Was nun, Gül?

Anne Schmidt

Haushaltsgeld

Unsicher schaut Gül Frau Schulz an; diese nickt zornig.

„Hast du deinen Bruder angezeigt?” Sie ist ziemlich sicher, dass Gül es nicht getan hat. So ist es!

Gül, die  nach dem Aufenthalt im Krankenhaus und danach im Frauenhaus in die Wohnung ihrer Eltern zurückgekehrt war, hatte sich völlig in sich zurückgezogen. In ihrem Handy waren die Nummern ihrer Freundinnen gelöscht, sodass sie niemandem – ausser Emine – ihr Herz ausschütten konnte. Emine redete ihr immer gut zu und überzeugte sie davon, dass sie mal wieder ausgehen müsse, um andere Menschen kennen zu lernen. Aber Gül traute sich nicht, saß den ganzen Tag in ihrem Zimmer, hörte Musik und horchte auf die Schritte auf dem Korridor.

Ihr Bruder schlich nicht draussen herum, denn der wohnte inzwischen am Kottbusser Tor. Ihre Schwestern hatten inzwischen geheiratet und wohnten ein paar Straßen weiter; sie kamen nur selten zu Besuch. Ihr Vater hielt sich kaum zu Hause auf: Entweder war er im Teehaus oder in der Moschee am Columbiadamm.

Ihre Mutter ging einmal in der Woche in die Passionskirche, um sich von Laib und Seele Lebensmittel gegen einen kleinen Obulus einpacken zu lassen; der Vater gab ihr zu wenig Haushaltsgeld.

Gül litt darunter, sich von ihrer Mutter bekochen zu lassen, gespendeten Kuchen zu essen.

Eines Tages raffte sie sich auf und ging zur Bank. Sie hatte immer gespart, was sie in den Ferien und später als Putzfrau verdient hatte. Ihre Mutter wusste nichts von ihrem Konto, denn die hätte sonst alles Geld für sich reklamiert, für die vielen Ausgaben, die sie wegen ihrer Tochter gehabt hatte. In diesem Punkt war Gül hart geblieben: Ihr Konto war ihr einziger geheimer Besitz.

Der Gang zur Bank brachte für Gül die Wende, denn auf der Bank sprach sie eine junge, hübsche Frau an, die sie nicht sofort erkannte. Es war Nuren, ihre Freundin aus der Schulzeit. Nuren umarmte sie und sprudelte über vor Freude. Gül erinnert sich mit glänzenden Augen an das Wiedersehen. „Von da an war meine Einsamkeit weg. Nuren gab mir die Telefonnummern von Jenny und Betty und ab sofort konnte ich von meinem Zimmer aus täglich mit ihnen quatschen. Ich habe ihnen nichts von meinem Bruder erzählt, nur von meiner Zwangsheirat. Nuren kennt viele Frauen, denen dasselbe passiert ist. Meistens wurden sie in die Türkei gelockt unter dem Vorwand, eine sterbende Oma oder einen todkranken Opa zum letzten Mal besuchen zu müssen. Nuren selber hatte eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und sich eine eigene Wohnung gesucht. Betty war inzwischen Lageristin geworden und Jenny Fachverkäuferin für Kosmetika.

„Jenny war – wie früher – die unternehmungslustigste von den Dreien und überredete mich eines Tages, am nächsten Abend mit mir in eine deutsch-türkische Disco zu gehen. Als Jenny mich am nächsten Abend abholen wollte, war ich fest entschlossen, nicht mitzukommen. Ich hatte den ganzen Tag gegrübelt und fühlte mich kraft- und lustlos. Meine Mutter hatte mehrmals an die Tür geklopft und mir Essen und Tee angeboten, aber ich hatte nicht reagiert. Plötzlich stand Jenny vor der Tür. Meine Mutter hatte ihr die Wohnungstür aufgemacht, obwohl sie sie nicht leiden kann. Sie ist für sie der Inbegriff der deutschen Schlampe. Als Jenny mich sah, reagierte sie sehr einfühlsam: Sie nahm mich an den Arm und redete mit mir, wie mit einem Kind. Ich hatte noch mein Nachthemd an und Jenny ahnte, dass ich nicht mitgehen wollte. Sie drückte mich auf einen Stuhl und fing an, ganz vorsichtig mein Haar zu bürsten. Während der Zeit summte sie einen der gängigen türkischen Popsongs und immer, wenn das Schmatzen vom Küssen kam, drückte sie mir ein Küsschen auf die Wange. Sie zog mich ins Badezimmer, damit ich mir den Schlaf aus dem Gesicht wusch und schob mich vor den Spiegel. Sie holte ihr Schminktäschchen aus ihrem Rucksack und zog meine Lippen nach. Mehr bräuchte ich nicht, meinte sie, ich sei schön genug, so wie ich sei. Nur die Mundwinkel müsse ich aus ihren Ecken heben, damit nicht jeder mich für eine übellaunige Tussi halte. Dann holte sie ihr Handy aus der Tasche, umarmte mich und machte ein Selfie von uns. Sie zeigte es mir und ich sah, dass meine Mundwinkel immer noch zu tief hingen.

>>Nun ist Schluss mit Trauer<<, sagte sie, holte ein Top aus dem Schrank, befahl mir, meine engsten Jeans und das Top anzuziehen und ließ mich vor dem Spiegel im Flur Maß nehmen. >>Turnschuhe genügen, du brachst keine High Heels<<, meinte sie und lachte bei der Vorstellung. Sie rief meiner Mutter einen frechen Abschiedsgruß zu, den die nicht verstand, aber freundlich erwiderte und zog mich auf die Straße.”

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