Gül heißt Rose (3)

Anne Schmidt

Fragen

Frau Schulz saß geschockt und völlig ratlos auf ihrem Stuhl. Wie sollte sie nach diesen Enthüllungen mit ihren Schülerinnen umgehen? Sollte sie sie alle umarmen und mit ihnen weinen?

Sie schaute auf Gül, die mit aufgerissenen Augen an ihren Haaren drehte und keinen Ton von sich gab.

War sie die Einzige, die bisher unbeschädigt geblieben war? Der Vater hatte bei Elternversammlungen bisher immer einen sehr bemühten Eindruck gemacht und sein „kleines” Mädchen zärtlich auf dem Schoß gehalten, was einen etwas absonderlichen Eindruck machte. Aber so war Gül nah an seinem Ohr und konnte ihm die Übersetzung der Lehrerinformationen zuflüstern.

Dennoch war bei Frau Schulz und ihrem Kollegen immer ein Gefühl der Befremdung zurückgelieben, wie sie sich später eingestanden.    Jetzt war Gül die Einzige, die sich nichts Belastendes von der Seele reden wollte.

Frau Schulz fragte die bedrückten Mädchen, ob sie bereit seien, mit ihr zu „Wildwasser” zu gehen, um mit professionellen Beraterinnen über das Erlebte zu reden. Jenny fand diesen Vorschlag gut und versuchte die Anderen zum  Mitgehen zu überreden. Marie klinkte sich aus mit der Begründung, dass sie keine Erinnerung an die alte Geschichte habe und mit ihrer Mutter genügend darüber geredet hätte.

Jenny akzeptierte Maries Entscheidung und wandte sich fragend an Nuren und Betty. Nuren zupfte nervös an ihrem Taschentuch und meinte, das Ganze sei eigentlich das Problem ihrer Eltern und sie wolle auf keinen Fall, dass die von ihrem „Verrat” etwas erführen.  Sie schaute unsicher zu Betty hoch, die aufgestanden war.

Betty  fing an zu stottern, wie sie es früher oft getan hatte, wenn sie unsicher war. Sie sah Jenny mit einem flehenden Gesichtsausdruck an, denn Jenny war cool und ihre Meinung war für sie maßgeblich.  Sie hatte Betty immer verteidigt, wenn einer der Jungs sie wegen ihrer plumpen Figur oder ihres Stotterns hänselte.

Jetzt nickte Jenny ihr zu und sagte: „Wir gehen nur zusammen zu der Psycho-Tante rein, keine Angst.”

Betty lächelte dankbar und versprach mitzukommen, wenn auch Nuren sich bereit erklärte; Nuren nickte.

Für alle war klar, dass Gül nicht zur Beratung mitkommen würde, denn sie hatte keine Probleme offenbart; sie war in den Augen ihrer Freundinnen das verträumte kleine Mädchen, das noch am Daumen lutschte und verschämt lächelte, wenn man es darauf ansprach.

Als Marie rief, dass die Schulstunde schon längst um sei, war klar, dass Frau Schulz bei „Wildwasser” einen Termin besorgen würde.

Glückliche Tage

Kurz vor der Klassenreise tauchte Güls Vater – nach langer Abwesenheit –  auf der Elternversammlung auf, die für die Teilnahme an der Reise wichtig war. Er hörte still den Informationen der Lehrer  und Fragen der Eltern zu und wartete zum Schluss als Letzter auf Frau Schulz. Als er sicher war, dass kein anderes Elternteil in Hörweite war, flüsterte er: „Probleme mit Gül. Gül macht manchmal Bett nachts nass. Darf sie trotzdem mitfahren?”

Auf der Klassenreise passierte nichts dergleichen. Gül war fröhlich, ging mit den anderen im Badeanzug schwimmen, machte sich abends schick für die Jungs der eigenen und der Nachbarklasse und hörte mit den anderen aus der Clique Jennys Lieblingsmusik, wenn die Nachtruhe beginnen sollte.

Alles war gut!!

Wiedersehen

Frau Schulz ist unterwegs auf der Bergmannstrasse und hat den Wochenendeinkauf gerade auf ihrem Fahrrad verstaut, als sie von einer hübschen jungen Frau angesprochen wird. Sie durchforstet ihr Gedächtnis, sieht noch einmal genau hin und freut sich: Gül steht vor ihr. Sie hatte über sie erfahren, dass sie auf ein OSZ gegangen war, das nicht weit von Kreuzberg seine SchülerInnen auf Berufe im Verkehrswesen vorbereitet.

Nun steht Gül unsicher lächelnd vor ihr und schaut auf sie herab; sie ist einige Zentimeter größer als Frau Schulz, trägt  ihre langen schwarzen Haare immer noch Schulter lang, ist kaum geschminkt und trotzdem sehr hübsch.

Frau Schulz umarmt sie impulsiv, was Gül zögernd zulässt. Sie wirkt erfreut, aber angespannt.

Frau Schulz schlägt vor, zusammen einen Kaffee in der Menagerie zu trinken, in die sie nur zu besonderen Anlässen geht. Gül zögert, was Frau Schulz auf einen schmalen Geldbeutel zurückführt. Sie wundert sich zwar, da Gül inzwischen mit ihrer Ausbildung fertig sein müsste, lädt sie aber selbstverständlich ein.

Kaum sitzen sie an einem Tisch in der hintersten Ecke, wohin gül zielstrebig gesteuert ist, als Frau Schulz nach ihrer beruflichen Karriere fragt. Gül senkt den Kopf und flüstert: ” Ich durfte meine Ausbildung nicht zu Ende machen.”  Frau Schulz wird klar, dass dieses Gespräch länger dauern wird, wenn sie die richtigen Fragen stellt und genügend Empathie zeigt.

„Wer hat Dich gehindert?”

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Anne Schmidt i oznaczony tagami , . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s