Die kleine große Welt (17)

Monika Wrzosek-Müller

Warszawa – Warschau, Impressionen

Sie war in die Stadt ihrer Jugend gereist, mit Freunden und Sohn; ohne bestimmte Absichten, ohne Hintergedanken. Das erste Mal seit langem, oder war das überhaupt das erste Mal, als Touristin, ohne an tausende Sachen, die es erledigen gab, denken zu müssen, ohne sich mit den „daheim Gebliebenen“ beschäftigen zu müssen. Nicht einmal ihre Warschauer Freunde hatte sie benachrichtigt, sie wollte sich die Zeit für sich selbst und ihre Mitreisenden nehmen. Es waren auch nur drei Tage, die sie zur Verfügung hatten.

Ihre Stadt erlebte sie diesmal aus einer ganz anderen Perspektive und war sichtlich erstaunt, wie lebendig, gewachsen, sauber und menschenfreundlich sie geworden war. Abgesehen von den tropischen Temperaturen und einer Trockenheit, die die halbe Weichsel hatte verschwinden lassen, aber doch ein stetes Bemühen sichtbar machte, die Parks und Grünanlagen im Schuss zu halten, abgesehen auch von der gesperrten Brücke der Łazienki-Trasse, wegen der der Verkehr auf die andere Seite der Weichsel lahm gelegt war, war die sommerliche Zeit wunderbar, um die Stadt zu durchwandern und zu besichtigen. Die Warschauer selbst waren eher in Ferien, die große Sommerpause lag ausgebreitet über der Stadt, es gab weniger Verkehr, in den Parks sah man fast nur ältere Leute, kaum Studenten auf den Hauptstraßen Krakauer Vorstadt und Neue Welt; doch sicher viele Touristen, Unmengen von jungen Leuten in heiterer Sommerstimmung, die den Darbietungen verschiedener Akrobaten, Musiker und Theatergruppen aufmerksam folgten, auch viele Gruppen von Ausflüglern aus Israel, Deutschland, Italien und anderswoher. Man hörte vor allem Englisch aus allen Richtungen, in allen Varianten, Niveaus und mit unterschiedlichsten Akzenten und doch natürlich Polnisch, und sie hörte ab und zu ihren Sohn ihre Sprache sprechen und war sehr davon berührt.

Sie wohnten im Mittelpunkt der Bewegung der Menschenmassen, nämlich in der Altstadt. Nie hätte sie gedacht, dass sie da mal wohnen würde, dass man da überhaupt wohnen kann; doch im dritten Stock, in dem schönen, geräumigen und gut eingerichteten Appartement, war es erstaunlich ruhig. Sie durchstreiften die Stadt vor allem zu Fuß und dank der hervorragenden Lage ihres Domizils, konnten sie überall schnell hinkommen, manchmal nahmen sie auch eine Tram und einmal erlebten sie dort eine der zwei Warschauer Fixierungen, der zwei kleinen, ungefährlichen Manien, wie sie sie für sich so nannte und die ihr während des kurzen Aufenthalts aufgefallen waren. Im letzten Moment, als die Tram schon am Fahren war, sprangen vier jugendliche Musiker auf, die im Stil der Warschauer Aufständischen von 1944 angezogen waren, mit weiß-roten Armbinden, Hosenträgern, Schiebermützen und übergroßen, alten Klamotten, und die Lieder aus der Zeit sangen. Es waren sehr einfache, im Marschtempo gesungene Lieder, die damals zur Erheiterung und zum Ansporn, große Taten zu vollbringen, oder auch am Leben zu erhalten, was es zu erhalten gab, gesungen wurden. Wenn die jungen Aufständischen oft in ausweglosen Situation waren, halfen ihnen die Lieder, einen Faden des Optimismus zu spinnen. Sie kannte sie alle von ihrem Vater und konnte sie mitsingen; er hatte sie sein Leben lang, auch in schwierigen Situationen, immer wieder gesungen: „Pałacyk Michla“ [Das Schlösschen von Michler], „Serce w plecaku“ [Das Herz im Rucksack], „Rozszumiały się wierzby płaczące“ [Es rauschten die Trauerweiden] „Hej chłopcy bagnet na broń“ [Also Jungs, Bajonett präsentieren], „Pieśń szarych szeregów“ [Der Song der Grauen Reihen] und viele andere mehr. Mit manchen verband sie die Erinnerung an sie als kleines Kind während der Ausflüge in den Wald, ans Meer oder in die Berge, wo sie diese Lieder alle zusammen marschierend gesungen haben; eine Nostalgie und Melancholie bemächtigte sich ihrer; sie sang: „Ein Soldat marschierte seinen Weg, hat sich eines Herzchens angenommen, er steckte es in den Rucksack und marschierte weiter.“ oder „ Das Schlösschen von Michler, Zytnia, Wola, das alles verteidigen die Jungs von ‚Parasol’ [Schirm], obwohl sie nur Pistolen gegen den Tiger haben – das sind doch Warschauer Jungs…“ ganz im Marschtempo, mit dem großen Optimismus, den man sich einreden musste, sollte und wollte. Eine ältere Frau wandte sich an sie; so toll würden die jungen Leute heutzutage singen, bravo, bravissimo, besser als die herumlaufenden Zigeuner, noch mehr: sie hatte Tränen in den Augen. Die Gruppe bekam gutes Geld und stieg zufrieden mit Schwung aus dem Straßenbahnwagen aus. Noch eine ähnliche Gruppe und noch eine andere haben sie dann auf ihrem Weg zur Altstadt an diesem einen Tag auf diese Art spielen und singen gehört. Überhaupt war der Warschauer Aufstand in der Stadt omnipräsent, abgesehen von dem schönen, umstrittenen Museum des Warschauer Aufstandes, in dessen Archiv ihr Vater seine Erinnerungen deponiert hat, an den vielen Denkmälern und Erinnerungstafeln stolperte man auch in Warschau über die Stolpersteine; natürlich dachte sie, das historische Ereignis wurde so lange verschwiegen, also musste jetzt umso heftiger daran erinnert werden. Doch manchmal hatte sie so ihre Zweifel, wem und wozu das alles diente und diese Überpräsenz der Erinnerungsorte machte sie unsicher. Doch sie freute sich immer, dass ihr Vater noch zu Lebzeiten endlich Anerkennung und Beachtung für sein leidvolles Leben gefunden hatte.

Die zweite Manie betraf Chopin. Sie gingen ganz bewusst zum sonntäglichen Konzert an seinem Denkmal in Łazienki-Park; das ist eine sehr schöne, alte Warschauer Tradition. Es spielten meistens die Teilnehmer des Chopinwettbewerbes. Jung und Alt, hunderte von Menschen hörten sich Jahr für Jahr diese Musik an, die älteren saßen auf den Stühlen und Bänken, die jüngeren lagen im Grass, wie es sich gehört. Wir mussten leider zu den jüngeren zählen, denn es gab keine Sitzplätze mehr. Trotzdem war das Hören dieser sehr polnischen Musik in der besonderen Umgebung ein großes Erlebnis und alle vier waren wir sehr davon berührt und angetan. Sie beobachtete das Publikum; es gab junge Frauen mit kleinen Kindern, die ganz still auf dem Boden lagen, auch junge Väter mit Kindern, die sich meistens weniger ruhig verhielten, weniger präsent waren ganze Familien; die jungen Leute waren alle sehr lässig, eher sportlich angezogen. Es gab aber ältere Damen, sehr aufgemacht; in Hüten, in Sonnenhüten mit Blumen und Kokarden und ohne, mit bunten Tüchern, über die Schulter oder am Hals, mit kleinen Sonnenschirmen, mit kleinen Täschchen oder größeren Körben, weniger Herren in heller Sommerkleidung. Das gefiel ihr ausgesprochen gut; ins Staunen geriet sie aber erst später, auf der Krakauer Vorstadt, wo sich eine Frau auf eine der schönen Bänke setzte und, siehe da, Chopin-Musik erklang, und es stellte sich heraus, dass aus allen diesen schönen Bänken Chopin erklang, sobald man sich glücklich oder unglücklich hinsetzte. Sie war mit Chopin aufgewachsen, die Mutter zwang sie immer wieder zum Chopinwettbewerb zu gehen oder die Vorausscheidungen im Fernsehen oder Radio zu verfolgen. Sie selbst hatte unzählige CDs mit seiner Musik und hörte sie sehr oft und gerne, aber wurde die Musik des Künstlers nicht überstrapaziert mit dieser Omnipräsenz, einer nicht immer gewollten? Es hingen auch überall Erinnerungstafeln, wie lange und wo sich Chopin aufgehalten hatte. Angesichts der Tatsache, dass er eigentlich schon mit 21 Jahren, nach dem Novemberaufstand von 1831, ins Ausland gegangen war und fast sein ganzes erwachsenes Leben in Frankreich verbracht hatte, schien ihr diese Überpräsenz in Warschau etwas lächerlich und künstlich, aber auch rührend.

Des Weiteren besichtigten sie alle möglichen Museen und Gebäude, Galerien und Parks und auch natürlich; was für sie vor 20 Jahren noch gar nicht so natürlich gewesen wäre, den 31. Stock im Kulturpalast von Warschau – demselben ungeheuerlichen Palast, den sie früher immer gemieden, ausgelacht und manchmal auch gehasst hatte, als Symbol der fremden Macht, die sich ihrer Stadt, ihres Landes bemächtigt hatte – wo man das alles noch mal von oben sehen konnte, wo sie unten gewesen waren und staunten über die solide Inneneinrichtung des Palastes, die der vergangenen Zeit trotzte und glänzte und doch irgendwie imponierte.

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