Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Junge Flüchtlinge mit den Augen einer älteren Lehrerin gesehen

Ewa berichtet jetzt seltener über Flüchtlinge. Da sich aber die Situation im Lande und besonders in Berlin sehr verkompliziert hatte, wollte sie doch über ein paar positive Eindrücke von der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen schreiben.

Sie unterrichtete Deutsch, zuerst in einer Jugendherberge, wo ungefähr 80 männliche Jugendliche untergebracht waren, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen waren. Die ärztlichen Untersuchungen hatten alle absolviert; man hatte sie weiterhin als Jugendliche eingestuft, obwohl sie einige von ihnen eindeutig für älter hielt. Sie wurden geimpft und in Willkommensklassen untergebracht. Manche waren wirklich extrem begabt und fleißig; sie wurden in einem Talentcampus gesammelt und einen Monat lang besonders gefördert; zu ihrer Überraschung waren das eher Jugendliche aus Afghanistan als solche aus Syrien, von denen alle behaupteten, sie wären so gebildet und kultiviert.

Leider musste die Gruppe die Herberge räumen und weit weg in die Stadt ziehen, doch soweit sie sah, kümmerte man sich wirklich gut um sie; nur dass der Weg zur Schule, also der Willkommensklasse so lang werden würde, hatte man nicht bedacht.

Es gab ein Abschlussfest mit persischem, afghanischem und deutschem Essen (Letzteres: Hähnchenschenkel mit Pommes). Wir – die Lehrer, die Sozialarbeiter und die Betreuer – stürzten uns auf Humus, die vielfältigen Salate und die Auberginen-Zubereitungen, die köstlich und bunt auf einem Buffet aufgebaut waren; die Jungs beluden ihr Teller mit Pommes, Hähnchen, Ketschup und Mayonnaise; jedem das seine, dachte sie. Selbstgebackener Kuchen und Süßes, auch Obst waren von den Lehrern mitgebracht worden. Die Jugendlichen halfen bei den Vorbereitungen, und sie hatten einen Film über ihren ersten Aufenthalt in Berlin gedreht. Das schöne dabei war, dass sich wirklich alle gegenseitig kenngelernt hatten. Die afghanische Gruppe wusste inzwischen, welche Städte es in Syrien, dem Irak gab und umgekehrt; sie wohnten immer noch in getrennten Zimmern unter sich, doch es waren auch Freundschaften quer zu den Nationalitäten geschlossen worden; auch die wenigen Schwarzen fühlten sich wohl in der Gruppe.

Nachdem die Aufgabe in der Jugendherberge zu Ende gebracht war, tat sie sich um, wo sie weiterhin Jugendliche unterrichten konnte. Sie fand in einem anderen Unterbringungsort Gruppen von Teenagern, die mit ihren Familien gekommen waren. Sie warteten länger auf die Aufnahme in die Wilkommensklassen. Ihr fiel auf, wie viel unbeschwerter und einfach netter sich in einer koedukativen Klasse mit Mädchen und Jungen unterrichten ließ. Sie waren alle auch ruhiger und „normaler“, unaufgeregt – wie viel doch die Anwesenheit von Angehörigen bedeutete, sah man hier ganz deutlich. Die Jungs räumten sogar den Klassenraum auf, fegten den Gang ohne Murren, und die Mädchen brachten Lächeln und Lockerheit, auch Schönheit in die Klasse.

Sie dachte, bei gut organisierter Hilfe würde man diese Jugendlichen leicht in die heutige deutsche Gesellschaft integrieren können. Man musste sich nur weiterhin sehr intensiv um sie kümmern, sie begleiten und fördern, auch persönlich, jeden Tag. Viele von ihnen schienen sowieso von der westlichen Kultur fasziniert zu sein, kleideten sich in Jeans und Nike-Sportschuhe, dazu kamen bei den Jungen die in ihren Augen besonders hässlichen modernen Frisuren. Die Mädchen trugen ihre Kopftücher sehr locker, es lugten immer Haare hervor, und ihre engen Pullover und Jeans beinahe gleich aus wie hier üblichen. Wichtig war, dass sie dieses „beinahe“ nicht als Demütigung empfanden, sich ihrer Vergangenheit nicht schämten und einen Weg für sich zu finden schienen.

Besonders für die Mädchen würde das viele Chancen eröffnen; sie würden dann ihr eigenes Leben leben können, entscheiden, was sie lernen und ob sie Familien gründen, arbeiten oder beides zusammen versuchen wollten. Sie dachte, dass man ihnen das kommunizieren müsse, immer wieder vor Augen führen, damit sie sich nicht in ihrer Vergangenheit gefangen und daran gebunden fühlten. Dazu würde man viele Lehrer, Begleiter brauchen; sie würden sich nicht so schnell auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen, aber mit genug Geduld und Offenheit würde man ihnen etwas Neues für sie entwickeln können. An jungen Psychologen, die nur darauf warteten, alle in jeder Lebenslage zu beraten, fehlte ihres Wissens nicht; man musste sich nur eben auf diese Situation wirklich einlassen und die Jugendlichen fördern, unterstützen und informieren.

Und dann das große, alles übergreifende Wort „Integration“. Dazu fiel ihr nur eine Anekdote ein, ein Witz: Ein Flüchtling begegnet eine gute Fee und klagt über sein schweres Schicksal und das Leben in der Fremde. Darauf sagt die gute Fee zu ihm: „Dann will ich dir helfen. Ich erfülle deine drei Wünsche sofort“. Der Flüchtling denkt nicht lange nach. Er sagt: „Ich will ein schönes Haus haben“. Und schwupp die wupp steht ein schönes Haus vor ihm. Dann sagt er: „Ich brauche natürlich auch ein schnelles, schickes Auto“. Auch dieser Wunsch wird sofort erfüllt. „Und was ist mit dem dritten Wunsch“, fragt ihn die gute Fee. Ja, sagt der Flüchtling, „ich will ein Deutscher werden, mich nicht mehr fremd fühlen“. Da verschwinden sowohl das Haus als auch das Auto; der Flüchtling schaut die gute Fee ganz erschrocken an: „wohin sind meine zwei Wünsche verschwunden?“. „Du willst ein Deutscher werden? Dann musst du dir das alles schwer erarbeiten, fang gleich an“, sagt die gute Fee ganz ruhig.

 

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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