Kosmopolen oder Bevor man ein Verein gründet

Emanuela Danielewicz

Aller Anfang ist leicht, wenn man den Humor nicht verliert
oder das
was am Anfang über Polen im Ruhrgebiet in aller Anstandskürze erzählt werden sollte und die Gründung der Kosmopolen Künstlerinitiative nicht verhinderte

Bevor man ein Verein gründet, muss man etwas erlebt haben, was einen dazu bewegt. Meistens ist es ein Mangel. Bei mir war es eigentlich umgekehrt. Ich habe so viel nicht gesehen und so viel nicht erlebt, aber viel geträumt, beobachtet, gehört, gefühlt, verstanden, dass sich der Wunsch, Ideen auch zu verwirklichen vergrößerte. Und ich habe eine Weite an Möglichkeiten dafür gesucht und hier entdeckt.

Im Ruhrgebiet, höflich in der hiesigen Umgangssprache Ruhrpott genannt, um zu betonen, dass wir hier alle im selben Topf stecken, ist die Vereinsstruktur seit Jahrzehnten alltäglich. Ständig werden hier Vereine gegründet, die sehr konkret die Stadt mitgestalten. Hier kann man sich auf die Kumpels-Kultur und SPD Führung verlassen. Jeder hier engagiert sich und manche in sehr vielen Vereinen gleichzeitig. So ist es auch was ganz selbstverständliches ein Vorstand zu sein, oder Präsident und man bindet es anderen nicht sofort auf die Nase, wann man sich zum ersten Mal begegnet.

Die Stadt Bochum war als Ort für die Gründung von Kosmopolen von Anfang an perfekt. Die Geschichte um die ersten drei polnischen Vereinigungen um 1920 (mit dabei mein Großonkel Jan im Vorstand, wie ich viel später erfuhr) trugen dazu bei, dass ich persönlich als „Polin, die aktiv ist” wahrgenommen, schnell städtische Unterstützung fand. Die Politik, die auf Strukturwandel setzt und dabei die lokale sowie  internationale Kulturarbeit die Hauptrolle spielt, hilft. Der „Zeitgeist” lebt heute zeitgleich und fordert Mehrsprachiges, fördert Selbstorganisation, unterstützt alles mit Geschichte und liebt gute Kunst und Diskussionen.

Naiv dachte ich, dass das Interesse an einem neuem „Deutsch-Polnischem” Verein, dass ausnahmsweise künstlerisch-kulturelle Ausrichtung hätte, schnell wachsen könnte. Immerhin wird behauptet, jeder dritte hier im Ruhrgebiet stamme aus Polen. Also nahm ich an, es müsse doch an der Polnischen Kultur auch etwas Interesse geben bzw. am Osten allgemein. Doch es kam anders. Künstler tun sich schwer Ihre eigene Interessen organisierter zu gestalten und zu pflegen, erst Recht Mitglied im weiteren Verein zu werden. Die Deutschen… pardon: Biodeutschen…  haben weiterhin Panik in einem solchen Verein zu oft mit der Vergangenheit beschäftigt zu sein und sind trotz Hochkultur dem Künstler als mündige Person eher skeptisch gegenüber…  Die Polen bzw. die aus den heutigen polnischen Gebieten stammende Arbeitsmigranten und Emigranten sind mit der eigenen  oft sehr persönlichen Repräsentation und Identifikation so sehr beschäftigt, dass die Frage: Was ist eigentlich Polnisch? dominant aufkreuzt und sie an Aktivitäten außerhalb der katholischen Gemeinden stoppt.

Polen außerdem haben auch einen zwiespältigen Ruf. Das Warum kann man z.B. täglich vor der Christuskirche Bochum hören, oder vor der Stadtbücherei. Dort trifft sich eine Gruppe der noch nicht eingetragenen Biertrinkerpartei und schreit sich vollprozentig laut an, polnisch selbstverständlich. Wenn man Polen als Polin kennenlernt, wollen sie schnell etwas von einem. Der letzte z.B. ein Jacek mit einem neuen Job, wollte von mir gleich eine neue Wohnung und auch Hilfe beim Möbelkauf. Nein penetrant wurden seine Wünsche nicht geäußert, sondern ganz leise, wie zur Mutter, die immer zuhört und sofort reagiert.
Es gibt kein Polnisches Café in Bochum. Das Kalinka Cafe, gegenüber meinem alten berühmten 10 Meter Balkon, wo auch Kosmopolen eV gegründet wurde (11 Künstler im Hellweg 18 am 19. Mai 2008) klingt russisch, ist aber von der NEW German Generation of NEW Vegans geführt. Es gibt noch an verschiedenen Locations auftauchende Polonia Diskothek, heute unter einer türkischen Führung, vor deren Tür kaum ein Taxi halten möchte und wirklich jeder Taxifahrer haarsträubende Geschichten erzählt.

Was Polen können, ist Drama und wie weit sie damit gehen, zeigt die letzte Wahl in Polen.

Beinahe vergessen hätte ich das sogenannte Polnische Haus am Kortländer, über das vor acht Wochen beim Symposium des Nationalkomites aus Stuttgart „Charta von Venedig”  für ein größeres Publikum, doch ohne Publikum (weil es keine Interessierten zu diesem Thema gab) fachmännisch u.a. auch mit mir debattiert wurde, ob es sich um ein Haus handelt, das einen deutschen Denkmalschutz überhaupt erhalten sollte. Bis heute kann man dort historisch wertvolle „Schätze” finden und ein Namensschild verrät, dass Bund der Polen, einer der ersten polnischen Vereine, hier seinen Raum hat. Angeblich treffen sich dort die Älteren noch. Angeblich schreiben Damen noch Protokolle. Das Haus daneben ist schöner. Es war zur gleichen Zeit ein Bordell, das nächste Haus eine Polnische Arbeiterbank, deren Schriftzug man noch irgendwie lesen kann und das mich zu Phantasien inspiriert, in mir Fragen hervorruft: „Ob eine Arbeiterbank wirklich andere Finanzpolitik steuerte?”

Das Haus der Polen selbst ist marode, hässlich und alt. Daher wäre ich dafür es abzureißen und etwas Neues für heutige Zwecke Nützlicheres zu gestalten und aufzubauen. So ist es dem großen Kloster unweit dieser Straße ergangen. Große Schlesisch-Deutsch- Polnische Gemeinde hat den Abriss dieses Klosters mit extrem interessanter Geschichte 1971 nicht verhindern können. Heute wachsen noch die Bäume und auf dem Platz ist ein moderner Wohnbau für Weisenkinder entstanden, das St. Vincenz.
Kann man aber die letzten Steine der „Zeit der Ruhrpolen” überhaupt abreißen?  Es gibt doch seit wenigen Jahren ein neues vom BUND Unterstützes Projekt: das digitale Archiv der Polen genannt Porta Polonica, Leitung Herr Dr. Jacek Barski, auf deren Webseiten die nächsten Jahre personenbetonter die Geschichte der Polen in ganz Deutschland neu zusammengetragen und attraktiv dargestellt wird. Zum Teil werde auch ich mit einigen Portraitarbeiten beitragen können.

Was mich bei diesem ganzen Thema anfing zu interessierten war, ähnlich meines persönlichen Dilemmas keiner eindeutigen Kultur, Nation und Sprache anzugehören: die Tragik der Schlesier hier im Ruhrgebiet. Sie kamen in Ihrem Selbstverständnis als Deutsche nach Deutschland und wurden zu Ruhrpolen und das zu einer Zeit in der Polen seit 100 Jahren auf der Landkarte Europas nicht existierte.  Sie fühlten nationale Zugehörigkeit zu Deutschen, wurden aber als Polen wahrgenommen. Die Folge ist nun, dass hier jeder fast Pole ist. Auch das erschwert irgendeine vernünftige Abgrenzung, zum Glück. Kann es sein, dass wir nicht von Organisationen oder kultiviertem Bewusstsein, sondern einfach durch die klimatische Lage mehr beeinflusst werden? Sehr logisch wurde daher der Zusammenhang und Vortrag des Museumsleiters der Zeche Hannover Dietmar Osses  betitelt: „Von den Ruhrpolen zu den Kosmopolen” und erinnert auch uns indirekt, dass die Geschichten sich wiederholen können. Ich selbst komme aus Poznań, lebte über zwölf Jahren in Berlin, schlesische Kultur kenne ich nicht, habe aber Verständnis dafür, dass  die Liebe zu einem besonderen Flecken Erde durch Kultur und in Erinnerung länger gelebt, geschmeckt, gehört und erzählt werden möchte. Artur Beckers masurische Geschichten sprechen Bände. Auch er träumt von Kosmopolen, wenn er sich meditativ entspannen möchte.

Man muss wissen, dass vor 150 Jahren kaum jemand hier im Ruhrgebiet lebte. Alle waren Migranten, die hierher kamen. Auch das ist beste Voraussetzung gerade hier Kosmopolen zu gründen und den polnischen Aspekt der Geschichte in Form von etwas aufgefrischter europäischer Interkultur anzubieten, denn gemeinsame Geschichte ist immer auch ein Geschenk der gemeinsamen Lebenserfahrung und dass sollte man meiner Meinung sehr feinsinnig pflegen, statt Geschichte dramatisch und aggressiv den anderen gegenüber umzudeuten versuchen.

Wir haben Kosmopolen gegründet, um eben aus dem Deutsch Polnischem Dilemma auszutreten, einen dritten Weg vorzuschlagen, dem Kosmopolitischen auch Ausdruck zugeben, was aber am Wort Polen bei manchen hängen bleibt und manchmal einen Kontext aufdrängt, der für uns längst überwunden ist.
Man kann daher Kosmopolen als ein Tor begreifen von etwas nach?… vom Nationalen raus ins Inhaltliche… Basil Kerski, Chefredakteur der Zeitschrift Dialog und der Geschäftsführer vom Europäischen Kulturzentrum Solidarność in Gdansk,  meinte in den 90er Jahren dazu Andrzej Bobkowski mitzitierend, dass Kosmopole ein Mensch ist der scheinbar Widersprüchliches sich widersetzendes in sich vereint.

Ich begreife Kosmopolen eV als etwas Komplexes: Grenzenlose Offenheit im Begriff (Kosmos größer als ein Ich, Polen als Plural, nicht Singular!) und exklusive Geschlossenheit durch das Naturgesetz der Bipolarität zugleich. (Nord und Südpol als Beispiel der Bipolarität sowie gemeinsamer Einheit, in Deutsch an den Polen bedeutet an den Erdpolen, Verein als Struktur der möglichen Exklusivität und Inklusion)
Man kann sich nicht verlieren, weil es zugleich auch Halt gibt.

Wonach klingt das für Sie? Es gibt viele Antworten, daher werde ich die meinen hier nicht alle verraten. Ich bin ein Freund der gemeinsamen Diskussion, kitzel’ gerne und hoffe durch die Publikation dieses Textes auf der Webseite der Autorin Ewa Maria Slaska neue Freunde zu finden und zu motivieren, sich in diesem Rahmen mal mitzubewegen. Die nächste Aktion ist ein No Budget Neujahreskonzert am Donnerstag, den 21.01.2016.

Und was wir in diesen acht Jahren geschafft haben? Hier eine kleine Zusammenfassung:

Über sechs kleine Festivals, neue Produktionen u.a. auch für Kinder, neues Publikum für Polnische Kultur gefunden, Partner in ganz Ruhrgebiet bis Köln, die an Kosmopolen Aktionen Interesse haben, Familienkonzerte, neue Jazzreihen, Literaturreihen, neue etwas nettere Vorurteile gegenüber Polen… wir gewannen eine Goldene Eule in Wien, ein Zukunftswettbewerb, öffneten paar Herzen und bekamen gute Förderungen, so dass alle Teilnehmer normal honoriert wurden (auch dafür engagiere ich mich persönlich)… wir sind heute 14 deutschlandweit, haben zwar mehr Freunde, suchen aber neue Unterstützer und Mitglieder vor Ort im gewichtigen Jahr „25 Jahre Deutsch-Polnischer Nachbarschaftsvertrag” und in der prickelnden neuen politischen Situation jetzt in Polen.

Zu viele ungesehene, ungehörte, hoch talentierte, sensible und einsame weil eher introvertierte Menschen begegne ich und tue beruflich mein Möglichstes, um deren Dasein, deren Leben und Schaffen lauter zu kommunizieren, erst Recht im extrovertiertem technischem Zeitalter. Jeder ist seines Glückes Schmied, sagt man im Westen. Das stimmt im Fall der Kunst nicht ganz, denn Kunst ist tot und hat ohne Zuschauer, Zuhörer kaum irgendein Sinn. Kultur machen wir selbst. Ich mag Kunst, Musik, Fotografie, Literatur und dafür habe ich mit ein paar anderen Zeitgenossen aus verschiedenen Ländern Raum erkämpfen und schaffen dürfen.

Kosmopolen als Verein raubt mir viel Zeit, manchmal zum Glück auch den Verstand, nie die Geduld, aber am 21.01.2016 wird der vieldimensionale Sinn der ganzen Unternehmung zu hören und zu finden sein. Meine Herzliche Einladung nach Bochum ins Planetarium:

emanuelaplakatKOSMOPOLEN NEUJAHRESKONZERT 
Donnerstag, der 21.01.2016 – 20.00h
Konzert unter Sternen

es spielen:
Robert Kusiolek / Akkordeon
Elena Chekanova / Elektronik

ORT: Zeiss Planetarium Bochum
Castroper Straße 67 – 44791 Bochum
Eintritt: VVK 10,–/AK 12,–
Infos & VVK: www.planetarium-bochum.de
www.kosmopolen.de

X

P.S.
Zum Schluss eine kleine Anekdote. Seit nun vier Jahren suche ich neue Räume, vielleicht Galerie tauglich und für Organisatorisches von Kosmopolen nützlich.
Mein neuer Vermieter hat mir nach zwei Jahren Versprechungen beinahe den Schlüssel dazu in die Hände gegeben. Er, der stolze Besitzer vom ehemaligen Bunker, den er innerhalb von drei Jahren phänomenal umbaute und mit genügend Räumen bestückt, hat auch das zweite Mal Kosmopolen eV keinen Raum gegeben, als sich die Möglichkeit ergab. Alle Bitten halfen nichts. Der Bunker wäre mir gegenüber, im Raum war vorher eine Künstleragentur. Kosmopolen darf nicht rein, aber im selben Raum leuchtet es heute Violett und Damen leichtbekleidet lernen an der Stage Poledance.
Geistige Kunst und Kultur ist offensichtlich „gefährlicher” als Sex. In diesem Sinne: lass es uns 2016 krachen und diese Energie nützen🙂

Kosmopolen Aktionen – in Planung 2016
Wir bekommen wieder die große Bühne in der Stadt Bochum!
Konzerte: NEW Polish Tunes 2016 in Essen, Bochum und Dortmund
Lesungen und Diskussionen: Die Kunst der Übersetzungen / Sztuka Tłumaczeń
Kinderaktionen und Polnische Weihnachten im mondo mio Dortmund auf Wunsch Vermittlung  bzw. Empfehlungen von Programmen, Konzerten…

KONTAKT:
Kosmopolen eV
Klarastrasse 6
44793 Bochum
Germany

www.kosmopolen.de          info@kosmopolen.de
Tel: +49 6872 9965
Mówimy po polsku

Wie kann ich Kosmopolen eV unterstützen?

Klicke regelmäßig: www.kosmopolen.de – die Klickzahlen werden gezählt

Unterstütze den Verein, Künstler, Kunst, Deutsch Polnische Kultur im Ruhrgebiet mit Deiner Fördermitgliedschaft   (€ 5,-/Monat, ab € 30,-/Jahr möglich)

Persönliches von Emanuela Danielewicz
Fotografin, Dipl. Kommunikationsdesignerin
und seit Oktober 2015 Studentin von Kulturreflexionen & Philosophie – Uni Witten Herdecke
www.danielewicz.de

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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