Gül. Im Frauenhaus.

Anne Schmidt

Gül schaut auf ihre Hände, runzelt die Stirn als dächte sie angestrengt nach und lächelt plötzlich kaum sichtbar.

„Damals, als ich am Ende war, kam meine Rettung. Meine Schwester, die mich leblos im Bett gefunden hatte, rief die Feuerwehr und ich wurde ins Urban-Krankenhaus gebracht. Dort hat man mir den Magen ausgepumpt und mich an den Tropf gehängt. Von all dem habe ich nichts bemerkt, aber Frau Weiss hat mir später den Ablauf seit meiner Einlieferung geschildert. Von meiner Familie hat sich keiner im Krankenhaus blicken lassen, was mir sehr recht war.

Frau Weiss, die Sozialarbeiterin in meiner Klinikabteilung, kam mich jeden Tag besuchen. Nach und nach hat sie alles aus mir herausgefragt. Sie hat dafür gesorgt, dass ich nicht nach drei Tagen nach Hause entlassen wurde, wie es sonst nach einem Selbstmordversuch üblich ist. Sie hat mir einen Platz in einem Frauenhaus besorgt, in dem normalerweise nur verheiratete Frauen mit Kindern Schutz finden.

Die türkische Frau, die mit ihren zwei Kindern im Nachbarzimmer wohnte, hat mir von ihrem Drama erzählt.

Sie war – genauso wie ich – gegen ihren Willen verheiratet worden, hatte ihren Mann nach der Zuzugssperre von einem Jahr nachkommen lassen und war mit ihm in eine kleine Wohnung gezogen, die ein lieber Onkel besorgt hatte.

Ihr Mann konnte kaum Deutsch, ging nicht arbeiten und verbrachte den Tag im Teehaus, während sie in einer Wäscherei arbeitete.  Wenn sie abends müde nach Hause kam, musste sie kochen und putzen, während er sich türkische Melodramen im Fernsehen anschaute.  Wenn ihm das Essen nicht schmeckte oder er einen Fleck irgendwo sah, schrie er sie an oder schlug sie. Wenn sie sich nicht mehr wehren konnte, vergewaltigte er sie brutal.

Mehrmals hat er ihren Kopf gegen die Wand geschlagen, so dass sie heute noch epileptische Anfälle bekommt. Nachdem sie zweimal ein Mädchen geboren hatte, wollte er nichts mehr von ihr wissen und kam nur noch nach Hause, um sich Geld zu erzwingen. Wenn sie ihm nicht so viel geben konnte, wie er haben wollte, schlug er sie und stieß wilde Drohungen aus. Sie fühlte sich ihres Lebens nicht mehr sicher und flehte ihre Familie an, sie aus ihrem Unglück zu befreien. Aber die Familie beharrte auf dem Ehebündnis und gab sogar ihr die Schuld für ihr Unglück.

Sie wandte sich in ihrer Not an eine Nachbarschaftsmutter in Neukölln und diese gab ihr die Adresse von dem Frauenhaus. Sie hat ihr geraten, versteckt zu bleiben bis sie den Mietvertrag gekündigt hätte.

Inzwischen hat Emine eine Wohnung gefunden und mich eingeladen, bei ihr vorübergehend zu wohnen.

Ohne sie und Frau Weiss hätte ich es nicht geschafft zu verhindern, dass Ömer nach einem Jahr mir nachreisen konnte.”

Gül seufzt, Frau Schulz bestellt neuen Kaffee und fragt leise nach der Reaktion von Güls Familie auf ihre Weigerung hin. Die Tatsache, dass Gül wieder bei ihrer Familie lebt, legt Frau Schulz den Schluss nahe, dass Güls Familie eingelenkt hat. Dennnoch kann sie sich nicht vorstellen, dass Güls Mutter die Verweigwerung von Gül gutheissen konnte, denn die Trennung von dem Gatten hatte wahrscheinlich das Zerwürfnis mit seiner und ihrer Familie in Anatolien zur Folge. Konnten sich die Eltern je wieder in ihrem Dorf sehen lassen, in dem die Ehre der Familie zum zweiten Mal „verspielt” worden war?

Gül löst sich aus ihren Gedanken, zieht zum ersten Mal während des Gespräches eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, lässt sie aber gleich wieder zurückgleiten. Der bestellte Kaffee kommt und Gül nippt.

„Während ich im Frauenhaus war,  ist Frau Weiss zu meinen Eltern gegangen. Sie hat ihnen erklärt, dass Zwangsheirat illegal sei und ich meine Eltern anzeigen könne. Wenn ich es nicht täte, würde sie es tun, falls meine Eltern die Trennung von Ömer nicht tolerieren würden. Sie trat sehr entschieden auf, zeigte auf Formulare und Paragraphen, die meine Eltern einschüchterten. Mein Vater unterschrieb, dass er keine Wohnung für seine Tochter und ihren Mann gefunden habe und auch keine Absicht habe, das Paar finanziell zu unterstützen.

Meine Mutter, die nicht lesen und schreiben kann, unterzeichnete alles mit Xen; ihre größte Sorge war, dass irgendeine Behörde oder die Familie in der Türkei Geld von ihr verlangen könnten. Angeblich mussten sie einen kleinen Betrag an die Migrationsbehörde zahlen, den sie prompt von mir zurück verlangten.”

Gül lacht gequält auf. „Eigentlich hätte alles mein Bruder bezahlen müssen, denn der war an allem schuld, oder?”

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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