Gül heisst Rose

Anne Schmidt

Bekenntnis 3

Frau Schulz will Gül nicht bedrängen und wendet sich Nuren zu, die während des – automatisch gewordenen – Kämmens mit gesenktem Kopf Sätze vor sich hinmurmelt, wie: „Ich kann keine Nacht durchschlafen, weil mein Vater meine Mutter durch die Wohnung jagt.” Betty schaut verständnislos zu Nuren hoch. Es fällt Nuren schwer, weiterzusprechen. Die anderen Mädchen rücken geräuschlos näher. „Er will jede Nacht mit ihr schlafen, aber sie hat keinen Bock. Deshalb rennt sie vor ihm weg und er rennt hinterher.”

Frau Schulz steht vor dem Abwaschbecken, traut sich jedoch nicht, jetzt Lärm zu machen. Sie muss an ihren Urlaub in der Türkei denken, als nachts im Zimmer über ihr Stunden lang Möbel gerückt wurden und ein kindliches Wimmern zu hören war. Am nächsten Morgen  erfuhr sie, dass kein Kind Ursache der nächtlichen Ruhestörung gewesen war, sondern sich ein eheliches Drama abgespielt hatte. An der Rezeption sah sie eine junge, verschleierte Frau, die von einem ernsthaften jungen Mann ihren Pass gereicht bekam. Sie schienen auf Hochzeitsreise zu sein.

Nuren erzählt weiter: „Meine Mutter droht immer damit, sich umzubringen, wenn er sie nicht in Ruhe lässt. Einmal hat sie es auch versucht und ganz viele Schlaftabletten genommen. Mein Vater hat den Notarzt gerufen, als sie morgens nicht aufstehen wollte. Seitdem bewahrt mein Vater alle Medikamente an einem geheimen Ort auf.  Aber er hört nicht auf, meine Mutter zu bedrängen. Wenn er sie endlich ins Bett gezerrt hat, höre ich die Bettfdern quietschen, auch wenn ich mir die Decke über den Kopf ziehe.”

Frau Schulz kann es nicht fassen, dass die Fünfzehnjährige immer noch mit den Eltern in einem Zimmer schläft.

Nuren bricht in Tränen aus. Betty steht auf und nimmt sie in den Arm. Sie streichelt Nuren über das Haar und zieht sie auf ihren Schoß. Ihre blauen, inzwischen malerisch betonten Augen füllen sich wieder  mit Tränen. Jenny kann ihre Empörung nicht zurückhalten: „So ein Schwein. Das hätte ich nie von ihm gedacht, dass er so ein Schwein ist. Ich dachte immer, er sei total nett. Von unserem Küchenfenster aus kann ich quer rüber in Nurens Hof schauen und Nuren kann in unseren Hof schauen. Wenn ich im Hof bin und an meinem Fahrrad etwas reparieren muss, ruft er meistens rüber, ob er mir helfen kann. Letztens hat er mir die Kette wieder auf den Zahnkranz gelegt. Ich war froh, dass er mir geholfen hat, aber jetzt will ich keine Hilfe mehr von ihm.”  Jenny lässt geräuschvoll das Besteck ins Spülbecken knallen. Frau Schulz überlegt, ob sie Nurens Vater schon mal bei einer Elternversammlung gesehen hat. Sie erinnert sich schwach an einen kleinen rundlichen Mann mit Brille, der sich am ersten Elternsprechtag in der siebten Klasse nach den Noten seiner Tochter erkundigte und ihre Erfolge in der Grundschule pries. Nie wäre Frau Schulz auf die Idee gekommen, dass dieser kleine besorgte Mann ein Vergewaltiger ist und seiner Frau und Tochter jede Nacht die Hölle bereitete.

Jetzt kann sich Frau Schulz Nurens Müdigkeit und häufige Konzentrationsschwäche im Unterricht erklären.  Was kann sie als Lehrerin tun, wie kann sie Nuren helfen? Kann sie sich in fremde Eheprobleme einmischen? Sie steht vorm Spülbecken und überlegt krampfhaft.

Bekenntnis 4

Während Frau Schulz grübelt, hört sie hinter sich eine Stimme sagen: „Ein Glück, dass sich meine Mutter von meinem Vater getrennt hat, als ich noch ein Baby war.” Betty und Nuren heben ihre Köpfe, Gül steckt ihren Daumen wieder in den Mund. Marie merkt, dass alle, auch Jenny sie anschauen und fährt fort: „Meine Mutter hat mir erzählt, dass er mich missbraucht hat, als ich noch ein Baby war. Sie hat es sehr früh entdeckt und hat ihn sofort rausgeschmissen. Sie hat mich vom Arzt untersuchen lassen und der hat ihren Verdacht bestätigt. Ich weiss nicht genau, was sie noch getan hat, um sich möglichst schnell scheiden lassen zu können; das war alles noch in der DDR . Ich bin in Tangermünde geboren und mit meiner Mutter  in meinem ersten Lebensjahr nach Magdeburg gezogen.”

Marie sagt das alles so lakonisch, als berühre sie dieser frühkindliche Missbrauch wenig. Frau Schulz weiss, dass Maries Situation in ihrer gegenwärtigen Familie nicht einfach ist; nachdem sie Jahre lang mit der Mutter allein gelebt hat, muss sie sie jetzt mit einem neuen Vater und zwei kleinen Halbbrüdern teilen.

Aber Marie erzählt immer euphorisch von den Wochenenden im Garten am Rande des Flughafens Tempelhof.

Sie machen nie Urlaub in einer anderen Umgebung , weil dafür das Geld fehlt; zwar arbeitet die Mutter als Altenpflegerin, aber für einen Urlaub ausserhalb des Schrebergartens reicht der Verdienst der Eltern nicht aus.

Frau Schulz kennt Maries Mutter von den Elternabenden als resolute und optimistische Frau, die auf ihre Tochter stolz ist und trotz aller beruflichen Belastung die schulischen Aufgaben und Leistungen nie aus dem Blick verliert.

Wahrscheinlich hat Marie es ihr zu verdanken, dass sie keine traumatischen Gefühle zurück behalten hat.

Oder ist ihr Selbstbewusstsein nur Show?

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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