Die kleine große Welt (16)

Monika Wrzosek-Müller

Die Flüchtlinge

Das Flüchtlingsheim war groß und unförmig; ein langes, hässliches Gebäude an einer sehr belebten Straße mit einem für Berliner Verhältnisse selten schmalen Trottoire. Es lag in einer Industriegegend, einem so genannten Gewerbegebiet mit vielen Betrieben und billigen Supermärkten einerseits und kleinen Einfamilien- oder auch Reihenhäusern andererseits. Eine Gegend, in der man sich fremd fühlen musste, aber nicht schlechter oder besser als andere dafür vorgesehene. Die Flüchtlinge waren zufrieden, manchmal sehr sogar. Sie waren immerhin dankbar für ein Dach über dem Kopf. Innen war alles frisch angestrichen, kleine Küchen und Bäder, die separat für Frauen und Männer, mit Duschen wurden eingerichtet; doch alles strahlte solche Ungemütlichkeit, Strenge und Leere aus, dass sie sich kaum vorstellen konnte, wie Menschen dort länger wohnen bleiben sollten und wollten. Immerhin hatten die Familien größere Räume, manchmal auch zwei; die alleinstehenden Männer mussten sich mit Zwei- bis Dreibettzimmern zufrieden geben. Sie bekamen eine Erstausstattung mit einem Set von in Folie eingeschweißten drei Töpfen, zwei Pfannen, Schneidebrett, einigen Messern etc…alles neu, von mittelmäßigen Qualität. In den Küchen gab es auch neue Herde, und Geschirrspüler; Kühlschränke standen in den Zimmern, alles fabrikneu, ungebraucht. Sie dachte, wer verdient hier so massiv, sind das die Unternehmen, die diese Gegenstände produzieren, warum kann man nicht gebrauchte Geräte benutzen und die Kosten auf diese Weise senken, damit man dafür andere Sachen bezahlen kann? Es gab auch einen Innenhof, auf dem für ihr Empfinden immer nur gestritten oder ständig laut geredet wurde, was sie dann als Streiten wahrnahm, und überall spielten Kinder in allen Altersstufen; Grüppchen von Männern standen verstreut auf dem ganzen Gelände herum, die Frauen immer ein paar Schritte weiter. Sie bildeten in kürzester Zeit ihre eigenen Gemeinschaften, mit ihren spezifischen Hierarchien, ihren Sitten und Bräuchen, von außen ziemlich abgeschottet und undurchdringlich; jede Nationalität für sich allein.

Und jeden Morgen so ab zehn Uhr schlichen die Ehrenamtlichen durch das Gelände, laut grüßend und unsicher, ob man sich auf die Menschen einlassen, wie man weiter mit ihnen kommunizieren sollte. Sie unterrichteten Deutsch, spielten mit den Kindern, organisierten manchmal Ausflüge, damit die Menschen aus der Gegend in eine andere rauskamen. Sie wollten aber oft zu viel Perfektion beim Organisieren, so dass die Menschlichkeit sich hinter den Ordnern, den Mappen und den Fragebögen versteckte und die Flüchtlinge manchmal verschreckte. Aber der Wille alles richtig zu machen, d.h. auch richtig zu helfen überwog. Es gab auch Helfer, die Spielzeug, gebrauchte Kleidung, Haushaltsgeräte etc. brachten, manchmal zu viel, manchmal zu stark gebraucht, so dass die Mitarbeiter es nicht schafften, alles zu sortieren, oder dass es sich das Sortieren nicht lohnte. Sie sah, dass die Hilfe spontan, herzlich, wenn auch oft unbeholfen kam.

Sie wollte auch helfen; es war ein innerer Wunsch, denn am Anfang war es auch ihr in der Fremde schlecht gegangen, und alles war so kompliziert und neu, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte, wie diese Leute, nach ihren Erlebnissen im Mittelmeer oder auf dem Weg über die Berge, es hier schaffen sollten. Schließlich hatte sie selbst auch nie eine feste Arbeit bekommen, obwohl sie perfekt Deutsch sprach, aus Europa kam, einen deutschen Mann hatte, über einen (wie sich zeigte, völlig unbrauchbaren) Magistertitel in einem humanistischen Fach verfügte.

Sie spürte instinktiv, dass der Flüchtlingsstrom ein großes Problem sein würde; ein großes Problem für sie, für die anderen, für Deutschland, für Europa, schließlich für die ganze Welt. Aber obwohl man immer öfters darüber sprach, schien die Welt andere Probleme ernster zu nehmen als die Schicksale der Menschen, die sich in Bewegung gesetzt haben. Sie überlegte immer wieder, warum das erst seit Kurzem in so extremen Form aufgetreten war, warum die Leute so lange gewartet hatten, um sich jetzt umso desperater in ihr Abenteuer zu stürzen, ohne andere Wege zu sehen, zu erkennen oder wirklich zu haben; waren daran die Mobiltelefone und die globalen Vernetzungen schuld oder hilfreich, dass die große Welt so klein geworden war. Je länger sie sich damit beschäftigte, nicht nur im Kopf sondern auch ganz praktisch, indem sie ihnen half Deutsch zu lernen, erkannte sie, dass jeder Fall individuell und einzigartig war, jeder von den Flüchtlingen seine eigene Geschichte schrieb, und sie passierte schon und fand in Deutschland statt, ob man es wollte oder nicht. Es gab keine allgemeinen Lösungen; oder anders: es gab einige Lösungen, die die juristische Seite betrafen, doch ansonsten war jeder sein eigener Fall und es reichte nicht, ein paar Brocken Deutsch zu sprechen und etwas mehr zu verstehen, es war ein sehr kompliziertes Gefüge von allen möglichen Faktoren, die ihren Aufenthalt in Deutschland zum Gelingen bringen konnte – oder auch zum Scheitern.

Den Flüchtlingen war der Schrecken der langen Reise anzusehen; im Deutschunterricht saßen manche mit weit geöffneten, fast aufgerissenen Augen da, unbeweglich, andere wiederum bewegten sich ständig und zappelten und konnten nicht stillhalten. Es gab auch welche, die aus so diametral anderen Verhältnissen kamen, dass sie ernsthaft zweifelte, wie eine Sozialisation für diese Menschen aussehen sollte. Aber, und darüber war sie sehr erstaunt, es gab auch solche , die sich in Windeseile von den Strapazen erholt zu haben schienen, laut und herzlich lachten, entspannt waren, munter und zuversichtlich. Sie staunte, wieviel Kraft und Energie diese Menschen haben mussten, um unter diesen Umständen fröhlich sein zu können. Sie selbst war da viel düsterer und tat sich unnötig schwer mit der Umstellung; sie tauchte alles in Schwarz, war unzufrieden, abwesend und ablehnend. Klar, sie hatte Gründe dafür dazu, klar, es war nicht leicht, doch sie erkannte, dass letztlich jeder sein Leben so lebte, wie er konnte, und man musste sich bemühen, besonders in der Fremde, das Beste daraus zu machen.

Informacje o ewamaria2013

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