Die kleine große Welt (19)

Monika Wrzosek-Müller

Monte Argentario

Sie war wieder im Paradies gelandet – zwischen den Grabmälern (tombe) der Etrusker, römischen Ruinen oder eher Ruinen einiger römischen Städte auf den Hügeln und in den küstennahen Ebenen. Daneben gab es Lagunen; die östliche Levante, in der das Meerwasser überwog, und die Westliche Ponente mit dem Süßwasser, wo sich mehrere Fischbecken und eine Fischfarm fanden und das Wasser leider die Gerüche der sich in engen Becken tummelnden Fische weitergab und die Lust, diese dann abends zu essen, etwas verdarben. Doch von oben, von dem Hügel einer antiken römischen Stadt, sah alles aus wie ein Traum, das Wasser in drei, eigentlich vier Farben, das offene Meer und die beiden Lagunen; die eine dunkel, morastig, verdunstend und die andere grün, grünlich, aber bewegt und das Meer blau, mit Schaumkronen auf den Wellen. Bei näherer Betrachtung waren selbst die beiden Meere verschieden, unterschiedlich das Wasser; das eine klar und durchsichtig, das andere mit Sand aufgemischt, gelblicher; alles durchbrochen mit langen Linien vom Grün der Pinienwälder, das sie an das Grün der indischen Teeplantagen erinnerte, und Schilf und Macchia, und der lange gelbe Streifen des Sands der Strände. Dahinter ragte der große Monte Argentario, von dem der Blick über die vielen Meere und die kleinen Inseln frei gleiten konnte. Es war ein Paradies für Menschen und Tiere, sorgsam vor den nachlässigen und, wenn es um die eigene Mühseligkeit und Bequemlichkeit ging, überaus toleranten Italienern geschützt und bewacht, ein Naturreservat, ohne die üblichen kleinen Umwege und größeren Wege, auf denen man doch mit einem Auto oder Motorino durchschlüpfen konnte; nur Fahrräder waren zugelassen; die konnte man sich ausleihen und die sechs Kilometer lange Pineta entlang radeln. Selbst die Zahl der streuenden Hunde und Katzen war begrenzt, genauso die Zahl der immer wieder an den Stränden wandernden Schwarzen, die verschiedensten Waren anboten. Doch sie waren vorhanden und machten aus dem Paradies ein purgatorio, ein Fegefeuer, wo die Versuchung groß war, immer mehr, immer neue Sachen zu kaufen, zu haben, und die Menschen in den Bars und in den Restaurants konnten es nicht lassen und kauften und redeten sich ein, sie würden den Bedürftigen damit helfen und ihr Gewissen etwas damit beruhigen und die andere Welt vergessen, die aber immer wieder an ihre Türen klopfte.

Sie war diesmal fest entschlossen, die Reste der alten Kulturen zu sehen; die geheimnisvollen Etrusker mit den stolzen Römern, die beiden antiken Kulturen, die sich hier immer wieder mischten und ergänzten. Von den Etruskern hatte man hauptsächlich die Nekropolen in Hülle und Fülle, die Sarkophage schmückten jedes größere Museum oder gar Rathaus, Rathausplatz oder andere wichtige Plätze; die Nekropolen lagen ausgebreitet auf weiten Flächen, darüber gingen dann irgendwann doch die Römer mit ihren breiten, mit Basalt gepflasterten Straßen, schufen weite Konstruktionen ihrer Städte, mit herrlichen Villen, mit Thermen und Küchen, mit Aquädukten, die das Wasser aus entferntesten Gegenden brachten, mit Tempeln und Foren, wo sich die Bürger versammelten. Man konnte die Übergänge oder besser das Zusammenleben der Kulturen sehen, beobachten, wer was von wem genommen, übernommen hatte, vervollständigt und nützlicher gestaltet. Es waren überschaubare Flächen, man konnte sie an einem Tag ablaufen, und sich dann im Stillen immer wieder wundern, wieviel Aufmerksamkeit diese alte Kultur der Etrusker ihren Toten widmete; die imposanten Skulpturen auf den Deckeln der Sarkophagen mit den auf einer Seite, in einer völlig unbequemen Pose liegenden Gestalten bewundern: die eine Hand vor dem Körper ihn abstützend, die andere auf der Hüfte, auf der Seite liegend. Es waren sowohl Männer als auch Frauen, reich gekleidet, in wallenden Gewändern, beide Geschlechter gleich zahlreich repräsentiert; eine der wenigen antiken Kulturen, in denen die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer zu haben schienen, was selbst bei der Ausschmückung der Gräber zum Ausdruck kam.

Sie hatte den Eindruck, sie luden ein in ihr Reich, ihre Welt der Toten ein, verströmten steinerne und ewige Ruhe. Es gab so viele von den Skulpturen, dass man sich fragte, wie wohlhabend diese Gesellschaft gewesen sein musste, um sich solche Art von Gräbern leisten zu können. Wie gut oder schlecht ging es dann den Lebenden? Es gab auch bescheidenere Varianten der Gräber, die wie große steinerne Pilze aussahen. Sie standen zusammen auf größeren Flächen, runde wunderbar bearbeitete Steine, die auch etwas Tröstendes und Solides ausstrahlten. Diese ferne Welt der Toten, versteinert und in sich ruhend, verschaffte ihr ein wohliges Gefühl von Ruhe und Kühle, brachte Ablenkung und Abstand von der realen, sehr chaotischen Welt, die zu ihr aus den Bildern und Texten der Zeitungen vordrang und sie erschütterte.

In der globalen realen Welt gerieten die Massen der Flüchtlinge in Bewegung, sie waren nicht mehr zu stoppen, nicht mehr zu lenken; die Menschen kämpften um ihr Überleben, sie wollten ihr erbärmliches Schicksal nicht mehr ohne Gegenwehr ertragen; sie flüchteten vor der Unmenschlichkeit, dem Krieg, den Diktaturen. Das Erstaunliche dabei war nur: Warum passierte das in diesem Moment, als ob alle auf einmal bemerkt hätten, wie schlecht es ihnen ging und wie wenig sie dagegen in ihren jeweiligen Ländern tun konnten. Die Bilder der Menschen eher der Menschenmassen, die die provisorischen Zäune in Serbien und die solideren in Ungarn passierten, auf Bahnhöfen in die Züge drängten, erfüllten sie mit Angst. Sie konnte kaum glauben, dass sie alle jetzt, hier Hilfe benötigten; vielleicht wollten sie ihre Welt verändern oder an dieser heilen Welt wenigstens teilhaben.

Sie versuchte in den antiken Welten Ruhe und Antworten auf die vielen sich drängenden Fragen zu finden, wie lebten damals die Menschen zusammen; was verbindet die Menschen, was teilt, wie schafft man Harmonie, Wohlgefühl im Leben? Es gab natürlich keine Antworten; die steinerne Welt ruhte in verstaubten Räumen und auf den weiten Feldern der Steine und die neue schien erst den Anlauf zu nehmen, und es war nicht klar, wohin sie steuerte.

 

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