Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

„Ungeduld des Herzens“

Und wir sind in ein Stück gegangen, das sich vom Titel her ganz vorgestrig anfühlte und dann im Theater modern und aktuell war und doch zugleich die Situation in Wien und in Österreich vor dem Ersten Weltkrieg wiedergab.

Es ist immer wieder faszinierend, wenn auf der Bühne etwas aus minimalen Mitteln groß wird; es sind nur fünf Schauspieler, ein paar Stühle, Tische, ein Glaskasten – und die Technik, die alte Fotos, Landschaften, den Himmel auf den Hintergrund projizieren lässt; dazu kommen noch Geräusche oder besser Geräuschkulisse. Wie wenig braucht man, um einen Zug darzustellen, durch einfache Bewegung des Körpers, das gewisse Schaukeln, dazu die Stühle hintereinander aufstellt und ein bestimmter Rhythmus gehalten. Natürlich, würde man sagen, so spielen auch Kinder Zug, das sind Urbewegungen, die etwas markieren, sichtbar machen, ohne großen Aufwand. Aber da sind noch die zwei Protagonisten: der Arzt und der Leutnant, die zusammen spazieren gehen und die Bewegung darstellen, ohne dass sie sich eigentlich vorwärts bewegen; so dass der Zuschauer mit ihnen mitgeht und im Gehen mithört. Oder: Mit einem Tisch und einem Stuhl wird eine Terrasse ganz oben im Turm des Schlosses improvisiert, und der Zuschauer ist ganz überzeugt, dass die Personen, Edith und ihr Vater, von der Terrasse herunterschauen, und er spürt die Weite und ihren Blick und dabei lässt er auch seinen eigenen in die Landschaft schweifen. Das alles muss man aber sehen und als Regisseur einzusetzen wissen.

Überhaupt ist in dem Stück alles in Bewegung, die Schauspieler übernehmen mehrere Rollen, tauschen sie aus, probieren sie an sich anzupassen, mit der Stimme und der Bewegung, und wählen jeweils die beste Option aus. Sie erproben immer wieder, wie aus der Stimme, dem Geräusch, der Ton, der Bewegung und dem Bild am besten ein Ganzes entsteht, in dem noch dazu die Emotionen und der Inhalt zusammenspielen. So kommt es, dass ein Buch, ein Roman in zwei Stunden so intensiv und klar vorgestellt wird, dass man meint es gelesen und sich tief mit den Problemen auseinandergesetzt zu haben.

Es muss ein Meisterstück sein, sowohl vom Stoff her als auch in der Bearbeitung. Die Bearbeitung des Textes stammt von Simon MacBarney, seinem Co-Regisseur James Yeatman und Maja Zade, für die szenische, bildhafte Umsetzung ist Simon MacBarney verantwortlich. Der Regisseur aus England beschreibt, wie sie proben, indem sie immer wieder ein Spiel, ein Ballspiel, als Aufwärmübung spielen, und das erlaubt allen, sich zu bewegen, ihre Positionen immer wieder zu wechseln, die bestmöglichen auszuwählen und diese Bewegung dann in das Stück zu übernehmen. Das Gleiche passiert mit dem Ton, er ist einen Moment vorher da, das Schlürfen, der Schrei, der Kanonendonner, der Donner des Gewitters, alle Töne signalisieren schon vor den Worten das Kommende oder unterstreichen es. Der Ton und die Bewegung können viel leichter Emotionen hervorrufen, das Wort kann sie dann korrigieren und richtigstellen; aber die Ungeduld des Herzens nachzuzeichnen, nachempfinden zulassen, das machen eben die Nebeneffekte. Mit dem Text wird so lange gearbeitet, bis er auch einen Rhythmus und einen genauen Ausdruck hat, der nicht austauschbar ist und genau zu dem Moment passt. Man spürt fast durch das ganze Stück hindurch, dass hier nichts austauschbar ist, dass die Harmonie des Wortes, der Bewegung, des Tons und des Bildes im Hintergrund immer ein Ganzes schaffen will.

Die Geschichte ist die eines Leutnants der K. und K.-Armee, der sich aus Mitleid aber auch aus falsch verstandenen Ambitionen mit der gelähmten Tochter eines reichen jüdischen Industriellen verlobt. Die Geschichte des Vaters von Edith spielt bei der Erfüllung des Schicksals mit; er ehelicht die Gouvernante des Hauses Kekesfalba, die zur Erbin wird und die bei der Geburt ihrer Tochter stirbt. Der Leutnant ist von Mitleid ergriffen und verlobt sich mit der in ihn verliebten, intelligenten Tochter, die aber eben Invalidin ist. Dem Leutnant selbst sind seine Beweggründe nicht klar, er schwankt zwischen Mitleid und echter Zuneigung. Der Autor unterscheidet zwischen zwei Arten von Mitleid und legt dem Arzt des Mädchens seine Interpretation des Begriffs Mitleid in den Mund: Den Leutnant bewege „das schwachmütige und sentimentale Mitleid, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist“ und das soll „durch das andere, das einzig zählt – das schöpferische Mitleid, ersetzt werden, das weiß, was es will und entschlossen ist alles durchzustehen bis zum Letzten“. Vor seinen Kameraden verleugnet er die Verlobung, denn er fürchtet, dafür ausgelacht und verachtet zu werden, dass er sich an einen Krüppel gebunden hat. Nachdem Edith davon erfährt, stürzt sie sich vom Turm des Schlosses in den Tod, der Leutnant versucht vor seinen Gewissensbissen in die Wirren des Weltkrieges zu flüchten.

Die Handlung ist einfach und immer aktuell, der Erzählfluss von Zweig sehr einfühlsam, mitreißend und bewundernswert. Der Ich-Erzähler spricht von entlegenen Zeiten, die aber, so stellt sich aber schnell heraus, mehr als aktuell sind. So ist das auch in der Aufführung: Anfangs spielt die Handlung in einem Museum und es wird im Ton des Geschichtenerzählens berichtet, sie endet aber mit aktuellsten Bildern aus der Gegenwart (nach der Videomontage von Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg kommt unerwartet das Foto eines Flüchtlingsboots).

Der britische Regisseur MacBarney wurde durch ein mit seiner Kompanie Complicite aufgeführtes Stück nach der Erzählung des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz „Street of crocodiles“ weltberühmt, hier arbeitet er mit dem deutschen Ensemble der Schaubühne, benutzt aber seine erprobten Mittel: Bewegung, Ton und Videoinstallationen.

Der Text beruht auf dem Roman von Stefan Zweig, der 1939 veröffentlich wurde. Bald musste Zweig aus dem deutschen Sprachraum verschwinden, seine Bücher wurden von den Nazis verbrannt, wie übrigens auch die des anderen Zweig, Arnold; er selbst floh zuerst in die Schweiz, dann nach London und New York und endete in Brasilien, in Petropolis, wo er 1942 zusammen mit seiner Frau Selbstmord beging.

***

Ungeduld des Herzens

Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin

Theaterkasse

Tel +49.30.890023
Fax +49.30.89002-295 300
ticket@schaubuehne.de

Eine Koproduktion mit Complicite.

Autor: Stefan Zweig
Regie: Simon McBurney
Co-Regie: James Yeatman
Bühne: Anna Fleischle
Kostüme: Holly Waddington
Licht: Paul Anderson
Sound Design: Pete Malkin
Mitarbeit Sound Design: Benjamin Grant
Video Design: Will Duke
Dramaturgie: Maja Zade

Dauer: ca. 120 Minuten

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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