Eine kleine Seite auf der Strasse…

Ewa Maria Slaska

Auf der Strasse gefunden…

Meine Leser wissen es schon, ich finde Sachen. Ich erfinde sie auch, klar, dafür bin ich eine Schriftstellerin, aber ich bin auch eine Archäologin und dies, weil ich eben Sachen finde. Egal welche… Ganz einfach: Sachen. Diesmal war es wieder eine Buchseite. Es war schon Mal hier, im Laufe der Zeit wird es immer öfter Sachen geben, die schon Mal hier waren.  Sehr oft Bücher, ab und zu aber auch Buchseiten. Eine mit einem Bild. Einem guten Bild. Ich bin Tochter einer Graphikerin und auch wenn sie im Dreck und Schlamm liegt, bin ich imstande eine gute Graphik zu erkennen. Eine sehr gute…

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Schon vom Weitem dachte ich, es wären die 40er. Und so war es. Es ist eine Seite aus dem Buch von einem Kasack. Das weiß ich: Hermann Kasack. Ein deutscher Schriftsteller. Die Stadt… Dies weiß ich schon selber nicht, aber mein Iphon sagt es mir sofort. Die Stadt hinter dem Strom, herausgegeben beim Suhrkamp in Berlin 1947.

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Wikipedia ist sofort hilfsbereit zur Stelle, um mir weitere Informationen zu liefern:

Das existentialistische Werk gehört zu den bedeutenden Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur. Hans Vogt komponierte nach dem Werk eine Oper in 3 Akten, welche am 3. Mai 1955 in Wiesbaden uraufgeführt wurde.

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Hauptfigur des Romans ist der Orientalist Dr. Robert Lindhoff, der durch einen unklaren Auftrag mit dem Zug in eine fremde Stadt reist. Diese stellt sich für ihn rätselhaft und undurchschaubar dar, er begegnet Menschen, die in seiner Erinnerung eigentlich bereits verstorben sind, unter anderem seinem Vater und seiner ehemaligen Geliebten Anna.

Lindhoff wird als offizieller Chronist der Stadt eingestellt, um die Gebräuche und Geschichte der Stadt festzuhalten. Diese erschließen sich ihm jedoch nicht, die Personen denen er auf seinen Streifzügen begegnet, verrichten sinnlose Tätigkeiten, ohne erkennbaren Nutzen. Schließlich erkennt der Protagonist, dass er sich in einem Reich der Toten befindet. Es ist für ihn unmöglich, seinen Auftrag, eine Chronik zu verfassen, auszuführen, doch diese schreibt sich auf übernatürliche Art selbst.

Der Roman schließt sich kreisförmig, wenn Robert Lindhoff am Ende des Romans wieder in einem Zug sitzt und, diesmal als Toter, in die Stadt hinter dem Strom reist.

Also Totenhorn. Über das polnische Buch in genau diesselber Weise konstruiert, habe ich vor kurzem auf Polnisch geschrieben. Es ergibt sich die Frage, ob der Pole Wyganowski den Kasack kannte und ob er seine Vision von dem deutschen Schriftsteller hat, oder ob beide an die Jenseitsfahrten und -visionen der griechischen Antike (wie die Geschichte von Orpheus oder Ulysses) oder an Dantes Göttliche Kommödie anspielen. Es kann aber auch Kafka sein, der den Paten für beide Autoren stand. Kasacks Figur, Dr. Robert Lindhoff, ist ein Alt-Orientalist, ein Keilschriftforscher.  Solche Reisende wiederholen sich in der Literatur. Raimund („Mundus“) Gregorius aus dem Paul Merciers Roman Nachtzug nach Lissabon, ist ein Altphilologe, genauso wie Hermann Mussert im mysteriösen Roman Cees Notebooms Die folgende Geschichte, der ebenfalls so eine Reise zwischen dem Leben und dem Tod schildert.  Sind die Altphilologen besonder anfällig?

Der Roman entstand in zwei Teilen, zunächst während des Zweiten Weltkrieges 1942-44, sowie in den Nachkriegsjahren 1946/47.

Der zeitgenössiche Kritiker schrieb im Spiegel 1948:

Zweimal hat Hermann Kasack angesetzt, um sein Buch zu schreiben. 1942 fing er in Potsdam an. Es gab in seiner Umwelt noch kein vergleichbares Abbild der Ruinenstadt, wie sie ihm visionär vor Augen stand. 1945, nach mehr als einjähriger Pause, holte er das halbfertige Manuskript wieder hervor und brachte es dann zu Ende. Da war die Vision „vorweggenommene Wirklichkeit” geworden.

1942 hatte Kasack geglaubt, mit zwei bis drei Schreibmaschinenseiten auszukommen, um die ihn bedrängenden Gesichte zu bannen. Es wurden genau 600 Druckseiten daraus.

In Wikipedia liest man weiter:

Der Roman wird als eines der wichtigsten Werke der inneren Emigration bezeichnet, da sich Kasack, anders als viele seiner Kollegen, nicht zur Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland entschlossen hatte.

Nach seinem Erscheinen wurde der Roman begeistert aufgenommen und in den Folgejahren in mehrere Sprachen übersetzt. Man interpretierte die geisterhafte Stimmung der Stadt, an der Schwelle zwischen Welt und Unterwelt, als ein Gleichnis für die Stimmung in Deutschland in den letzten Kriegsjahren. Wie andere Nachkriegsschriftsteller beschäftigt sich Kasack mit der Hilflosigkeit des Individuums in Konfrontation mit Grenzsituationen. Damit verbunden wird die Frage nach dem Wesen der eigenen Existenz.

Kasack ist 1896 geboren i starb 1966. Siebzig ist er geworden (fast siebzig – ein paar Monate fehlten). Es hat natürlich keine Bedeutung, aber 2016 jährt sich sowohl sein Geburts- als auch sein Todestag.

Das Buch habe ich also sofort identifiziert, seine Bedeutung auch fast sofort erkannt. Ich weiß auch schon, dass es seit Jahren nicht mehr heraussgegeben wird. (Rechts: die Originalausgabe aus dem Jahre 1947)

Jetzt muss ich aber noch eine Information finden und zwar: Wie heisst der Autor der Grafiken in Kasackss Buch? Dies wird schwieriger, Graphiker und Übersetzer sind gern vergessen, übersehen oder weggeräumt. Und so ist es. Im Internet gibt es keinerlei Information… Eigentlich Schade, vielleicht auch Schande. So ein guter Graphiker, total ignoriert!

In allen Internetangeboten sieht man nur nichts sagendes meistens voller Flecken Leinenumschlag des Buches in seiner Ausgabe vom 1947. Ich finde es in der Universitäts Bibliothek, wo es aber in einem geschlossenem Raum liegt, man wird es mir erst nach dem Wochenend zukommen lassen. Nun nach dem Wochenend bin ich für eine Woche weg. Erst übermorgen schreibe ich Euch hier, wie der Graphiker heißt…

***
Ich habe sie gefunden. Eine Sie, eine Künstlerin, die Beate Dietrich hieß. Mit 17 Holzschnitten illustrierte sie die DDR-Reclam-Ausgabe des Buches im Jahre 1989 in Leipzig. Sie machte auch Zeichnungen zu Kiepenheuer Ausgabe von Tess d’Uberville von Thomas Hardy (1989). Ebenfalls 1989 lieferte sie ein Werk für ein Leipziger Graphic Portfolio ‘liberté – egalité – fraternité‘. Merkwürdig. Als ob sie nur in Leipzig und nur 1989 tätig wäre.

***

Am Ende zitiere ich den letzten Absatz des Buches, weil er erklärt, wie die Buchseiten aus dem Buch entfernt, irgendwohin gelangen…

kasackdiestadt-oklAls sich der Zug einer großen Flußbrücke näherte, trat er an das Fenster. Während sein Wagen langsam über den Strom fuhr, warf er einen Stoß von Blättern, die er aus einem Buch gerissen hatte, in die Tiefe, so dass er zuletzt nur noch die blaue Hülle des Einbandes in Händen hielt. Die Papiere flatterten rasch durch die Luft und trieben in dem modrigen Wasser, wo sie allmählich zerfielen.

Der Reisende war unterdessen schon an der Endstation ausgestiegen. Er ging, einer von vielen, im Zwielicht der frühen Morgendämmerung einer Stadt entgegen, die ihm sonderlich vertraut war, obwohl er sich nicht
erinnern konnte, sie schon früher
einmal betreten zu haben.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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3 odpowiedzi na „Eine kleine Seite auf der Strasse…

  1. ewamaria2013 pisze:

    Meine lieben Leser. Heute habe ich die Stadt-Ausgabe vom 1948 in der Grimm-Bibliothek endlich bekommen. Keine Buchgrafiken vorhanden! Habe zwei weitere Ausgaben bestellt. In einer Woche oder so kann man weitere Nachrichten erwarten🙂.

    • ewamaria2013 pisze:

      Heute habe ich den 2. Versuch unternommen, an das Buch zu kommen. In der Grimm-Bibliothek gab ich die 1. Ausgabe des Buches zurück und wollte mir zwei andere, die dort vorhanden sind, anschauen. Die aus dem Jahre 1989 ist verschwunden, die 1996 herausgegebene hat keine Illustrationen. Ich suche weiter.

  2. ewamaria2013 pisze:

    Gefunden! Dank Hilfe von einem Bibliothekar der AGB: Beate Dietrich! Eine DDR-Ausgabe mit 17 Holzgraphiken. Ich sitze jetzt im Kino, dh. mehr über die Künstlerin kommt später

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