Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Mach dich hübsch

Als ich 1984 aus Warschau in die Bundesrepublik kam, spürte ich sofort, wie total anders Weiblichkeit und Frau-Sein in Deutschland erlebt und verstanden wurde. Mit meinem fremden Blick kamen mir die Frauen so vor, als ob sie sich ihrer Weiblichkeit versagen würden; viele trugen irgendwelche sackförmigen, ziemlich undefinierbare Kleider, oder Jeans, und flache, breite Schuhe. Nur einige wenige gaben sich Mühe und spürten den Wert des „sich hübsch Machens“. Allgemein wurde signalisiert: Kleidung geht uns nichts an, überhaupt ist uns unser Aussehen egal, wir stehen über diesen Sachen, make up war eigentlich auch verboten. Das empfand ich damals mit Wehmut, denn ich dachte an die tausenden von Möglichkeiten, die sie hier doch hatten – mit den vollen Läden, den Farben und der Auswahl; wie viel Spaß es uns in Polen gemacht hätte, uns so herausputzen zu können und sich zu zeigen. Sogar die Studentinnen der Kunstgeschichte, bei der sich in Warschau immer die am besten gekleideten und oft auch die schönsten Mädchen tummelten, sahen in Berlin ziemlich grau und uninteressant aus. Ich wurde meistens belächelt mit meinen Anstrengungen, schick, in stimmigen Farben angezogen zu sein.

Es gab damals aber doch eine Frau, die mich faszinierte, sie hieß Veruschka Lehndorff und war in der italienische Modewelt als die große Blonde bekannt; sie war dort in den 60-er Jahren als Modell entdeckt worden, spielte auch in Antonionis Film „Blow Up“ mit und kehrte dann irgendwann in den 80-er Jahren nach Deutschland zurück; sie wollte auch nicht mehr als nur schön angesehen werden, das galt als anrüchig und unintellektuell, sogar dumm… Sie versuchte, sich selbst mit bodypainting zu einer Kunstfigur zu machen. Doch sie kämpfte mit dem Nachkriegsdeutschland, mit der BRD, sie kämpfte auch mit ihren Depressionen und dem Unangepasstsein, dem Nicht-dazu-gehören.

Auch Hannelore Elsner habe ich immer bewundert, besonders in „Mein letzter Film“; da spricht sie so offen über das Frausein, das Leben und die Lust und Last, schön zu sein, über ihre Männer; über gescheiterte Beziehungen und über die Spuren des Lebens und die Makel, und man nimmt ihr das alles ab, als ob sie über ihr Leben sprechen würde. Die große Diva des deutschen Kinos zog mich in allen ihren Filmen, besonders in „Alles auf Zucker“ oder „Die Spielerin“ magisch an, denn sie hat ein Geheimnis und eine Art von Vitalität, die mit Zerbrechlichkeit verbunden ist.

Die beiden kamen mir immer wieder in den Sinn bei der Ausstellung von Isa Genzken „Mach dich hübsch“, vielleicht nicht immer wegen der Werke, sondern mehr wegen des Titels. Es ist eine Retrospektive und als solche sehr vielschichtig, alle möglichen Phasen des Schaffens der Künstlerin werden gezeigt; es sind viele Werke aus den ganz jungen Jahren (die großflächigen abstrakten Ölgemälde und die schweren Betonklumpen) , aber auch ganz neue. Die Künstlerin thematisiert doch sehr das Frausein, immer wieder tauchen Anspielungen darauf auch da auf, wo man sie gar nicht vermutet; z.B. auf den Röntgenbildern sieht man immer wieder ganz deutlich einen Ohrring, oder die großen Ohrenfotografien sind nicht nur durch ihre überdimensionale Größe interessant, sie werden auch mal mit einem, mal mit mehreren Ohrringen verschönert, und es sind weibliche Ohren, das sieht und spürt man. Wieviel Hübsch-Sein darf man sich erlauben oder ist erlaubt? Ja, diese coole Künstlerin hat mich fasziniert, schon ganz am Anfang meines Kunstgeschichtsstudiums in Berlin; sie war Schülerin von Gerhard Richter, lange seine Frau und lange unter seinem Einfluss, und doch ging sie dann ihren Weg, und hat diese Coolness durchgehalten, mühsam und kämpfend ,aber doch. Und sie sorgt mit ihren Puppen und Mannequins, mit ihren Installationen zum Ground Zero, mit den „Weltempfängern“ aus Beton mit den herausragenden Antennen, tonnenschwer und leicht zugleich, als ob sie die Verbindung zwischen Schwere und Leichtigkeit zeigen wollten; sie ist immer wieder für eine Überraschung gut. Obwohl man oft vor den Installationen steht und lange grübelt, was denn nun hier das wichtige sei, worum es geht, doch irgendwo findet man die Ästhetik , die Anspielung und den Zusammenhang. Sie sei gerne mal frech, sagt sie, und das spürt und sieht man an den Kollisionen von Materialien und Themen, die sie behandelt und die sie zusammenbringt. Wie sie Flugzeugwrackteile verbindet und auf die Lebensumstände der Menschen, die in den Türmen des World Trade Center gearbeitet haben, aufmerksam macht.

Manchmal drängt sich dann doch die Frage auf, ist das hier unbedingt ausstellungswürdig. Und dann geht man in den nächsten Raum und wird durch die vielen Büsten von Nofretete mit Sonnenbrillen und fetzigen Schals entschädigt und es wird einem klar, dass die Künstlerin die Coolness aushält, sie zum Spiel macht und einem den Weg dahin weist. Es ist vieles leicht ironisch und mit einem zugedrückten Auge, so als würde sie kokettieren und alles leicht machen wollen und dann aber doch die ganz schwer beladenen Themen behandeln.

Ich sah manchmal die Ratlosigkeit in den Gesichtern der Besucher aber auch manchmal ein Lächeln, die Kommentare fielen spärlich aus, vieles müsste man sich wahrscheinlich ganz lang anschauen und dahinter kommen, doch wer will das in unserer Zeit, und dann bleiben die große ganz schräg angezogene Puppe und die Büsten der Nofretete in Erinnerung, und das ist vielleicht auch genug.

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Ausstellung Mach dich hübsch im Martin-Gropius-Haus

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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