Reisegedanken

Urlaubszeit. Es kommen Reisebriefe. Wie gestern…

Christine Ziegler

Liebe Ewa,

eine Mail, die mal nicht eingeklemmt ist zwischen Frühstück und Büro, oder zwischen Arbeitstreffen und Kochen verfasst wird. Höchstens Müdigkeit setzt vielleicht Grenzen, denn es ist jetzt erst halb neun. Zum Glück war der Koffer schon fast gepackt, doch die letzten Sachen wollten dann einfach nicht reinpassen und alles fing noch mal von vorne an.

Jetzt aber sitzen wir im komfortablen Zug nach München. Draußen hängen graue Wolken vom Himmel, es ist aber bestes Reisewetter, kein Regen und nicht gerade heiß.

Von München wird es heute weitergehen über Kufstein ins Land Tirol. Als wir diese Reise planten, haben wir noch nicht gewußt, wie gespalten auch Österreich sein wird. Die Armen, kaum hatten sie diesen polarisierten Wahlkampf überstanden, müssen sie nun schon wieder an die Wahlurnen. Da wird mir nochmal bewußt, dass wir in Berlin auch bald Wahlen haben werden, Mitte September. Bei uns war es in den letzten Wochen aufregend, weil die Verwaltung mit der Wahlsoftware Schwierigkeiten hatte und außerdem noch durch das Chaos in den Bürgerämtern nicht gewährleistet schien, dass alle Wahlberechtigten auch auf der WählerInnen-Liste stehen würden. Solche Querelen können bei einem knappen Wahlausgang natürlich wieder auf den Tisch kommen, ich hoffe, dass das Ergebnis über jeden Zweifel erhaben sein wird.

Der Wahlausgang für Berlin wird momentan sehr eigentümlich prognostiziert: 4 Parteien haben jeweils etwa 20 Prozent zu erwarten. Nur die FDP kann das noch etwas durcheinanderbringen, wenn sie es denn über die 5%-Hürde schafft.

Ach ja, abwarten und Tee trinken, dies wird ferienbedingt ein kurzer, heftiger Wahlkampf werden.

In dieser kleinen Berliner Welt haben wir, verglichen mit der Welt, noch eher Luxusprobleme, wenn frau den verflixten Flughafen, der Geld über Geld verschluckt, mal ausklammern. Auch das muss eine Stadt sich erst mal leisten können …

Im großen Maßstab ist die Welt so heftig aus den Fugen, dass ich jeden Morgen so eine Art Mantra brauche, um wieder einen neuen Tag auf die Hörner zu nehmen. Und die richtige Mischung finden zwischen Wahrnehmung und Abschottung. So viele grausame Nachrichten, Schlag auf Schlag! „Keep calm and carry on!“, alte britische Durchhalteformel, ruhigbleiben und weitermachen. Herrlich pragmatisch, doch in welche Richtung weitermachen? Wie verhindern, dass die Angst die Oberhand gewinnt und damit irrationale Entscheidungen wahrscheinlicher werden? Wie verhindern, dass die Extremisten auf allen Seiten uns Menschen auseinanderbringen?

Meine Hoffungen auf Europa werden von der aktuellen Verfasstheit der EU auch nicht erfüllt, doch ist es besser, als alles, was dieser Kontinent in der Vergangenheit auf die Beine hat stellen können. Es rächt sich bitter, dass die sozialen Belange der Menschen immer hinter die finanz- und handelspolitischen Ziele gestellt wurden. Da gibt es aber keine Wohlstandseffekte, die zu den Bedürftigen „runtertropfen“, da sind strukturell alle Weichen auf „Geiz ist geil“ gestellt. Viele gibt es nun, die sich betrogen und abgehängt fühlen. Und es schockiert mich, wie die „Schuld“ immer wieder bei den „Fremden“ gesucht wird, die einfach weg müssen, damit es einem wieder besser geht. Doch wenn sie diesen Zustand erreichen, werden sie feststellen, dass sie wieder der Letzte sind, den die Hunde beißen. („sie“ muss einfach in Kursiv, denn wir kommen manchmal aus ganz verschiedenen Motiven zu einer anscheinend gleichen Antwort, siehe Brexit.)

Selten gab es soviel angstauslösende Ereignisse, sei es auf der Promenade in Nizza, sei es bei einer Hochzeitsfeier in Afghanistan. Der Versuch, sich mit Statistik zu beweisen, dass noch immer viel mehr Menschen im Straßenverkehr sterben, als bei einem terroristischen Anschlag, ergibt nur geringen Trost.

Was ist zu tun, damit Angst unser Handeln und das unserer EntscheidungsträgerInnen nicht dominiert? „Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihre Schlächter selber.“ Das ist ein alter Spruch, das Problem, dass damit beschrieben wird, hatte also auch schon die vorvorige Generation.

Im Anhang ist ein Text, der mir ein bißchen geholfen hat, beim Sortieren meiner Gedanken. Angst bekämpfen durch die Herstellung von Sicherheit und durch die Kultivierung von Mut.

Was heißt das für mich selber? Wo muss ich mutig sein, wo muss ich Sicherheit einfordern? Was verstehen wir Menschen unter Sicherheit? Russels Antwort hat mir gefallen: „nur Gerechtigkeit kann Sicherheit geben; und mit ‚Gerechtigkeit’ meine ich die Anerkennung gleicher Ansprüche aller Menschen“. Natürlich reicht Anerkennung alleine nicht, wir müssen Gerechtigkeit ja auch herstellen. Das bombt keiner herbei, das wird zäh verhandelt, sehr zäh, wie wir in den Klimaverhandlungen lernen konnten. Und in großer Transparenz. Vielleicht steckt in Verträgen wie TTIP oder CETA was Schlaues und Nützliches, doch wenn sie so geheim geführt werden „müssen“ und jede Kritik so brüsk abgebügelt wird, was soll mensch sich da Gutes von erwarten?

Meine Sorge geht dahin, dass die Welt sich einen Weltbürgerkrieg liefern wird. Jeder wird hoffen, dabei die neue Schweiz zu sein. „Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, daß es dem anderen schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, daß es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.“ Wer hat das geschrieben, war es Karl Kraus, vor etwa 100 Jahren? „When will they ever learn?“

Liebe Ewa, ich wünsche dir, dass dieser Sommer dir auch die Möglichkeit zu einer sorgenfreien Auszeit geben wird, damit die Kraft, die wir für die Alltäglichkeiten des Lebens brauchen, wieder aufgefrischt werden kann. Hoffentlich hat dich mein Traktat nicht ermüdet, es zeigt wohl vor allem meine Verwirrung. Und wenn du es nützlich findest, darfst du es gerne im Blog verarbeiten.

Herzliche Grüße

Christine

Und hier der oben angesagte Text: 20160715_taz_wir sind der brexit

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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