Frauenblick auf Italien und Film

Monika Wrzosek-Müller

In grazia di Dio; Ein neues Leben

Regie: Edoardo Winspeare
Darsteller: Celeste Casciano, Laura Lichetta, Gustavo Caputo, Anna Boccadamo, Barbara de Matteis
Italien 2014

Denjenigen, die tüchtige Leser beim Blog sind/waren, konnte nicht entfallen, dass ich öfters über Italien schrieb, dabei einige Texte über Apulien. Diese Region in Italien bleibt für mich uritalienisch, magisch, geheimnisvoll und wunderschön; vielleicht durch die vielen uralten Olivenbäume oder den Wind, der in Salento von einer Seite des Meeres zur anderen weht aber auch durch die antiken Kirchen, Burgen und Tore, die überall anzutreffen sind; auch durch Armut, die immer wieder zu sehen ist und die man sorgfältig versucht zu verbergen, denn die Armut lehrt Demut – und die wiederum beeinflusst den Charakter positiv, aber darüber später…

Desto erfreulicher war für mich der letzte Gang in mein Geheimtipp-Kino Bali in Zehlendorf. Es gibt hier oft Filme in Originalsprache und eben oft italienische. In grazia di Dio führte mich nach Salento, in eine Gegend, die ich sehr gut kenne, nicht weit von Tricase, wo wir einen Urlaub verbracht haben. Auf der einen Seite zur Adria hin ist die Küste steil, zerklüftet mit vielen Felsen und kleinen Bassins, die in die Felsen eingeritzt sind; auf der anderen Seite, am Ionischen Meer, erstrecken sich feine, fast rosafarbene Sandstrände, ein Paradies für Sonnenanbeter.

Hier spielt die Handlung des Films, in einem Kaff, der noch kleiner als klein ist, aber kein Dorf, wo niemand und nichts von Bedeutung ist. Es ist die Zeit der tiefen Krise in Italien und besonders aus dieser Gegend emigrieren viele in die Schweiz oder in den goldenen Norden des Landes. Der kleine Textilbetrieb kann nicht mehr überleben, wegen der Verschuldung und des Mangels an Aufträgen muss der Betrieb schließen und die die Besitzer ihr Wohnhaus verkaufen. Und doch kämpfen die vier Frauen, die Hauptheldinnen des Filmes um ihr Überleben und ihre Unabhängigkeit – ganz tapfer und eben typisch italienisch. Die beiden ganz verschiedenen Schwestern, die Tochter der einen und die Großmutter, sie alle ziehen in eine Ruine von einer Masseria, die am Anfang unbewohnbar erscheint, aber mit Geschick und Aufwand verwandelt sie sich in eine schöne Behausung, umgeben von einem großen Orto (Gemüsegarten), der schließlich die Grundlage ihrer Existenz wird. Sie betreiben Landwirtschaft, haben Olivenbäume und eben das Gemüse, das sie anbauen; die älteste Schwester erarbeitet sich schnell ein Netz von Tauschpartnern, bei denen sie für ihr Gemüse Brot, Butter, Pasta etc…bekommen. So kehren sie zu der ältesten Form des Handels zurück, dem Tauschgeschäft mit Naturalien, um überleben zu können.

Das ist der äußere Rahmen der Handlung, die inneren sind komplizierter und implizieren das Leben der anderen. Natürlich spielt sich alles unter den vier Hauptheldinnen nicht immer harmonisch und ohne Konflikte ab. Am ruhigsten und ausgeglichensten scheint die Oma, die alle Schicksalsschläge gelassen, mit Liebe zu Allen und zur Natur hinnimmt, sie findet ihren Trost im starken Glauben und in frommen Routinehandlungen, wie dem Rosenkranzbeten; sie ist die Säule für die anderen. Die heftigsten Auseinandersetzung gibt es zwischen der Mutter (eine sehr schöne Schauspielerin, fast zu schön um glaubhaft zu sein) und der Tochter im Teenageralter, die immer wieder ausbricht, die Schule hinschmeißt, nicht lernen will, viele männliche Freunde hat und letztendlich schwanger wird.  Dann die andere Schwester, die unabhängig von der materiellen Notlage und den Sorgen der Familie nur an ihre hoffnungslose Karriere als Schauspielerin denkt. Es sind heitere Momente, fast komische oder solche, die man mit zugedrücktem Auge verfolgt, wenn sie ihre Probetexte rezitiert und alle damit belästigt, ihr zuzuhören, und sich lange nicht entmutigen lässt.

Die kleinen Liebesgeschichten sind sehr geschickt eingeflochten und erzählen von dem späten Glück der Oma, die auf die alten Tage ihren Liebsten findet und ihn sogar, zur Empörung der Enkelin, heiratet. Die ungeschickten Annäherungsversuche des Verehrers der ältesten Tochter enden im Nichts, doch es sind schöne einfühlsame Szenen, die das Leben dieser Frauen erträglicher machen.

Für mich zeigt der Film vor allem eines: dass die materielle Armut nicht ausschlaggebend ist, wenn die Menschen zusammenhalten und sich gegenseitig helfen und unterstützen. So rücken die vier ganz eng zusammen und leben ihr einfaches, schweres Leben auf einem Plätzchen, das, wenigstens von außen gesehen, wie das Paradies auf Erden erscheint; malerisch, am Hang über dem Meer, mit dem vielen Grün und der guten roten Erde. Kein Wunder, dass sich bald Kaufinteressenten finden und ihnen die Masseria abkaufen wollen, doch die Frauen bleiben fest und lassen sich von den Angeboten nicht blenden.

Vielleiecht ist der Film zu positiv, zu gradlinig und einfach; doch für mich fühlt er sich authentisch an, erzeigt die salentinische oder apulische Wirklichkeit sehr gut.

Von dem Regisseur hörte ich in Tricase, bei dem Filmfestival, das „sotto le stelle“ (als Freiluftkino) in einem alten Schlosshof stattfand. Er selbst stammt aus einer alten aristokratischen anglo-neapolitanischen Familie, daher sein voller Name Winspeare-Guicciardi, die sich in einem malerischen Schloss nahe bei Tricase in Depressa niedergelassen hat, wo er auch aufgewachsen ist. Später studierte er in Florenz und in München an der Hochschule für Fernsehen und Film. Seine Filme, auch die Kurzfilme, spielen oft in Apulien und sein erster bekannter Film ‚Sangue vivo‘, wurde im apulischen Dialekt gedreht, alle berühren die Geschichte der Region und ihre Probleme.

Informacje o ewamaria2013

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