Zwei Bilder einer Wirklichkeit

Ewa Maria Slaska

Ein Treffen in Löcknitz

Ende Januar bekam ich eine Einladung aus Löcknitz vom Projekt Perspektywa: Vom Grenzraum zum Begegnungsraum.

Die Akteure von Perspektywa, lese ich im beigefügten Flyer, sind die Bewohnerinnen und Bewohner der Amtbereiche Löcknitz-Penkun im Landkreis Vorpommern-Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) und Gartz (Oder) im Landkreis Uckermark (Brandenburg). Ihre Ideen und Vorschläge für das Zusammenleben in der Region stehen im Zentrum von perspektywa. Unser Projektteam unterstützt und begleitet sie dabei, neue Impulse für Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Bürgern und Bürgerinnen im Alltag zu entwickeln und auszuprobieren. Mehr dazu: http://www.raa-mv.de/pl/content/perspektywa-od-pogranicza-do-spotkania.

Und weiter im Brief:

In Antwort auf die aktuelle politische Situation bietet unser Projekt die Unterstützung des polnisch-deutschen Engagements für Flüchtlinge an. Wir arbeiten mit der Stettiner Gruppe „Refugees welcome in Pomerania” zusammen, die solche Aktionen durchgeführt hatte wie Fahrräder-Sammeln zu Gunsten der auf der deutschen Seite lebenden Flüchtlinge. Leider, angesichts der Bedürfnisse, reichen diese Initiativen noch nicht aus, und die Haltung einiger Menschen ist nicht immer angenehm oder annehmend. Ich habe den RBB-Beitrag vom Dezember letzten Jahres gesehen, in dem man über Sie und ihr Engagement für Flüchtlinge in Berlin berichtete. So ist mir etwas eingefallen. Um dem fremdenfeindlichen Verhalten und fehlender Toleranz entgegenzuwirken, werde ich gern im März eine Diskussion für in Löcknitz und Umgebung lebende polnische Bürger organisieren, damit sie dabei einerseits über die Situation der Flüchtlinge informiert werden und andererseits eine Gelegenheit bekommen, ihre Fragen zu stellen.

Deshalb würde ich Sie gern fragen, ob Sie bei solcher Veranstaltung bereit wären als Referentin zu wirken?

RAA Mecklenburg-Vorpommern e. V.
www.raa-mv.de  www.facebook.com/perspektywaDE  www.twitter.com/perspektywaDE

Bild I

Ich stimmte zu, wir haben uns geeinigt, dass es zwei Treffen sein werden, in Löcknitz und in Tantow, dass ich in Löcknitz übernachten werde und dass ich in der zweiten Märzhälfte komme. Irgendwann danach verschoben wir den Termin auf Anfang April. Am Mittwoch den 7. April kam ich mit dem Zug über Neubrandenburg nach Löcknitz. Eine Mitarbeiterin des Projekts wartete auf mich auf dem Bahnhof. Wir aßen zu (Nach)Mittag und meldeten mich dann in der Burg-Pension neben dem Burgfried an. Dieser Burgfried ist alles, was von der mittelalterlichen Burg aus dem Jahre 1212 übriggeblieben ist. Auf dem Turm wohnen Dohlen. Sie sammeln die Haselnüsse in den benachbarten Garten, schmeißen sie nach unten, um sie zu zerbrechen und den Kern zu essen. Die ganze Turmumgebung ist bestreut mit Haselnussschalen.

Das Treffen mit den polnischen Bewohnern von Löcknitz fand in einer Alten Schule statt, die jetzt als Bürgerhaus fungiert. Auf der 2. Etage befinden sich Büro und Veranstaltungssaal von RAA – Perspektywa. Das Einladungsplakat ist auf Polnisch und richtet sich an die Polen, die in Stadt und Umgebung wohnen. Manche werden es als eine Beleidigung wahrnehmen. Dazu ein Zettel auf Deutsch:

Das Projekt perspektywa der RAA Mecklenburg-Vorpommern e.V. behält sich vor, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Manche werden es als eine weitere Beleidigung wahrnehmen.

Kurz danach ist der Saal schon voller Gäste, darunter zwei Kinder im Grundschulalter und vier syrische Flüchtlinge aus einer Notunterkunft in der Nähe. Jemand kommt mit der Kunde, dass draußen vor der Tür lokale Neonazis stehen. Der Saal reagiert, scheint mir so, mit der stoischen Ruhe. Ich auch.

Gleich kommt er hoch zu uns, Herr Bahlmann, der NPD Leader und, wie ich später erfuhr, Mitglied des Gemeinderats. Der Saal reagiert weiter nicht, die Meisten kennen ihn vielleicht, wie es halt in einer kleinen Stadt üblich ist. Dann wissen sie auch, was ich nicht weiß, dass er zwar vorher, irgendwann Mal, vorbestraft war, jetzt aber ist er Gemeinderats-Mitglied und wird sich nicht tätlich aggressiv zeigen. Auch verbal hält sich alles mehr oder weniger im Rahmen.

Herr Bahlmann schreit etwas, ich weiß nicht was, weil ich gar nicht zuhöre. Ich sitze an meinem Tisch und schaue die Menschen an, die gekommen sind, um zu erfahren, was ihnen eine gewisse Śląska (so wurde ich angesagt) sagen wird, weshalb sie keine Angst vor den Flüchtlingen haben sollen. Der einsam im Türrahmen stehende Schreier interessiert mich zuerst nicht. Vielleicht in dieser Phase sagt Herr Bahlmann Wörter, wegen denen er später beschuldigt wird und die ich nicht wahrgenommen habe: dass die Polen Parasiten sind und sich verpissen sollen.

Ich erhebe mich von meinem Platz erst dann, als ich wahrnehme, dass sich ihm eine blonde Frau aus dem Publikum nähert. Sie versucht ihm etwas zu erklären. Intuitiv denke ich, dass man sie dort nicht alleine stehen lassen soll. Ich trete also an die Beiden heran und stelle mich neben Herrn Bahlmann. Da der Saal höher als der Flur liegt und vom Flur her über zwei Stufen zu erreichen ist, und Herr Bahlmann im Flur steht, überrage ich ihn ein bisschen, was mir, einer ziemlich kleinen Frau, selten passiert. Dies ist selbstverständlich ein verstärkendes Gefühl. Im Flur sehe ich zwei Begleiter von Herrn Bahlmann. Er selbst ist ein typischer kahlgeschorener Haudegen mit dickem Nacken, breiten Armen und Beinen. Seine zwei Kameraden sehen dagegen ganz anders aus. Es sind ein älterer schlanker Herr mit einer Brille und ein kleiner schmächtiger Typ ungewissen Alters in einer rot-schwarzen Windjacke. Bewusst analysiere ich es nicht, unbewusst aber klassifiziere ich die vor mir stehenden Volksvertreter: Ein Schreihals-Muskelprotz, ein Intellektueller und ein von niemandem geliebtes Männeken, ein Mitläufer, der der Gruppe angehört, um nicht einsam zu verrecken.

Ich höre mir an, worüber die Blondine und der Bahlmann miteinander reden. Ich glaube nicht, viel verpasst zu haben davon, was er vorher gesagt hat, weil er sowieso nur ein paar Floskeln zu sagen hat, die er immer wieder erneut losbrummt. Zwei Sätze und drei Fragen…

Mit welchem Recht hält man das Treffen nur auf Polnisch?
Mit welchem Recht hat man beschlossen, dass die Teilnehmer nur Polen sein dürfen?
Mit welchem Recht wurde auf dem Zettel geschrieben, dass er und seinesgleichen kein Zutritt haben?

herrbahlmann

Man kann nicht umhin – seine Fragen haben eine gewisse Berechtigung. Ich weiß nicht, was das Gesetz sagt (später erfahre ich, dass ein Verein so seine Treffen organisieren darf, und denke, klar, Jäger und Angler auch), aber vielleicht, Gesetze hin oder her, in Berlin hätte man ein Treffen nicht so organisiert, auch wenn man darf. Denn wenn es schon Konflikte gibt, dann verschärft man sie nur.

Schlimmer hören sich Bahlmanns Kernsätze an. Wir sollen uns unsere polnischen Treffen in Polen organisieren und nicht in Deutschland mit dem Geld von deutschen Steuerzahlern. Er zahlt Steuer und hat das Recht, den Saal zu betreten. Und die Flüchtlinge bedrohen die Reinheit der deutschen Rasse…

Es ist wie eine Tibetische Gebetsmühle, die sich dreht und dreht… Die Frau neben mir argumentiert, sie zahle auch Steuern, sie wohne in Deutschland, sie hat das Recht… Ich höre noch immer nur zu. Als aber der Satz über Verunstalten der deutschen Rasse das dritte Mal kommt, mische ich mich ein, und frage, ob der Schreiende selber Kinder hat?

– Ja. Zwei. Eigentlich drei…
– Wieso „eigentlich drei”? – frage ich.
– Eins ist gestorben.
– Wie gestorben, wieso?
– Krankheit…
– Och, wie es mir leid tut…

Ein winziger Dialog, der jedoch den Duktus und die Rhetorik der Kommunikation unter uns ändert. Er schreit nicht mehr, meine Nachbarin spricht mit ruhigerer Stimme, wir reden miteinander. Der Inhalt ist immer noch der gleiche, aber wir reden miteinander. Ein wesentlicher Schritt in Richtung Deeskalation des Konflikts. Meine Gesprächspartnerin und ich stellen gemeinsam fest, dass wir beide nichts dagegen hätten, wenn Herr Bahlmann und seine zwei Compagnons zu uns in den Saal gekommen wären und an unserem Treffen teilnähmen. Man kann über all die Meinungen diskutieren. Bahlmann pariert, dass es unmöglich wäre, da das Treffen auf Polnisch stattfindet. Macht nichts, beteuern wir beide, wir werden es übersetzen, nicht alles, aber so, dass er immer weiß, wovon die Rede ist.

Der Vorschlag kommt jedoch zu spät, die Polizei ist schon unterwegs. Ich bin total baff. Wieso die Polizei? denke ich. Wofür die Polizei? Es gibt doch keinerlei Bedrohung! Mindestens ich sehe keine…

Die Polizei tritt ein, schmeißt Herrn Bahlmann und seine zwei Kameraden aus dem Flur, aus dem Haus, aus dem Markt, wo das Bürgerhaus steht. Um die Gebäude herum stellen sich die Polizisten in schwarzen Kampfmonturen. Unsere Sicherheit wird von 30 Polizisten und neun Polizeiautos geschützt!

DSC_0195

Der Platz vom Bürgerhaus. Foto gemacht während der Veranstaltung.

Bild II

loecknitz-gazetaAm nächsten Tag beim Frühstück erfahren wir, wie die Meldung lautet, die die Polizei über den gestrigen Vorfall bei der Kreiszentrale vorgelegt hat (Löcknitz ist eine Gemeinde, Kreisstadt ist Greifswald mit Außenstellen in Passewalk und Anklam) – „großer Polizeiansatz“. Am nächsten Tag gab es schon Berichte in der lokalen Presse – „Nordkurier”, „Passewalker Zeitung” und andere. Die Journalisten schreiben von vielen Neonazis, viel mehr, denke ich mir, als wir sie gesehen haben: „die Situation war bedrohlich, richtig bedrohlich!” und „Nazis stören massiv Infoveranstaltung in Löcknitz“. Es geht weiter und höher. Es sind immer mehr Neonazis gewesen, mehr Bedrohung… Bald sind wir schon bei der „Deutschen Welle” und „Gazeta Wyborcza”. Und bei jeder lokalen Webseite.

***

Erst als ich dass alles aufgeschrieben habe, habe ich im Netz das Foto gesehen. Und die Unterschrift – auf Polnisch: Neonaziści zaatakowali Polaków. Neonazis greiften Polen an.

neonaziscizaatakowalipolakow

Ich möchte nicht behaupten, das Foto zeigt etwas, was nicht da war. Ich war im Saal, im Haus, also drinne, ich habe nicht gesehen, wer draußen stand und ob, und wenn ja, wie viele es wären. Ich kann nur sagen, ich nahm nichts dergleichen wahr. Es war ruhig, man hörte weder Schreie noch Parole, auch keine Befehle seitens der Polizei. Nicht Mal den Gemurmel, den man hört, seien viele Menschen beisammen. Zwei Frauen nacheinander gingen raus, um die Kinder nach Hause zu bringen, und kamen zurück. Leute schauten aus den Fenster, machten Fotos. Kein Mensch sagte, dass da eine massive Präsenz der Neonazis zu beobachten wäre. Keiner hatte Angst, scheint mir, wir lachten. Meines Erachtens war es, alles in allem, ein sehr eingenehmes Treffen.

Ich schaue mir genau das Foto an. Irgendetwas stimmt da nicht.

Herr Bahlmann hatte an dem Tag einen blau-weissen Sportanzug an. Es gab keine Sonne, er hatte, glaube ich, keine Sonnenbrille an, und hier haben sie alle Anwesenden an. Alle Streifenwagen, die ich später gesehen habe, waren blau. Auf „unseren” Fotos sind sie auch blau. Auf dem Foto oben ist der Wagen grün.

Unheimlich.

Haben die Journalisten aus einer Mücke einen Elephanten gemacht? Oder bin ich leichtsinnig und bagatelisiere die Gefahr?

 

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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