Vor der Morgenröte – Stefan Zweig

Auf Polnisch schrieb hier schon Dorota Cygan über den Film, und die Autorin (auf Deutsch) über Stefan Zweig

Monika Wrzosek-Müller

Irgendwie zieht es mich nach Wien, oder besser in die dekadente Wiener Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Stefan Zweig ist ein Paradebeispiel für diese Zeit; er wurde hier geboren, wuchs behütet auf, studierte hier und in Berlin und mit seinen ausgedehnten Reisen, mit seiner Übersensibilität, Emotionalität und künstlerischen aber vor allem menschlichen Unbeholfenheit schaffte er es doch auf den Olymp der Kunst. Seine zahlreichen Novellen und seine Biografien werden immer wieder gelesen, manchmal auch verfilmt; auf jeden Fall genießt er Ruhm auch nach seinem Tod. Was ihn in unserer Zeit so populär macht, ist die Aktualität seiner Gedanken über Europa in der Ausnahmesituation, über Menschen, die in der Ausnahmesituationen sind, die emigriert, geflüchtet, in der Fremde leben müssen. Und er leidet mit ihnen und leidet selbst daran, auch wenn er hätte gut leben können. Er ist ein Pazifist, bewundert Gandhi, das macht ihn bei jungen Menschen populär; in Wien heutzutage lese ich beim Vorbeigehen im Schaufenster des Cafés Central: „hier kam der Stefan auf den grünen Zweig…“, und ein Freund (25 Jahre alt) meines Sohnes erzählt mir, dass er gerade eine Gesamtausgabe von Zweigs Werken erstanden hat.

Ich glaube nicht an Zufälle und wenn ich an das Stück „Ungeduld des Herzens“ in der Schaubühne und jetzt an den Film „Vor der Morgenröte“ denke, so wird mir klar, dass seine Stimmung und seine Themen aktuell sind. Die Menschen suchen Parallelen und Beispiele, um sich die eigene Situation vor Augen zu führen – und was sie vor allem bei ihm finden, ist seine Menschlichkeit, Verletztheit und moralische Stärke und Entschlossenheit.

Zum Film habe ich mehrere Kritiken gelesen und sie fielen sehr unterschiedlich aus; manche lobten das Setting und die Kameraführung und kritisierten die Ausschnitte, die doch nicht das wahre Leben des Schriftstellers zeigten, andere hingegen wiesen darauf hin, dass gerade diese Ausschnitte essenziell seien und der Künstler sich in ihnen offenbare. Wie dem auch sei; es wurde von dem Film gesprochen und er traf den Nerv unserer Zeit, man schenkte ihm Aufmerksamkeit und beschäftigte sich damit.

Durch seine Tiefe und zugleich Oberflächlichkeit hat mich der Film fasziniert, denn einerseits bekommen wir ganz detailliert das Treffen der PEN-Club-Schriftsteller in Brasilien 1936 vorgeführt, doch wird das Leben in New York auf eine Wohnung, fast einen Raum reduziert, wo wir in einer wunderbaren Dialogszene zwischen Zweig und seiner Ex-Frau einen Einblick, ein Gefühl für sein früheres Leben, bekommen und zugleich seine Einstellung zum Exil und zur Rolle des Künstlers in seiner Zeit kennen lernen. Was mich für den Film so eingenommen hat, ist dass wir nicht endgültige Wahrheiten über den Menschen und Künstler Zweig serviert bekommen, sondern es wird vieles angedeutet, vieles denkt man sich und kann es sich vorstellen und weiterspinnen. Die Szenen enden nicht, wo der Kameraschnitt sie abbricht, und sie fangen auch nicht da an; das spürt man und fragt sich, wer schafft das; ist das der Regie von Maria Schrader, dem Kammermann Wolfgang Thaler oder dem Schauspieler Josef Hader zu verdanken; ich denke alle drei haben sich wunderbar in dem Film gefunden und haben das beste gegeben, um uns zu verführen und über das alte und neu gebeutelte Europa nachzudenken.

Schon die erste Szene, in der wir eigentlich nur eine riesige Tafel mit einem imposanten, exotischen Blumenschmuck sehen, während an dem letzten Schliff, an der Makellosigkeit des Empfangs gearbeitet wird, verführt uns. Der ganze Film verführt uns durch die Schönheit der Aufnahmen. Dann der Auftritt von Zweig – er wirkt beschämt und wird doch zugleich von den anderen gefeiert oder feierlich empfangen – der uns die Zerrissenheit des Menschen Zweig zeigt; er kann sich nicht eindeutig gegen Deutschland äußern, obwohl er schon da angekommen ist, im Exil, und darunter leidet. Er will nicht zu denjenigen gehören, die in der bequemen Position des Außenseiters leben und über die anderen lästert. Das wird ihm aber übel genommen und man verlangt von ihm eine Stellungnahme, die er nicht liefern kann. Er kann sie vor allem als Mensch nicht liefern, genauso wie es ihm peinlich ist, sich immer wieder für seine Kollegen einsetzen zu müssen und bei fremden Botschaften etc… hausieren zu gehen, was seine Ex-Frau von ihm verlangt. Ganz deutlich wird die Schwäche des Menschen Zweig gezeigt, der sich in sein Künstler-Sein flüchtet. Doch gerade diese Schwäche angesichts der vielen Entscheidungen und des Lebens außerhalb der gewohnten, sprich heimatlich verbundenen Situation, bringt uns den Film so nah.

Bei Zweig ist vieles seltsam, er ist eigentlich vorgestrig, von der Sprache und dem Pathos der Gefühle her, und doch erspüren wir bei ihm das feine, feinste Gefühl für die Schwankungen und Unvollkommenheiten des Menschen und das macht ihn liebenswürdig und wahrhaftig. Das verkörpert meisterhaft der Schauspieler Josef Hader, dem man jedes Hadern und Zweifeln ansieht.

Und doch ist der Film keineswegs todernst und traurig, es gibt sogar komische Momente. So wenn Zweig mit seiner zweiten Frau nach ihrem Ausflug in die brasilianische Dschungelwelt von einem Bürgermeister empfangen werden sollen – was ihnen nicht behagt, weil sie sich eigentlich auf den Flug nach New York, in den kalten Winter, hätten vorbereiten sollen; aber auch der Bürgermeister gerät in Stress, weil die Ehrengäste offensichtlich zu früh ankommen und er nicht ganz mit den Vorbereitungen fertig ist und die Blaskapelle trotzdem die ersten falsch gespielten Takte des Donauwalzers von Strauß zum Besten gibt; in der Hitze, fast mitten im Dschungel, stehen plötzlich alle ganz gerührt, betroffen still.

Schließlich der Epilog, der Tod der beiden wird nicht direkt gezeigt, wir erfahren ihn durch das Trauern der anderen, und wir bekommen die Toten bis zum Schluss nicht zu Gesicht, auch wenn der Spiegel fast das ganze Zimmer zeigt, in dem sie liegen.

Es ist auf jeden Fall ein Film für uns alle, die heimatlos und auf der Suche sind.

Informacje o ewamaria2013

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