Die kleine große Welt (18)

Monika Wrzosek-Müller

Wittenberg
Cranach der Jüngere und die Cranachs

Seitdem sie den Umschlag des Katalogs der Cranach-Ausstellung gesehen hatte, war sie so in das feine Bild der Prinzessin Elisabeth von Sachsen verliebt, dass sie es sehen musste. Die Fahrt nach Wittenberg, in die weitere Umgebung von Berlin war gut für einen Sonntagsausflug. Sie wählten eine Route abseits der Autobahn, wie sich herausstellte auch zurecht, denn wie immer wurden in den Sommermonaten die Fahrbahnen repariert und ausgebessert und es staute sich direkt nach der Ausfahrt aus Berlin; Staus gab es auch schon in Berlin, wie immer im Sommer, wenn verstärkt an den Straßenschäden gearbeitet wurde, und sie standen da auch einige Minuten länger. Es war Sommer in voller Blüte und Trockenheit, doch das Grün überwog und manchmal blühten sogar noch Kornblumen, die Mohnblumen waren dagegen fast gänzlich verschwunden; an manchen Stellen war die Trockenheit nicht zu übersehen, der Mais stand nur halbhoch, die Maiskolben ganz ausgetrocknet und bräunlich, manche Felder schon abgeerntet. Doch der Weg führte durch kleine Ortschaften, in deren Mitte fast immer eine schöne alte Dorfkirche aufragte und an den Straßenrändern Menschen saßen und Pflaumen, Karotten, Blumen, alles was ihre Gärten hergaben,verkauften und dann wieder führte die Straße durch größere Waldstücke, Wälder, manchmal sogar leicht hügelig, also sehr reizvoll.

Die Stadt Wittenberg kannte sie von früheren Ausflügen, doch sie änderte sich mit jedem Jahr und es war immer wieder interessant das nachzuverfolgen, was neu dazu gekommen war; die Wasserläufe mit den prächtigen Blumen-, eher Pflanzen Arrangements, die vielen Plakate zur Cranach-Ausstellung und große über ungenutzten Flächen aufgespannte Abbildungen der Werke der Cranachs stachen in die Augen und auch die vielen Menschen, die doch offensichtlich zu der Ausstellung gekommen waren. Es war diesmal nicht Luther selbst, sondern seine Maler – denn man musste den Sohn auch einbeziehen – denen die Aufmerksamkeit galt. Besonderes gedacht wurde diesmal Cranach d. J. anlässlich seines 500. Geburtstages, mit einer extra für ihn eingerichteten Ausstellung: Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters, damit der Sohn einmal aus dem Schatten seines Vaters heraustreten und seine Arbeit und Werke erstrahlen konnten.

Das Konzept der Ausstellung, sie in realen von der Familie Cranach bewohnten Plätzen einzurichten, gefiel ihr sehr. So war die Ausstellung auf drei Orte in Wittenberg verteilt, an jedem kam man dem Werk des Künstlers näher: Cranach-Haus, Augusteum und Stadtkirche. Für sie war die Einführung Cranachs Welt im Cranach-Haus am Markt sehr einleuchtend; man lernte die Familie kennen, ihr Umfeld und das Schaffen. Demnach gehörten die Cranachs zu den einflussreichsten Familien in der Stadt; sowohl der Senior als auch der Junior wussten sehr wohl, wie man die Güter der Familie vermehrte, sie in Immobilien, die Apotheke und einen florierenden Weinausschank investierte. Natürlich war die Hauptbeschäftigung mit der Malerwerkstatt verbunden; da entstanden die vielen Werke, die Ideen, wie man sie schneller produzieren konnte; verbreitet war die Kunst des Pausens, d.h. eine einmal gemalte Figur, ein Gesicht konnte mit einer Technik, die in der Ausstellung mit einem Video erklärt wurde, sehr einfach auf ein neues Bild übertragen werden. So entstanden die zahllosen Bilder von Luther mit verschiedenen Kopfbedeckungen.

Eine Malerwerkstatt funktionierte wie ein kleines Unternehmen, die der Cranachs mit ihrer enormen Produktivität glich fast einer Bildermanufaktur; es waren viele Leute beschäftigt, die einen produzierten Farben, die anderen bespannten die Leinwände, die Söhne versuchten sich im Zeichnen, wurden von dem Vater an das Handwerk herangeführt. Das alles kann man sehr anschaulich und authentisch in den Cranachwerkstätten nachempfinden. Sie musste während des Gangs durch die Ausstellung immer wieder an die Beschreibung in einem Roman über Leben und Tun von Tintoretto in Venedig denken, auch er führte seine Kinder an das Handwerk heran und verstand es sehr gut zu investieren und sich immer weiter zu entwickeln, auch er verstand sich eher als ein perfekter Handwerker denn als ein genialer Künstler. Sie dachte, wie anders hatte man die Künstler damals wahrgenommen; sie richteten ihr Tun ganz nach den Marktgesetzen, produzierten die Bilder für die ganze Region in unheimlichen Mengen, zogen alle Aufträge an sich, oft konnte man nicht eindeutig feststellen, wer letztendlich der richtige, ausführende Künstler war, denn es gab einfach zu viel zu tun. Diese Gedanken kamen ihr verstärkt in den Räumen der Ausstellungen über die Cranachs.

Und noch eins beschäftigte sie die ganze Zeit, aber den Zugang dazu fand sie nicht; es war doch die Entstehungsstunde der protestantischen Kirche, d.h. die Cranachs bildeten die Ikonografie dieser neuen Glaubensrichtung. Lag das an ihrem Unwissen oder hatte man diesem Aspekt zu wenig Platz eingeräumt, zwar gab es Bilder wie die fantastische Darstellung: Die Arbeit im Weinberg des Herren, wo explizite der Kampf zwischen den guten, fleißigen Protestanten und den faulen, prächtig angezogenen Katholiken wunderbar zum Ausdruck kam, doch sie fand wenig Erklärungen und Erläuterung zu diesem Themenkreis. Vielleicht, dachte sie, alle die sich die Ausstellungen anschauen, sind selber Protestanten und das meiste ist für sie einfach selbstverständlich.

Erschreckend fand sie die Abbildungen, Fotos vom Zustand des Cranach-Hauses vor der Wiedervereinigung; erstaunlich, dass in der DDR nicht einmal so renommierte Künstler Beachtung gefunden hatten, jedenfalls dass ihre Wohnstätte so vernachlässigt worden war; sie selbst hatte doch vor vielen Jahren im Kulturzentrum der DDR in Warschau einen großen, sehr gut dokumentierten Bildband über die beiden Cranachs gekauft, also war das Werk von ihnen bekannt und anerkannt.

Doch am meisten berührt, bewegt oder einfach auch gefallen haben ihr die 13 Zeichnungen von Cranach dem Jüngeren. Sie kamen aus dem Musée des Beaux-Arts de Reims und sind zum ersten Mal alle zusammen in Wittenberg zu sehen, in einer Art von Schatzkammer, mit gedämpften Licht. Die Zeichnungen auf dem vergilbten, alten Papier leuchten trotzdem durch ihre Schönheit, Präzision und Ausdruckskraft. Man steht verzaubert und erstaunt von der Lebendigkeit und Bildhaftigkeit der Porträts. Lucas Cranach d.J. verstand es meisterhaft, die feinen Linien, die Lichteinfälle, die Schattierungen wiederzugeben; seine Zeichenskizzen erinnerten sie wiederum an diejenigen von Leonardo da Vinci, aus dem Museum in Vinci. Gerade diese Zeichnungen bilden für sie den Mittelpunkt der Ausstellung, sind modern, leben weiter und inspirieren junge Künstler.

Wichtig und interessant fand sie auch die Herausarbeitung der Unterschiede in der Malweise, dem Malduktus zwischen dem Vater und dem Sohn; denn nach dem Weggang des Vaters nach Augsburg blieb die Werkstatt weiterhin sehr gut ausgelastet mit neuen Aufträgen, hauptsächlich bürgerlicher Porträts, Epitaphien und Altären.

Viele der Epitaphien und Altarbilder hat sie dann in der Stadtkirche gesehen, der Rundgang bildete auch das Ende der Besichtigungstour; die anderen Ausstellungsorte in Dessau und Wörlitz, sowie in den kleineren Kirchen der Umgebung von Wittenberg konnte man an diesem einen Tag niemandem zumuten.

***

Heute vor 500 Jahren, am 4. Oktober 1515, wurde Lucas Cranach der Jüngere als jüngster Sohn von Lucas Cranach dem Älteren und Barbara Brengebier in Wittenberg geboren. Das Land Sachsen widmete ihm und der ganzen Cranach-Familie mehrere Ausstellungen und Veranstaltungen – mehr

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Monika Wrzosek-Müller i oznaczony tagami , , . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s