Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Baumwipfelpfad = Baumkronenweg, Beelitz Heilstätten

Sie kannte Beelitz Heilstätten schon aus der Zeit, als der kleine Michi da war. Die Neurologische Reha Klinik war teilweise in den alten Gebäuden der Heilstätten untergebracht, sie verfügte aber auch über einen Neubau. Schon damals fielen ihr die wunderschönen alten Häuser und Anlagen auf, die innerhalb der Reha-Klinik auch renoviert wurden, aber weiter draußen, auf der anderen Straßenseite vor sich hin rosteten, zerfielen, verfielen und auseinanderbrachen. Die Patienten konnten ausgedehnte Spaziergänge machen, auch im Rollstuhl, auch Querschnittsgelähmte, eigentlich nur diese traf man dort. Es gab verschiedene hölzerne Altane, wo man sich auch bei schlechtem Wetter aufhalten konnte, auch Liegehallen genannt, die früher für Liege- und Luftkuren genutzt wurden. Da der Weg aus Berlin schon etwas länger war, blieb sie jeweils länger, fast den ganzen Tag, und ging nach dem Besuch bei Michi über die Straße und fand immer neue Gebäude, neue Ruinen, neue Ausblicke, die ihr den Atem stocken ließen.

Manchmal sah sie in den Ruinen junge Fotographen, die ihre Freudinnen, oder waren das echte Models?, fotografierten; die Kulisse war atemberaubend, die Mädchen weniger: sie waren immer so extrem dünn, geschminkt und zurecht gestutzt, dass sie erschauerte und bei den Haaren manchmal Zuckerwatte vermutete. Neben hohen zerfallenden Räumen, kam noch das sich in Windeseile windende Grün des Hopfens und des Efeus, zwischen den Steinen und auf den Dächern um die Stahlkonstruktionen wuchsen fast neue Wälder mit Kiefern und Birken, an den breiten und langen Wänden und Mauern erschienen immer mehr Graffitis, die diese unheimliche Welt auf künstliche Weise belebten; ein Highlight für Castings und Shootings, sie sah immer mehr Fotografen und sogar Filmteams auftauchen (auf dem Gelände wurden Szenen für Polanskis „Pianist“ gedreht); daneben durchstreiften den Park auch unheimliche Wesen, auf der Suche nach esoterischen Erlebnissen. Zwar waren damals noch einige Gebäude fast intakt, manche sogar noch mit Fenstern, doch gingen die Zerstörung und der Zerfall sehr schnell voran. Sie wunderte sich, dass man so einen Komplex vor sich hin vegetieren ließ.

Die Geschichte der Heilstätten beginnt in 90er Jahren des 19. Jh.; es werden immer mehr Gebäude für Lungen- und Tuberkulosekranke gebaut, für Frauen und Männer getrennt, bis es 60 Häuser auf einer Wald/Parkfläche von 200 Ha sind. An dem Projekt arbeiten bis 1930 mehrere Architekten und es gibt mehrere Bauphasen; deswegen sehen wir da Häuser im historisierenden Stil und dann auch solche mit Jugendstil-Elementen, mit entsprechenden Kacheln und Stahlkonstruktionen, große Hallen mit imposanten Treppenaufgängen, die Wände gekachelt, mit schönen riesigen Fenstern, Bögen, Rundungen, kleinen Wandreliefs. Schon im Ersten Weltkrieg wird das Gelände mit den Gebäuden in ein Lazarett umgewandelt, genauso dann im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg bis 1994 befindet sich in den Räumen das Zentrale Militärkrankenhaus der sowjetischen Besatzungsmacht, die meisten Häuser sind erhalten, wenngleich in schlechtem Zustand.

Nach der Wiedervereinigung werden die Neurologische Rehabilitationsklinik, Parkinson-Krankenhaus, Rehabilitationsklinik für Kinder in den Gebäuden untergebracht. Doch der größte Teil bleibt brach liegen; die Versuche, durch Eigentümergesellschaft die Sanierung der Denkmalsubstanz voranzutreiben, misslingen.

Und dann eines Sonntag Morgens fuhren sie mit Freunden nach Beelitz Heilstätten, um auf dem gerade eröffneten Baumkronenweg spazieren zu gehen. Sie war etwas misstrauisch, diese Art von Events mochte sie eigentlich nicht, auch nicht, dass etwas so massiv Künstliches in eine Landschaft gestampft wurde, so wie die Skilifte und Skipisten in den Bergen, die sie doch immer wieder benutzte, oder wie Wasserrutschen und dergleichen am Strand, von denen sie sich immer fernhielt. Ihr Gefühl gab ihr Recht, von unten sah der Pfad monströs aus, eine zusammen geschweißte Konstruktion, riesig in den Park reingestellt. Es war kein besonders gutes Wetter und es gabt nicht allzu viele Menschen, sie gingen getrennt nach oben, denn der Hund musste draußen bleiben. Sie stieg die nicht enden wollenden Treppen, unzählige Stufen, nach oben zum Pfad, der in 24 m Höhe liegt. Es war gerade Herbst, die Bäume hatten die letzten Blätter noch auf den Kronen, die Färbung war eher gelblich braun, die letzten Momente der Pracht mit Grün durchwebt; plötzlich stand sie mittendrin, in der Stille, spürte die Bewegung der Bäume, das leichte Schaukeln der Konstruktion, da oben weht der Wind viel kräftiger, und war begeistert. Vielleicht fühlt man sich ähnlich, wenn man die chinesische Mauer abläuft. Ja, es ist ein Erlebnis, von oben auf diese zerfallene Landschaft, Architektur zu schauen; mit einer großen Anlage des Frauenpavillions, mit kleinen, eingerissenen WC-Häuschen, großen Ruheräumen, Zimmern, Korridoren. Man erkennt noch alles und doch verschwinden die genauen Umrisse, weil sich da schon das Grün seinen Weg bahnt. Es entsteht etwas neues, Übergänge, die man sich kaum erträumt hat; ein neuer Wald auf dem Dach, ein Birkenwäldchen in den Zimmern unten; das Grün nimmt alles in Besitz, was es unterwegs findet.

Dann stieg sie noch höher auf den Turm, der in 40 m Höhe wirklich die Sicht über die ganze Gegend erlaubt, bis nach Potsdam, Werder, Beelitz, ein offener Horizont im Meer der bläulich grünen Landschaft, mit wechselnden Wolkenbildern oben und sich bewegenden Baumkronen unten. Von den Bauten sieht man nur Türmchen, Kirchtürme und Hochhäuser weit weg. Sie stand verzaubert und berührt bei so viel freiem Himmel, Luft und Raum, man kann tief durchatmen, den Blick weit schweifen lassen. Und dann hörte sie Rufe, sah lachende Gesichter, die ihren Namen riefen; siehe da, es waren ihre zwei Yogaschüler aus Luckenwalde. Sie versicherten sich gegenseitig, dass der Ausblick fantastisch sei und dass es sich gelohnt hätte den hohen Eintrittspreis zu bezahlen und sie spürte wieder einmal: mit den beiden ist die große Welt etwas kleiner geworden.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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