Gül im Auto

Anne Schmidt

„Und jetzt habe ich Aids,”  flüstert Gül, ” dieser Junge hat mich angesteckt.”

Frau Schulz ist irritiert.

Wie weit hat Gül sich mit diesem Erol eingelassen? Es ist, als hätte Gül diese Frage gehört, denn sie beginnt, sich trotz ihrer offensichtlichen Scham zu einer Erklärung durchzuringen.

„Nach dem Abend in der Disco rief er mich täglich an. Er wollte sich unbedingt wieder mit mir treffen. Ich habe immer Ausreden erfunden, denn ich hatte Angst vor ihm; ich fühlte mich nicht stark genug, ihm zu widerstehen, sowohl psychisch als auch physisch.

Eines Tages stand er vor unserem Haus, als ich gerade zu meiner Friseurin gehen wollte. Er tat überrascht, war freundlich und zurückhaltend. Er erzählte mir, dass er jeden Tag in die Moschee gehe und darum bete, mich wiederzufinden. Dann machte er Witze über seine Freunde und brachte mich gegen meinen Willen  zum Lachen.

Er begleitete mich bis zum Frisiersalon und wartete in einem Cafe nebenan bis ich fetrig war. Dann brachte er mich wieder nach Hause und schenkte mir zum Abschied eine CD von Tarkan. Ich hätte sie nicht annehmen sollen, denn ab jetzt fühlte ich mich verpflichtet, seinen Bitten nachzugeben und ihn wieder zu treffen.

Bald trafen wir uns jeden Tag, gingen spazieren oder ins Café am Urbanhafen. Er war immer lustig und erzählte Geschichten, die mich aufheiterten. Ich kam nie auf die Idee, dass er kiffte oder drückte. Ich fand nur die Gestalten, denen wir manchmal begegneten und die er immer mit Handschlag oder sogar Umarmung begrüßte, etwas unappetitlich.

An einem kalten Regentag  kam er auf die Idee, dass es praktisch wäre, ein Auto zu haben, um damit ein bisschen herumzufahren oder auch warm und trocken einfach nur darinzusitzen. Ein Freund hätte ganz in der Nähe einen Autohandel, zu dem wir zu Fuß gehen könnten. Ich muss völlig verrückt gewesen sein, dass ich mit Erol zu diesem Freund gegangen bin. Die beiden schienen sich gut zu kennen und kicherten ständig, ohne dass ich den Grund erkennen konnte. Ich musste in mehreren Autos Platz nehmen, bekam die Vorteile jedes Typs erklärt und Preise zu hören, die völlig illusorisch waren.

Zum guten Schluss präsentierten sie mir einen knallroten Fiat mit Liegesitzen für nur 500,-Euro.  So ein Schnäppchen würde ich nie wieder angeboten bekommen, meinten sie und lachten verschwörerisch.

Ich hätte sofort gehen sollen, aber der Regen hatte sich zu einem Sturmregen entwickelt und ich hatte keinen Schirm dabei. Der Verkäufer meinte, ich bräuchte nicht alles sofort zu zahlen, ich könne den Preis in Monatsraten abstottern.

Erol hatte in der Hütte des Händlers Tee gemacht und brachte mir eine Tasse ins Auto. Der Tee war ekelhaft süß und heute weiss ich, dass der Zucker den Geschmack von einer Droge überdecken sollte.

Ich wurde schläfrig und kann mich nicht daran erinnern, dass ich einen Kaufvertrag unterschrieben habe.

Ich kann mich auch nicht erinnern, was Erol mit mir noch angestellt hat. Ich weiss nur, dass ich abends spät auf einem Liegesitz in einem roten Fiat halb ausgezogen aufwachte und mich an nichts erinnern konnte.”

Gül schlägt die Hände vor`s Gesicht.  „Ich habe Angst, dass ich jetzt Aids habe,” schluchzt sie.

Frau Schulz legt beruhigend ihre Hand auf ihren Arm.  „Hast Du gewusst, dass er HIV positiv ist?  Aber auch in dem Falle müsstest Du Dich nicht inbedingt angesteckt haben; Aids kann nur durch Blut übertragen werden. Hast Du an dem Abend geblutet?”

Gül schüttelt den Kopf. „Ich weiss nicht, was er alles mit mir gemacht hat. Ich weiss nur, dass er immer kaputt aussah und ich mich jetzt auch kaputt fühle. Was soll ich machen?”

Sie sieht Frau Schulz verzweifelt an. „Ich will nicht zu unserem Hausarzt gehen, weil ich mich schäme; ausserdem würde er vielleicht alles meiner Mutter erzählen und die würde wieder ein Riesentheater machen.”

Frau Schulz hält es für müßig, Gül an das Arztgeheimnis zu erinnern. Sie nimmt eine Serviette und schreibt Gül die Adresse von Pro Familia auf. Sie rät ihr, dort anzurufen und sich einen Termin geben zu lassen. Gül steckt die Serviette in ihre Tasche, wischt sich die Tränen ab und verabschiedet sich mit einem dankbaren Lächeln  von Frau Schulz.

Ein halbes Jahr später findet Frau Schulz einen Anruf auf ihrem Anrufbeantworter vor, den sie nicht sofort einordnen kann.

„Mir geht es gut. Was ich Ihnen wegen Aids erzählt habe, war alles Unsinn. Ich wohne jetzt bei Emine und arbeite in ihrem Laden. Ich melde mich später noch mal. Vielen Dank noch für Ihre Hilfe.”

Nach diesem Lebenszeichen hört Frau Schulz nie wieder etwas von Gül.

Informacje o ewamaria2013

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