Gül, Rose ohne Dornen

Anne Schmidt

Bekenntnis 1

Gül schaute nach Innen, so schien es. Sie lutschte am Daumen und wickelte eine Strähne ihres schwarzen Haares um den rechten Zeigefinger.  Sie war 15 Jahre alt, verhielt sich aber wie eine müde Fünfjährige.

Frau Schulz bemerkte dieses Verhalten nur am Rande ihres Blickfeldes, denn ihre Aufmerksamkeitwurde  von vier Mädchen beansprucht, die mit ihr in der Schulküche Spagetti gekocht hatten und gerade dabei waren, diese zu verzehren.

Anfangs hatten sie herum gealbert und Küchenutensilien kreisen lassen, aber Frau Schulzens Frage hatte  sie während der Mahlzeit verstummen lassen.

„Kennt Ihr Mädchen, die sexuell missbraucht worden sind und Hilfe brauchen?”, hatte Frau Schulz ohne jegliche Einleitung gefragt. Die vier schauten auf ihre Teller, nur Gül schien weiter vor sich hin zu träumen.

Jenny brach als Erste das Schweigen. „Ich kenne niemanden, aber mir wäre so etwas beinahe selber passiert.”

Zögernd erzählt sie, dass ein Kollege ihres Vaters sie vom Garten im Auto mitnehmen und zu Hause absetzen sollte.   Unterwegs habe er ihr komische Fragen gestellt und seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt.

Sie habe ihm seine intimen Fragen teilweise beantwortet und versucht, seine Hand wegzuschieben. Aber er habe gelacht und sie kindisch und naiv genannt. Als sie merkte, dass er in eine ruhige Parallelstr. zu ihrere eigenen fahren wollte, habe sie damit gedroht, aus dem Fenster zu schreien oder aus dem Auto zu springen.

Er habe weiterhin gelacht, sie eine Zicke genannt, sie aber am Friedhof aussteigen lassen.

Jenny fängt in Erinnerung an ihre Hilflosigkeit an zu weinen.
Das Schlimmste sei für sie aber gewesen, dass ihr Vater, als sie ihm das Erlebte schilderte, ärgerlich geworden sei.  Er habe gebrüllt, sie solle sich  nicht so anstellen, es sei doch gar nichts passiert.

Jenny schnieft noch ein bisschen und sagt trotzig: „Männer halten immer zusammen; sie sind halt Schweine.”

Bekenntnis 2

Betty umarmt Jenny und meint, sie könne gut verstehen, dass das Unverständnis des Vaters für Jenny sehr schmerzhaft gewesen sei.   Sie selber sei von ihrer Mutter angeschrien worden, als sie sich die Pulsadern aufgeschnitten habe. Alle starren Betty ungläubig an und Jenny hört auf zu schluchzen.

„Du wolltest dich umbringen? Warum?”

Alle stellen gleichzeitig diese stumme Frage, nur Jenny spricht sie laut aus. Betty zögert verschämt mit ihrer Antwort; sie schaut ziellos zu Tür, als sie flüstert: „Ich war für meine Eltern völlig unwichtig. Für sie gab es nur meinen Bruder; bei ihm war ein Tumor im Kopf festgestellt worden und er musste operiert werden. Als er wieder zu Hause war nach der Operation, wurde er von vorne bis hinten verhätschelt, besonders wenn er angeblich Kopfschmerzen hatte.  Ab und zu bekam er einen Tobsuchtsanfall und alle hatten Angst, er könne jemanden angreifen oder die Wohnung zertrümmern. Einmal hat er meine Mutter mit der Gabel bedroht, weil sie ihm kein Bier geben wollte. Keine Ahnung, ob er vorher schon mal Bier getrunken hatte, aber Alkohol ist für ihn absolut tabu, immer noch. Seit diesem Ausraster bekam er so ziemlich alles, was er wollte. Mich kommandierte er immer herum, als sei ich seine Sklavin.

Meine Eltern haben mich nie in Schutz genommen vor ihm. Sie haben mich entweder gar nicht beachtet oder auf mir herum gehackt. Mein Vater war tagsüber arbeiten und kam immer so müde nach Hause, dass er früh schlafen ging. Aber meine Mutter war tagsüber zu Hause, weil sie wegen Jens ihren Job an der Kasse vom Supermarkt aufgeben musste.  Sie ging am späten Abend hin zum Regale einräumen. Wenn ich von der Schule kam, passte sie mich immer schon an der Tür ab. Meistens war ich müde und hätte mich gern auf mein Bett geschmissen, aber sie hatte immer irgendwelche Arbeiten für mich. Putzen und Bügeln schaffte sie nicht, wenn sie kochen musste. Aber meistens hatte sie auch das nicht gemacht.  Ich kam mir vor wie der letzte Dreck.”

Betty fängt in Erinnerung an ihre häusliche Hölle an zu weinen. Jenny und Marie streichen ihr beruhigend über die Haare.

„Als mich mein Vater mit blutenden Armen nachts ins Krankenhaus bringen musste, schnauzte meine Mutter mich an. Du machst Papa nur Arbeit, du solltest dich schämen.”

Die Mädchen können ihrer Empörung nur Ausdruck verleihen, indem sie Bettys Mutter mit wüsten Schimpfworten belegen. Betty scheint das ein wenig zu beruhigen, denn sie hört auf zu weinen und schaut ihr Freundinnen dankbar an.  Nuren holt einen Kamm aus ihrer Tasche und beginnt Bettys strähniges Haar zu kämmen.

Jenny bringt Eyeliner und Wimperntusche und konturiert Bettys grüne Augen, die noch nie jemandem aufgefallen sind.

Gül schaut unsicher lächelnd der Verschönerung ihrer unscheinbaren Freundin zu und nimmt sogar den Daumen aus dem Mund. Marie fragt sie, ob ihr noch nie etwas Gemeines passiert sei.   Güls Gesicht, das vorher noch Erstaunen gezeigt hatt, verschließt sich und sie schüttelt ablehnend den Kopf. Sie dreht sich um und räumt die Teller vom Tisch.

Gül heisst in Wirklichkeit anders und war eine Schülerin von mir; alles, was ich geschrieben habe, ist authentisch und mir so von den Mädchen erzählt worden.
Fortsetzung nächsten Donnerstag

Informacje o ewamaria2013

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