Flüchtlinge in Berlin

Ewa Maria Slaska

Ein Tag an der Havel

Schon den ganzen Sommer leben wir mit den Medienmeldungen über Flüchtlinge. Es verfolgen uns die Bilder der Menschen, die bei der Flucht sterben und es suchen uns katastrophische Gedanken über die neue Völkerwanderung heim. Wir sind zerrissen zwischen die Bange um die, die zu uns kommen wollen, und der Angst von dem Fall unserer Welt.

Mein Gefühl sagt mir aber, dass man das alles relativieren soll, dass es sich doch klärt, wie wir als Europa mit dem Problem umgehen sollen, sowohl dort, wo die Flüchtlinge herkommen, als auch hier, wo sie hingekommen sind. Ich war selber zuerst ein Flüchtling und dann auch über acht Jahre lang eine Mitarbeiterin der Flüchtlingshilfe in Berlin. Ich weiß, ich darf meine Erfahrungen einer polnischen Asylbewerberin 1985 in Deutschland nicht mit der Situation der Flüchtlinge in den Booten auf dem Mittelmeer vergleichen. Ich kam wie ein Mensch hierher, wurde wie ein Mensch behandelt und als ich mit den anderen Zugekommenen gearbeitet habe, weiß ich, dass wir sie wie die Menschen behandelt haben.

Und das meine ich, sie sind keine Bedrohung, sie sind Menschen. Dass sie jetzt so viele kommen, stellt an sich auch keine Bedrohung dar. In der Zeiten, als ich bei der Flüchtlingshilfe tätig war, gab es auch große Mengen, die auf einmal kamen, es gab Jahre, in denen in Berlin 400 Tausend Flüchtlinge betreut hatte, und wir haben es überstanden, mehr noch, in manchen Hinsichten profitierte die aufnehmende Gesellschaft davon, dass wir kamen oder dass sie kamen. Es gab auch zuerst Protesten und Ängste, Demonstrationen und Angriffe auf die Wohnheime, und es hat sich alles gelegt und beruhigt.

piotr-reginaRegina und Piotr, Wohnheimleiter

Meine Freunde von damals arbeiten immer noch oder schon wieder bei der Flüchtlingshilfe. Ich rufe Piotr Skrzędziejewski an, der jetzt bei AWO-Mitte arbeitet. Die Arbeiterwohlfahrt, lese ich in der Infomappe, gehört zu den sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Der AWO Kreisverband Berlin-Mitte e.V. ist einer der großen Träger sozialer Arbeit in Berlin. Der Verein betreibt insgesamt elf Flüchtlingswohnheime, in denen an 3500 Menschen Obdach und soziale Betreuung finden.

Bunt ist eine schöne Farbe, lautet die Losung der AWO 2015.

Piotr ist vom Anfang an Leiter des Refugiums an der Havel. Die Einrichtung existiert seit Oktober 2013.

Es ist ein schöner Sommertag als ich hinfahre. Gestern wurde die Turnhalle mitten in einem Flüchtlingsheim angezündet und ich frage mich, wie man darauf reagiert, wenn man selber in einem Flüchtlingswohnheim angestellt ist? Ich treffe mich mit Piotr und Regina – mit beiden habe ich damals in dem riesengroßen Asylbewerberwohnheim in der Streitstraße gearbeitet.
Habt ihr Angst?, frage ich. Angst, nein, nicht, sagen die beiden, aber ein bisschen mulmig ist dann einem, klar. Wir müssen vielleicht die Kontrolle an der Pforte und auf dem Gelände verstärken.

havelhausEin paar Tage später klärt sich, dass es keine Angreifer waren, sondern im Gegenteil, spielende Flüchtlingskinder. Man kann ausatmen, aber wer weiß, was wiederum diese Erklärung in den Köpfen von Populisten hervorruft? Horror! Wir werden alle in unseren Betten verbrannt… Oder so.

ogrodDas Gelände eines ehemaligen Pflegeheimes von Vivantes ist geräumig und schön geplant. Na ja, sagt Piotr, gebaut 1943, vielleicht gar von Baldur von Schirach, Erholungsheim der Organisation Todt für Nazis aus dem Ausland. Wir lächeln beide, amüsiert ob dieser Ironie der Geschichte. Da, wo sich vielleicht eine Lagerfeuerplatz der jungen Nazis aus dem Ausland befand, hat jetzt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin zusammen mit den Kindern einen Gemeinschaftsgarten angelegt, einen Nutzgarten mit Kürbissen und Zucchini, die jeder ernten kann. Heute steht der Garten leer, weil auf dem nebenan liegenden Platz ein Kinderfest stattfindet.

kinderfestKinder? frage ich. Jeder weiß doch, dass es nur die Männer sind, die kommen, bewaffnet und maskiert.
Ja. Es wohnen im Heim 450 Flüchtlinge, darunter 250 Kinder!
Die Hauptgruppen der Bewohner bilden die Syrer und Kosovo-Albaner, gefolgt von Serben, Albaner und Bosnier, sowie Afghaner. Niemand aus Ukraine, sieben Personen aus Russland, 21 aus Irak, 12 aus Iran, 9 aus Eritrea.

Ich schaue mir alles in Ruhe an. Drei Gebäude, in jedem 5 Wohnblocks. Kleine Zimmer für 2 bis 5 Personen. Im jeden Wohnblock eine große Nasszelle sowie eine Gemeinschaftsküche für diejenige, die sich schon selbst versorgen können. Sauber, sogar – sehr sauber. Damals, in der Streitstraße war es nie so sauber und am Montag sah das Haus recht katastrophal aus.

imwohnheim– Wie ist es möglich, dass es hier so sauber ist?
– Weil es hier auch am Wochenende gesäubert ist. Damals gab es keine Betreuung am Wochenende und auch keine Pflegedienst. Die Bewohner hatten nichts zu tun, es kam öfter zu Auseinandersetzungen, zu Trinkgelagen… Daher war es am Montag im Haus wie in einer Schweinestall. Bei uns gibt es Dienst sieben Tage die Woche…

Das Wohnheim ist eine Erstaufnahmestelle, d.h. hierher kommen diejenigen, die ganz neu sind, gebracht von der Polizei oder aber auch eigenständig. Ein Durchgangsheim hieß es in „unseren Zeiten“. Unser Heim in der Streitstraße war so ein Durchgangsheim. Erst in den 90ern als die Anglizismen in das Berliner-Gemeinschaftsleben eingedrungen sind, hieß solche Einrichtung eine „Clearingstelle“. Jetzt, 20 Jahre später, kommt ein deutsches Wort zurück.

– Zuerst sollen also die Flüchtlinge hier drei Monate verbringen, sagt Piotr. In dieser Zeit soll theoretisch das Asylverfahren schon beendet sein. In der Regel beträgt jedoch die Bearbeitung der Asylanträge heute sechs Monate. Die Flüchtlinge bleiben bei uns länger, weil in den Gemeinschaftsunterkünften keine ausreichende Plätze vorhanden sind. In den ersten drei Monaten also bekommen sie eine gemeinsame Verpflegung. Nach drei Monaten auch wenn sie nicht in andere Wohnheime verlegt werden, bekommen sie Geldleistungen. Also Hartz IV wie jeder andere Bürger in Deutschland, der keine Arbeit hat und kein eigenes Vermögen. Sie versorgen sich dann selbst. Das ist ganz neu und viel besser als damals. Als ich 1986 angefangen habe in den DRK-Heimen zu arbeiten, war das unerhört. Die Asylbewerber hatten in Wohnheimen zu wohnen und dort gemeinsam verpflegt zu werden. Erst als ihr Status geklärt war, als die Asylbewerber Die Anerkennung des Asyls bekamen oder Duldung oder in manchen Fällen als Deutsche anerkannt wurden, bekamen sie das Recht in einer eigenen Wohnung zu wohnen und Geldleistungen zu beziehen. Jetzt gibt es eine klare Regel, wenn man drei Monate in Deutschland ist, bekommt man Geld, auch wenn er noch nicht von der Bürokratie völlig aufgenommen wurde. Man bleibt also weiterhin in einem Durchgangsheim, ist aber schon ein Selbstversorger. Ich staune und staune…

– Und die Kinder, frage ich, dürfen sie in die Schule?
Weil es damals nicht der Fall war. Die Kinder der Asylbewerber unterlagen keiner Schulpflicht. Daher haben wir in der Streitstraße eine Art Schule eingerichtet. Eigentlich für Kinder, aber sehr oft kamen auch die Mutter dazu. Elternalphabetisierungsprogramme gab es damals nicht. Jetzt gibt es von dem ersten Tag eine Schulpflicht für Asylbewerberkinder. Auch eine Neuigkeit, auch hier ist etwas besser als damals, auch ein Grund zum Staunen.

Und die Ehrenamtlichen, die umsonst arbeiten. Für Deutschunterricht, aber auch für Kinderbetreuung. Damals eigentlich auch kein Thema. Ich glaube nicht, dass wir damals Ehrenamtliche hatten.

stadtratpiotrmonikaWir gehen zum Kinderfest und treffen dort Frank Bewig, einen Stadtrat des Bezirks Spandau. Wir machen ein gemeinsames Foto und ich bekomme die Erlaubnis, meinen Text samt Foto zu veröffentlichen. Auch in der TAZ? Natürlich, auch in der TAZ, da war ich noch nie… Das Fest verläuft ruhig, die Kinder sind interessiert, nehmen an vielen Angeboten teil, sie tanzen, singen, nähen, malen…

– Ist es hier immer so friedlich?
– Nein, nicht immer, aber es ist nichts Außergewöhnliches, so wie in jeder Gruppe, ab und zu kommt es zu Konflikten… Aber wir sind ein internationales Team, das hilft immer bei der Schlichtung der Konflikte.

Wir treffen einen jungen Betreuer, der gerade für heute seinen Dienst beendet. Ahmad Mahayni, ein Syrer, verheiratet, zwei kleine Kinder. Vor zwei Jahren wohnte er selbst als Flüchtling im Refugium an der Havel, jetzt spricht er schon Deutsch und arbeitet hier als Betreuer. Ein Musterflüchtling. Wir verabreden uns für ein Interview. Ich möchte mehr über Syrien erfahren.

essenWir gehen in die Gemeinschaftsküche. Unterwegs sehen wir eine Reihe junger Männer, alle über ihre Handys oder Tablets gebeugt.

– Hier haben wir Internet-Café und auch draußen ein WLAN.

Wir bekommen unser Essen und gehen in den Speisesaal. Das Essen schmeckt sehr gut, in meiner Kantine im Rathaus Kreuzberg, wo der berühmte Herr Palla der Küchenchef ist, bekommt man nicht besser zu Essen. Ich schaue mir das Wandbild an.

obraztybet– Das ist das tibetanische Lebensfest. Es malte Dolgor Ser-Od, unsere Bewohnerin, die in der Küche arbeitet. Wir vermehren uns fröhlich.

***

Ich weiß, jeder wird jetzt behaupten, ich idealisiere das Bild: In diesem schrecklichen Sommer ist es doch mit Flüchtlingen, die bei uns sind, nicht einfach, es muss doch eher schrecklich sein. Es ist doch vielmehr so, dass wir überall Angst haben müssen, dass die angekommenen Syrer hier die 5. Kolumne der Djihadisten bilden, dass…

Ich weiß es nicht, ich möchte nicht pauschal über die Dinge entscheiden. Es war in diesem Sommer 2015 ein Zufallstag in einem Zufallswohnheim für Asylbewerber… Es war ein schöner, ruhiger Tag und ich kam nach Hause zurück, zufrieden und beruhigt.

Möge das für alle anderen Flüchtlinge und für uns alle gelten…

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Ewa Maria Slaska i oznaczony tagami , . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s