Die kleine große Welt (21)

Heute ist der 11. November, ein großer Jahrestag in der Geschichte Polens… 11.11.1918 ist der Polnische Unabhängigkeitstag. Der Text von Monika passt auch dazu. Alles was nach dem 11.11.1918 in Polen passiert ist, musste sich mit diesem Datum messen. Auch Solidarność.

Monika Wrzosek-Müller

Gdańsk und eigentlich Sopot, gesehen

Sie fuhr nach Gdańsk und eigentlich nach Sopot, da sollte ihr Mann einen Vortrag halten. Normalerweise machte sie das nicht, aber diesmal bedeutete die Reise für sie einen Ausflug in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Die Vergangenheit offenbarte sich in Sopot, in den alten Villen, der Hauptstraße „Monte Casino“, die jetzt zwar sehr modern sein wollte, für sie aber voll von Bildern aus den alten Zeiten war. Die Stadt versuchte die Balance zwischen dem Neuen, Kommenden und ihrer mondänen Vergangenheit zu halten; nicht immer gelang das reibungslos und sie staunte über die Anhäufung von schlechtem Geschmack in der flächendeckenden Bebauung am Ende der Meile und der neuen, monströsen, erst im Entstehen begriffenen Station der S-Bahn mit der obligatorischen und allgegenwärtigen Einkaufsmeile. Doch die Mole und das Meer, dann auch die Hügel mit den Buchenwäldern im Hinterland entschädigten für Vieles und sie dachte, dass hier die ideale Lage für ein langes, glückliches Leben sei; zwischen zwei großen, pulsierenden Metropolen, der einen sogar mit einer langen, verwickelten aber, wie sie aus dem Vortrag ihres Mannes erfahren hatte, wunderbar alten Geschichte und entsprechend altem Stadtkern; alles verbunden mit einer Art S-Bahn, die die Massen ganz schnell von einer Ecke in die andere brachte. Diese S-Bahn, SKM, die alle Orte entlang der Danziger Bucht verband und Unmengen von Menschen beförderte, war für sie, wie ein Band, das sich nicht nur durch die geografische Weite, sondern auch in die zeitliche Tiefe schlängelte. Mit der Bahn war sie immer wieder gefahren, schon damals, bei den ersten Reisen nach Gdansk mit den Eltern und dann zu den Freunden nach Sopot und dann mit ihrem ersten, dann dem zweiten Mann und ihrem Sohn bei den Ausflügen nach Gdańsk. Sie war während des Kriegszustandes dort und vorher schon auf der Werft, bei den Streikenden, mit einem ARD Team, und immer wieder fuhr sie mit der S-Bahn. Es war eine geniale Verbindung, schnell, zuverlässig, sehr einfach, sich zu orientieren, immer noch, Gott sei Dank, nicht ganz modernisiert, manchmal quietschend, manchmal etwas schmutzig und schüttelnd, doch insgesamt ein wunderbares Verkehrsmittel, und da sie oben, d.h. oberirdisch fuhr, konnte man auch vieles sehen, ja besichtigen, bestaunen, wieviel sich änderte, auch drin die Leute beobachten, wie sich der Menschenschlag auf den längeren Strecken veränderte, an den Gesichtern abzulesen versuchen, was sie machten, wohin sie eilten, ihre Sorgen, kleinen Freuden, Langeweile und Hetze. Die jungen, frischen Gesichtern sehen, die überall in Europa fast gleich waren und die kleinen Unterschiede versuchen rauszukitzeln, was das Besondere in Polen, in Gdansk wäre, und mit Erstaunen feststellen: Wenn es um Mode ging, glichen sich die jungen Leute überall sehr.

Zum „Europäischen Zentrum der Solidarnosc“ musste man sich dann zu Fuß schwer durchkämpfen. Durch eine Wüste von Ruinen und chaotischer Bebauung, mit scharfen Winden, die plötzlich von einer Richtung in die andere wehten, gelangte sie an eine riesige, moderne Architektur, die sehr anders als alles rundherum war. Man konnte durch den alten Werfteingang auf die Rasenfläche um das Gebäude vordringen und sie dachte, früher gab es diese Rasenflächen nur um die großen Kirchen, die großen Kathedralen, das fanden die Menschen wichtig, die Kirche stand im Stadtzentrum. Jetzt breiteten sich große Flächen um die Museen, um die kulturellen Zentren, Einrichtungen, wohin die Menschen strömen sollten, konnten und, wie sie gesehen hatte, auch wollten.

Die Architektur war atemberaubend, es war alles durchdacht, es gab viele Ebenen und dahin führende Treppen, alles sehr spartanisch, industriell, funktional und doch beeindruckend. Sie erinnerte durch den Gebrauch von Cortenstahl für die Außenfassade an einen Schiffsrumpf, der im Entstehen begriffen war, mit der rostroten Farbe, der im Dock vor sich hin rostete, auch die Schrägen und Lichteinfälle dazu kamen ab und zu auf den dicken Taus hängende Elemente, das alles stammte aus der Schiffslandschaft. Innen war das Gebäude mehr als geräumig, riesig und luftig, im Hof mit Platz für viele Pflanzen. Ja, den Besucher empfing ein grüner, beleuchteter Garten Eden mit Bänken und Sitzgruppen zum Verweilen einladend, der im Kontrast zu den nackten, manchmal gläsernen Wänden stand. Rundherum und nach oben führten Eingänge, Rolltreppen und Korridore zu den Konferenz- und Bildungszentren, dem Archiv, der Bibliothek und den Cafés, zum Restaurant und zur Mensa; am Ende gab es auf zwei Ebenen, auf einer gewaltigen Fläche von 3 000 m², die Ausstellung über die Geschichte der Bewegung Solidarność, einführend auch über alle osteuropäischen Freiheitsbewegungen. Sie ging durch die Räume der Ausstellung wie betäubt, wollte auf den Fotos irgendwelche bekannte Gesichter finden, suchen; aber es war zu viel, zu gut inszeniert, so dass es einen in die erzählte Geschichte hineinzog.

Erst am Ende der Ausstellung, als sie die riesige Wand mit den weißen und roten Täfelchen, auf denen man sich verewigen konnte, und die als eine Art von Gästebuch funktionierte – dabei bildeten die Täfelchen die Kaligraphie des Wortes Solidarność – dachte sie, jetzt würde sie bestimmt bekannte Inschriften finden. Und siehe da: es gab tatsächlich mehrere von ihren Freunden, ihren Bekannten aus Warszawa, die ganz am Anfang, dem Tag der Eröffnung am 31 August 2014 die Ausstellung besucht und sich auf den Täfelchen verewigt hatten; und schon wieder wurde für sie die große Welt etwas kleiner, sicherer, eben heimischer.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Monika Wrzosek-Müller i oznaczony tagami . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s