Gül und Erol

Anne Schmidt

Erol im Disc

„Wir fuhren mit der U-Bahn zum Kotti und liefen noch ein Stückchen die Reichenbergerstraße runter.

Das Jugendzentrum, in das Jenny mich zog, kannte ich von einem Schulfest. Die Musik dröhnte und die Jugendlichen in dem großen abgedunkelten Saal sangen den türkischen Text mit. Ich erkannte den Sänger Tarkan, dessen Lieder gerade überall, sogar in deutschen Sendern, zu hören waren. Das Lied, das gerade gespielt wurde, mochte ich besonders gern; ich ließ mich mitreißen und sang den Text leise mit, aber hochhüpfen, wie die anderen, konnte ich nicht. Ich stand wie eingewurzelt an der Tür und versuchte Jenny zu erkennen; sie war weg und als der Song zu Ende war, kam eine kitschige türkische Ballade, bei der mir sofort die Tränen in die Augen schossen.

Ich wollte mich gerade umdrehen und rausgehen, als mich ein junger Mann von der Seite ansprach. Er musste sehr laut schreien, um sich verständlich zu machen und zog mich an der Hand aus dem Saal. Draussen fragte er mich, ob ich nicht auch auf der Karagöz-Schule gewesen sei, er könne sich an mich erinnern. Ich sei immer mit vier anderen Mädchen zusammen gewesen, die so unterschiedlich ausgesehen hätten, wie Tag und Nacht. Mich hätte er immer am hübschesten gefunden. Ich konnte mich überhaupt nicht an ihn erinnern; erst, als er sagte, er habe die 10. Klasse wiederholt, um einen erweiterten mittleren Schaulabschluss zu machen, dämmerte es mir:

Er hatte immer mit ein paar Kiffern und Schulschwänzern herumgehangen, die Spaß daran hatten, Feueralarm auszulösen oder Buttersäure zu versprühen. In den abgelegenen Treppenhäusern fühlten sie sich sicher genug, um zu rauchen oder Stoff zu verkaufen.

Jetzt war er sehr charmant, machte Witze über einige Lehrer und brachte mich mit Parodien über besonders skurrile Typen zum Lachen. Wir setzten uns in das Café des Disc und weckten ununterbrochen Erinnerungen an die Schulzeit.

Als Jenny uns fand, hatte ich einen leichten Schwips von der Cola mit Rum, den er heimlich dazugegossen hatte. Jenny sah sofort, was los war und schnauzte Erol an, er solle mich in Ruhe lassen und mir keinen Alkohol einflößen. Sie nahm mir das Versprechen ab, auf sie im Café zu warten, denn sie wolle noch ein bisschen tanzen. Als sie verschwunden war, lachte Erol verschwörerisch und fragte, ob er mich im Taxi nach Hause bringen solle. Ich dachte an mein Versprechen, stand auf und schwankte. Erol stützte mich, bis ich einigermaßen sicher auf den Beinen stand. Ich setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und tastete mich zur Toilette.

Im Waschraum traf ich auf ein Mädchen aus meiner ehemaligen Schule, das auch Jenny kannte. Ich bat sie, Jenny zu sagen, dass mir schlecht sei und Erol mich im Taxi nach Hause bringen würde.

„Erol, der Freund von Deniz und Orhan?”, sie sah mich erschrocken an, aber ich war zu müde, um über ihre Reaktion nachzudenken. Ich wollte nur noch nach Hause. Als ich aus dem Waschraum kam, stand Erol  schon vor der Tür, hakte mich unter und bugsierte mich nach draussen. Passenderweise stand ein Taxi genau vor der Tür und Erol schob mich- ohne den Fahrer zu fragen – auf den Rücksitz und setzte sich neben mich. Der Fahrer schien seinen Auftrag schon zu kennen, denn er fuhr sofort los. Erol fingerte mein Handy aus meiner Tasche und rief sich selber an; ich bekam es nur im Halbschlaf mit und dachte mir nichts dabei. Erol, der meine Straße kannte, fragte nach der Hausnummer und wechselte ein paar Worte mit dem Taxifahrer, den er duzte.

Vor meiner Haustür gab ich ihm meine Schlüssel und war froh, dass er mich die Treppen bis zu unserer Wohnung hochschleppte. Er schloss für mich die Wohnungstür auf und ich kroch auf allen Vieren hinein, um keinen Lärm zu machen. Am nächsten Morgen wachte ich angezogen vor meinem Bett auf.”

Gül stöhnt, als spüre sie jetzt noch die Kopfschmerzen vom Morgen danach. Sie wirkt matt und erschöpft vom endlosen Reden.

Frau Schulz winkt die Bedienung herbei, um zu zaheln, aber Gül will noch nicht gehen. Sie möchte nur etwas Wasser für ihren ausgetrockneten Mund und schaut Frau Schulz bittend an. Der heimliche Blick auf die Uhr hat Frau Schulz gezeigt, dass sie schon seit zwei Stunden mit Gül in diesem Café sitzt. Zu Hause werden ihr Mann und ihre Kinder auf die eingekauften Zimtschnecken warten, aber sie kann sich von Gül auf keinen Fall lösen. Irgendetwas scheint sie noch zu quälen. Frau Schulz bestellt bei der Bedienung eine große Flasche Wasser und wartet, bis Gül sich erfrischt hat.

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