Weihnachten

Monika Wrzosek-Müller

Weihnachten war und ist für sie ein Fest der Harmonie, Liebe und Zuversicht; verständlich es wurde ein göttliches Kind geboren, alles bewegt sich, richtet sich in die Zukunft aus. Das kann mitunter in Kitsch ausarten, im äußeren und mentalen Kitsch, mit Liedern, sich Verbrüdern, mit Lichterketten und Weihnachtsmärkten, Glühwein, Essen ohne Ende; oder ist es das, was wir im Leben brauchen: ein bisschen Kitsch, damit die Wirklichkeit zu ertragen ist.

Als sie klein war, noch in Warschau, in Polen, konnte sie eine Woche vor Weihnachten nicht baden, oder sie ging zu Bekannten, um dort zu duschen, denn in ihrer Badewanne schwammen immer zwei gesunde, große Karpfen. Sie wollte sie nie essen, weder in Gelee, noch gebraten, noch in Gemüse oder auf griechische Art mit Tomaten. Immer schmeckte sie das sumpfige, morastige heraus und die Gräten machten ihr auch zu schaffen. Als sie da im Bad schwammen, hatte sie die Karpfen mit Brot gefüttert; sie bekamen auch Namen, leider hörten sie auf ihre Namen nicht, schwammen ihre Runden in dem kleinen Becken der Badewanne. Doch Karpfen gehörten zum Weihnachten ihrer Kindheit; vieles gehörte zu Weihnachten, sie erinnerte sich an das wohlige Gefühl und Vorfreude in den Tagen vorher, an viele Vorbereitungen und an das Horten von Lebensmitteln, ausrollen vom Teig für Pirogen und an Kutja mit Mohn, unendlich oft durch den Fleischwolf mit einem entsprechenden Aufsatz gedreht, es durfte ja gar nichts am Tisch fehlen. Und an den Moment als die Lichter am Tannenbaum brannten und die ewigen Streitereien aufhörten, als der Tisch gedeckt war, die Oblate auf ein bisschen Heu in der Mitte des Tisches lag und man mit den Wünschen begann. Als Kind versank sie förmlich in der Sicherheit zwischen Oma und Tante und vielen Geschenken und gesungenen Weihnachtsliedern. Es gab so etwas wie heilige Momente der glücklichen Leere und Wunschlosigkeit.

Später im Erwachsenenleben sollte sie die Sicherheit weitergeben, die Bräuche erhalten und sie kultivieren und diese Gefühle wiederherstellen für ihren Mann und Sohn, für Leute die mit ihr waren.

Sie erinnerte sich an eine lange Reise, noch in den achtziger Jahren, durch ganz Frankreich von Nancy über die Loire Schlösser in die Bretagne, in der vorweihnachtlichen Zeit, und wie sie über die Fülle und Verschiedenheit der angebotenen Waren staunte: es gab unendlich viele Sorten von Käse, von Gemüse, Obst und Meeresfrüchten, selbst von Austern die verschiedensten Formen und angeblich Geschmäcker und dann die ganze Vielfalt der Muscheln. In den Regalen lagen reihenweise, gestapelte Weinflaschen und es wurde lange gesucht, mehrere Läden aufgesucht, ausgewählt, probiert. Die Art der Einkäufe, die als Selbstbeschäftigung verstanden werden und an die angenehme Seite des Lebens erinnern sollte, die sie gar nicht kannte. Einkäufe waren in ihrer Welt immer lästig.

Die grande Fête du Noël fand immer am ersten Weihnachtstag statt und es war das große Essen, meistens doch im Restaurant. Es wurde im Kreis der Familie in ausgesuchtem, vorbestelltem Restaurant lange gespeist. Die riesigen Menüs mit 7 bis 9 Gängen wurden an festlich dekorierten Tischen sehr professionell serviert und verschwanden nach und nach, von den Tischen, Tellern in den Bäuchen; sie wunderte sich jedes Mal, wie man das alles aufessen konnte, aß aber selbst kräftig mit.

Später kamen dann die Weihnachten in Italien, die mit Krippenbauen, Tannenbaum suchen und Besuchen von Familie und Freunden verliefen. Zu Natale ging man Kirchen besuchen, um sich die mehr oder weniger kunstvollen Krippen anzuschauen, auch die Leute zu bestaunen, die unabhängig vom Wetter ihre teuren Pelze und die ganze Winterausstattung trugen. In kleinen Ortschaften stellte jedes Haus eine Krippe vor der Tür aus, es gab regelrecht Wettbewerbe für die schönste, witzigste oder ausgefallenste Krippe; sie erinnerte sich an eine Krippe bei den Carabinieri in San Miniato, die in einem Aquarium hergerichtet war. Weihnachten war die Zeit der Geschenke, kunstvoll verpackte Tüten mit Kleinigkeiten in Seidenpapier eingewickelt, alles wunderschön arrangiert. Und dann die Kartons mit panettone, sie suchten immer die einfachsten, traditionellsten aus, und Vin Santo mit cantuccini. Oft wurden die Reste der Trüffel zum ersten Weihnachtstag verspeist, die Küche war einfach aber aromatisch; die italienische Reihenfolge hielten sie nicht ein, aßen sich nicht durch die antipasti, primi mit Pasta oder und Risotto, secondi mit Fisch und Fleisch und dolci durch. Was sie am meisten genossen, war das Wetter, dass man oft viel Zeit draußen verbringen konnte und es für ihre Begriffe sehr warm war.

Die Städte waren aber nicht so opulent mit Lichtern geschmückt, es hingen manchmal rote Kokarden an den Eingangstüren und ein paar Lichterketten, eher ohne ganzheitliche Inszenierung, ohne große allgemeine Wirkung. Die blieb den Städten und Regionen im Norden vorbehalten.

Jedes Jahr kriegte Berlin ein neues Kleid aus Tausenden Lichterketten; manche glanzvoll und wirklich kunstvoll arrangiert, andere etwas kitschig, bunt, schrill, blinkend; den Möglichkeiten wurden keine Grenzen gesetzt. Das fing schon im Oktober mit dem Fest des Lichts an, als bestimmte Baudenkmäler in vielen Farben beleuchtet wurden. Später kamen dann die Weihnachtsbeleuchtung, die Weihnachtsmärkte und große Tannenbäume mit Lichterketten. Jedes Viertel hatte eigene Konzepte für die vorweihnachtliche Beleuchtung auch mit kleinen Eisbahnen für die Kinder; die schönste Weihnachtsdekoration war natürlich immer am Kudamm oder Unter den Linden, wo die Silhouetten der Bäume mit Tausenden von winzigen Lämpchen nachgezeichnet wurden, manchmal bewunderte sie die kunstvoll arrangierten Fensterläden. Sie fand diese Flut der Lichter ermutigend und aufbauend in der tristen Jahreszeit, auch wenn sie viel Strom verbrauchten. Eher wenig konnte sie mit den vielen Weihnachtsmärkten anfangen, sie mochte die ganz kleinen, künstlerischen, wo man ausgefallene Sachen kaufen konnte und sich aber meistens doch zurückhielt wegen der Preise. Es gab einen Ranking unter den Berliner Weihnachtsmärkten; die größten waren gar nicht die besten. Manchmal hatte man den Eindruck, dass seit Anfang Dezember die Berliner sich an Weihnachtsmärkten ernährten, an manchen war es immer eng und voll.

Es gab noch ein Neujahrsfest außerhalb jeder bekannten Tradition auf einer kleinen Insel, an den Backwaters, in Südindien. Da das Management des Hotels wusste, dass wir aus Europa kamen, gab es unendlich viele Plastikweihnachtsbäume mit blinkenden und pulsierenden Lichterketten und opulenten, sehr farbigen Weihnachtsschmuck, dazu auch indischen Tanz und Musik. Auf einen Weihnachtsbaum versuchte sich immer wieder ein ganz dicker, großer und bunter Vogel draufsetzen, so dass der Baum gleich umkippte zur Erheiterung der Allgemeinheit. Als Feuerwerk wurden die Wunderkerzen angezündet, die leider wegen der Feuchtigkeit gleich wieder ausgingen. So wurde ihr dann auch bewusst, dass der Gebrauch von so viel Plastikzeug und elektrischen Lichterketten eine Not war, alle Kerzen würden sowieso ausgehen, wegen der Feuchte und wegen des Windes. Doch es war ein schönes, buntes Fest.

In Berlin ging sie auch oft in Konzerte in den Kirchen, das Angebot an vorweihnachtlichen Aktivitäten war immens und man verpasste immer das meiste und alle fanden das toll, sie aber sehnte sich doch nach der Helligkeit der italienischen Sonne.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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