Finissage

Lidia Głuchowska

Bunt, internationaler Expressionismus und die avantgardistische „Neue Welt“ – Finissage und Buchpräsentation im Kraszewski-Museum, Dresden

Sonntag, 8. November um 15.00 Uhr

Nur noch wenige Tage ist im Kraszewski-Museum, Dresden die Ausstellung Bunt – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde. Werke aus der Berliner Sammlung von prof. St. Karol Kubicki zu sehen.

Ab dem 26. November wird sie noch in Wrocław gezeigt.

Anlässlich der Finissage findet im Kraszewski-Museum, Dresden Vortrag und Führung von Dr. Lidia Głuchowska sowie die Präsentation der Begleitpublikation zur Ausstellung

10 Gluchowska Poet in TransituAuch wenn Expressionismus zumeist als eine „deutsche“ Stilrichtung bezeichnet wird, war der Radius seiner Wirkung durchaus viel breiter. Im Grunde entfaltete er sich international mit jeweils spezifischen lokalen Ausprägungen, häufig folkloristisch gefärbt, und verlieh der Idee der „neuen Staaten“ Ausdruck, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war.

1a Gluchowska BuntKuratorin der Ausstellung und Autorin vor der Dokumentation der internationalen Vernetzung der Gruppe Bunt, Kraszewski-Museum, Dresden.

Foto: Mariola Nehrebecka

Das expressionistische Universum erstreckte sich von Skandinavien bis zum Balkan. Sein wichtigstes Zentrum in Polen wurde Poznań/Posen, wo die literarisch-künstlerische Gruppe Bunt (Revolte) und die Zeitschrift Zdrój (Quelle – 1917-1922) entstanden sind.

Der Sohn ihrer zweier Mitbegründer, eines deutsch-polnischen Künstlerpaares, Margarete und Stanisław Kubicki, hat sich entschieden, Werke der Posener Künstlervereinigung die nach ihren Berliner Ausstellungen in den Jahren 1918-1922 in der Sammlung seinen Eltern verblieben sind, den polnischen Museen zu vermachen. Dies war der Anlass, eine Wanderausstellung, auf der sie alle zu sehen sind, zu organisieren.

Die Gruppe Bunt, die Teil der transnationalen Kunstbewegung wurde, verkündete in ihren parallel auf Deutsch und Polnisch verfassten Manifesten die Utopie der avantgardistischen, grenzenlosen „Neuen Welt“. Die Fotodokumentation zur ihrer internationalen Zusammenarbeit der ist leider nur fragmentarisch erhalten. Aus ihrer Zeitschrift Zdrój und aus ihrem Briefwechsel ist jedoch bekannt, dass Kontakte mit Künstlerkreisen nicht nur in Deutschland gepflegt wurden, sondern auch in Frankreich, Belgien, Italien, Russland, Tschechien, Island und sogar Indien. Somit werden Initiativen der Künstlervereinigung von eindrucksvoller Reichweite bestätigt, die auch alle drei damaligen Teilungsgebiete Polens miteinbezogen. Diese wird ebenfalls durch die Publikationen in solchen expressionistischen Kunstzeitschriften wie Die Aktion, Der Sturm, Der Weg oder Die Bücherkiste bestätigt.

2 Skotarek BuntPlakate der ersten Ausstellung der Gruppe Bunt (Revolte) in Poznań/Posen 1918 sowie expressionistische Linolschnitte von Władysław Skotarek , darunter Schrei und Panik, inspiriert vom Schrei Edvard Munchs

Die Bunt-Mitglieder verewigten nicht einmal ihre erste Ausstellung, die als strategischer succès du scandale gilt und deren Aura den Veranstaltungen der Zürcher Dadaisten und Modernisten in Paris gleichen sollte. Das einzige Foto, welches das Zentrum ihrer Tätigkeit dokumentiert – den Gutshof des Verlegers der Zeitschrift Zdrój Jerzy Hulewicz in Kościanki – zeigt diesen nur in Begleitung ihrer ersten informellen Herausgebers, Stanisław Przybyszewski, der seinerzeit in Berlin als der „geniale Pole“ bezeichnet wurde. Dieser hat allerdings in Berlin 1894 die erste Monographie über den Urexpressionisten Edvard Munch und somit auch die erste Theorie des Expressionismus verfasst.

3 Przybyszewski HulewiczStanisław Przybyszewski und Jerzy Hulewicz vor dem Porträt Przybyszewskis aus der Hand von Jerzy Hulewicz. Kościanki, Wielkopolska [Großpolen].
Aus: Stanisław Przybyszewski, Listy, Hg. v. Stanisław Helsztyński, Bd. 2., Warszawa/Gdańsk 1938.

Ein groteskes Anti-Gruppenbildnis ist wiederum das Foto von den Separatisten des Kongresses Internationale Union fortschrittlicher Künstler in Düsseldorf im Jahr 1922, an dem Margarete und Stanisław Kubicki teilnahmen. Hier ist der spiritus rector des radikalen Flügels der Künstlervereinigung Bunt unter den wichtigsten Vertretern der internationalen Avantgarde zu sehen.

Dem Ex-Dadaisten Raoul Hausmann gelang es wiederum mithilfe von Licht-Schaffen-Effekten das expressionistische Linolschnittbildnis von Kubicki nachzuahmen.

4 Separatysci Hausmann

Links: Separatisten des Kongresses der Union Fortschrittlicher Internationaler Künstler, Düsseldorf, 1922 Stanisław Kubicki (sitzend), Franz W. Seiwert, Hannah Höch, El Lissitzky, Otto Freundlich, Ruggero Vasari, N.N., Nelly van Doesburg, Cornelis van Eesteren, Hans Richter, Theo van Doesburg, Raoul Hausmann, Werner Graeff.
Foto: Retina, aus: Central European Avant-Gardes: Exchange and Transformation, 1910-1930, Hg. Timothy O. Benson, Cambridge 2002, S. 35
Rechts: Raoul Hausmann, Korb mit Lampe, 1930, Fotografie, Privatsammlung von Prof. St. Karol Kubicki, Berlin. Foto: Mariola Nehrebecka

Ein im Privatarchiv Kubickis erhaltenes Foto der Gruppenmitglieder von Jung Jiddisch aus Łódź bestätigt die Einbindung von Bunt in das multikulturelle künstlerische Leben Polens nach dem ersten Weltkrieg. Suggestiv wirken auch die Porträts einiger Künstler beider Vereinigungen aus der Serie Menschen des 20. Jahrhunderts von August Sander, gestaltet in der Konvention der Neuen Sachlichkeit. Von Hausmann wurde Kubicki nicht nur porträtiert. Zusammen mit ihm realisierte er auch Fotoexperimente, deren Dokumente zwei in seinem Atelier entstandene und in seinem Nachlass erhaltene Aufnahmen, mit dynamisch und abstrakt wirkenden Formen bilden.

5Hausmann IdyszRechts: Marek Szwarc, Moses Broderson und Jankiel Adler präsentieren das zweite Heft ihrer Zeitschrift Jung Idysz (Jung Jiddisch) 1919, Nr. 2–3. / Links: Raoul Hausmann, Korb mit Lampe, 1930. Foto: Lidia Głuchowska

1926 in Berlin führte Kubicki in Berlin Gespräche mit dem polnischstämmigen Vertreter der russischen Avantgarde, Kasimir Malewich. Diese desillusionierten ihn endgültig zur Idee der „proletarischen Kunst“, was in seinen Beiträten in der Kölner Kunstzeitschrift a bis z zum Ausdruck kam. Diese wurde von der Gruppe progressiver Künstler herausgegeben, mit der die Kubickis zwischen 1923 und 1933 zusammen ihre Werke ausstellten. 1929 wurde Kubicki auf Empfehlung ihres Wortführers, Franz Wilhelm Seiwert, vom Hoffotografen der Progressiven, August Sander, in der Berliner Hufeisensiedlung auf einen für dessen Serie Menschen des 20. Jahrhunderts bestimmten Porträt verewigt.

6 Malevich Kubicki SanderLinks: Kasimir Malewitsch und Tadeusz Peiper in Berlin, Frühling 1927, Fotografie gesendet als Postkarte an Jalu Kurek in Krakau, aus: Andrzej Turowski, Malewicz w Warszawie, Kraków 2002, S. 212. /Rechts: August Sander, Der Maler (Stanislaw Kubicki), 1929, Privatsammlung von Prof. St. Karol Kubicki, Berlin. Foto: Mariola Nehrebecka

Wie ein Memento Mori an die nationalsozialistische Ära und an die Verbannung der sg. ‚entarteten Kunst’ aus dem offiziellen Kunstleben wirken Fotografien von Skulpturen Weiblicher Torso von Otto Krischer sowie Mutter und Kind von Pola Lindenfeld, welche von SA und SS während der Durchsuchungen im Berliner Haus der Kubickis zerstört wurden.

7 Kirscher LindenfeldOtto Krischer, Weiblicher Torso, ca. 1919 (links) und Pola Lindenfeld, Mutter und Kind, Gips, ca. 1922 (rechts).
Fotografie der Plastiken aus der Privatsammlung Kubicki die von den Nazis im Rahmen der Aktion ‚entartete Kunst’ vernichtet wurden. Foto: Lidia Głuchowska

Das nur noch von einer alten Postkarte bekannte Denkmal Zum ewigen Andenken an Józef Piłsudski, das einzige klassizistische Werk im Œuvre von Kubicki, bezeugt nicht nur den Kult um den polnischen Staatsanführer angesichts der wachsenden Stärke des sowjetischen und nationalsozialistischen Totalitarismus, sondern erinnert auch die Affinität der Bunt-Künstler zur Idee der Vereinigung Polens im Geiste seiner Politik während des Ersten Weltkrieges. Es veranschaulicht auch die Ambivalenz ihrer Selbstidentifizierung, die zwischen romantischer Begeisterung für den 1918 entstandenen polnischen ‚neuen Staat’ einerseits und avantgardistischer Utopie der internationalen ‚Neuen Gemeinschaft’ andererseits schwankte.

9 Kubicki PilsudskiStanisław Kubicki, Denkmal Zum ewigen Andenken (1935–1939) an Józef Piłsudski und seine Legionäre aus der Gemeinde Kobylepole, die in den Jahren 1919–1920 gefallen sind. Park des Palastes vom Grafen Stanisław Mycielski in Kobylepole. Denkmal vernichtet in den 1940ern.

Kubicki war nicht nur ein bildender Künstler, dessen Werke eine besondere geometrische Stringenz aufweisen, sondern auch ein Kunsttheoretiker und Dichter. 1918-1921, am Ende des Ersten Weltkriegs und in den Folgejahren verfasste er seine expressionistischen, manifestartige Poemen zugleich auf deutsch und polnisch, womit er seinen Beitrag zum avantgardistischen Internationalismus geleistet hat. Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs schloss er sich der der polnischen Widerstandsbewegung an und wurde 1942 von der Gestapo ermordet, womit er die Wahrheit seiner eigenen Aussage „Nicht unsere Werke sind wichtig, sondern das Leben“ bestätigt hat.

11 Gluchowska Bunt EkspresjonizmWenn nicht anders beschrieben, stellen Fotos in diesem Beitrag Fragmente des Arrangements der Ausstellung Bunt – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde im Kraszewski-Museum, Dresden

Mehr zum Thema in: Lidia Głuchowska (Hg.): Bunt – Ekspresjonizm –Transgraniczna awangarda / Bunt – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde, Poznań: Muzeum Narodowe, 2015

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Lidia Głuchowska i oznaczony tagami , , . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s