menschen das Fliegen eben das große Versprechen der Freiheit in sich trug; die große Welt wurde immer kleiner, die Entfernungen schrumpften, man konnte überall hin, sich die Wünsche erfüllen, ausgefallenste Orte in der Welt zu besuchen . Für sie war das nicht besonders befriedigend, es ging ihr alles zu schnell, war zu laut, zu gewaltig, so von einem Ort zum anderen versetzt zu werden, ohne Vorbereitung und ohne Übergang in der Natur, dem Klima, den Menschen und ihren Bräuchen und Traditionen. Auch die Flugzeuge als fliegende Maschinen hatten nichts mit ihren Träumen zu tun, in denen das Fliegen sehr körpernah, körperlich und ohne solche Hilfsmittel geschah; die Flugzeuge waren ihr fremd, zu groß, zu hart und zu kompliziert. Die lärmenden Flughäfen mit überfüllten Abflughallen, mit Kontrollen und langen Gängen, alles das gehörte nicht zum Gefühl des Fliegens.

Erstaunlich oft beschäftigte sie das Fliegen; lag das daran, dass sie an ihren Großvater denken musste, der Flieger, Pilot und Experte für Luftrecht gewesen war? Er hatte mit anderen jungen Leuten in Polen, in Krakau, einen Areo Club gegründet und flog zum Schrecken der ganzen Familie mit kleinen Flugzeugen in Dreiecken in den Lüften, erkundete den Luftraum, bekam dafür immer wieder diverse Preise und war überhaupt ein sehr umtriebiger Mensch. Später, im Zweiten Weltkrieg kam er dann über Rumänien, Istanbul und Frankreich nach England und kämpfte in Royal Air Force, zum Ende des Krieges wurde er dann über Schottland von den Deutschen abgeschossen. Er war natürlich ein Überflieger auch in einem anderen Sinne, arbeitete an der Lemberger Universität als Dozent für Luftrecht und verpflichtete die Familie zu großen Taten und zum außergewöhnlichen Tun. Auch wenn sie ihn nicht kennengelernt hat, nicht kennenlernen konnte, war sie vielleicht dadurch immer wieder unzufrieden mit ihrem eigenen Tun; es war nie gut genug; es war nie das Fliegen, schon gar nicht das Überfliegen, sondern eher das mühsame Weiterschreiten und sich Fortbewegen und sie sehnte sich doch so sehr nach der Leichtigkeit und Unbeschwertheit der Lüfte. Doch der Traum von Fliegen existierte irgendwo im Hinterkopf und nährte ihr Tun und Leben, verhalf manchmal zu etwas mehr Leichtigkeit und Wohlfühlen, in der sonst für sie angestrengten Existenz.

Da dachte sie; die Flüchtlinge jetzt kamen fast alle mit Booten übers Wasser oder zu Fuß nach Europa. Das hatte nichts mit Leichtigkeit, mit Unbeschwertheit zu tun. Es war gefährlich, bedrohlich, ihre Wege einsam und schrecklich, verbunden mit dem Kampf ums Leben, ums Überleben. Sie zeigten Europa und der westlichen Welt, dass das Leben nicht immer nur in den Lüften und zur Befriedigung eigener Wünsche stattfinden konnte. Sie zeigten, dass noch so viel Unerledigtes und Grausames in der Welt passierte, dass die Träume vom Fliegen oder von einer Reise zum Mond und in die Lüfte beschämend waren, dass die Aufgaben tief verwurzelt auf dem Boden, auf der Erde erst einmal erledigt werden mussten, bevor man sich zu Höherem aufschwingen konnte. Die große kleine Welt war voll von Ungerechtigkeit und Missständen, die Träume von Fliegen und Leichtigkeit halfen nicht die elementaren Aufgaben zu lösen und den Menschen zu helfen. Und dann dachte sie; wie würden diese Menschen sich hier zurechtfinden nach all den Gräueln, die sie erlebt haben. Wie würden sie zurechtkommen in einer Welt, die, auf Konsum eingestellt, gierig ist und ihnen mit wenig Empathie gegenüber steht. Und sie bemühte sich zu helfen und mit ihren Möglichkeiten das Wenige zu tun, um den Flüchtlingen das Ankommen in der Gesellschaft zu erleichtern, die Sprache zu erlernen, sich zurechtzufinden. Der Traum von großen Fliegen in der kleinen Welt war sehr geschrumpft.

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