Frauenblick: L´Amica geniale

Monika Wrzosek-Müller

Elena Ferrante, „Meine geniale Freundin“

Wieder fuhr ich nach Italien und atmete meine Luft der unbegrenzten Toleranz und Neugier für alle und alles. Ich las viel Zeitung, schaute Nachrichten im Fernsehen und spürte, wie anders die Welt mit den Augen der Italiener aussah; obwohl es nicht weniger Probleme gab. Sie wurden nur anders angegangen und obwohl die Zahlen und die politische Ereignisse für Pessimismus sorgten, konnte ich auf der menschlichen Ebene alles andere als Kälte, Abweisung und Unverständnis erleben und ich wünschte mir, Europa würde Italien helfen. Dem Land, das inzwischen zum Hotspot der Flüchtlinge geworden ist, das von Erdbeben immer wieder erschüttert wird und doch wirklich menschlich und hilfsbereit bleibt.

Auf diesem Hintergrund stoße ich auf eine Schriftstellerin, von der ich in Berlin schon gehört habe. Im Flugzeug, im „Spiegel“, las ich ein Interview mit einer italienischen Schriftstellerin, die sich hinter einem Pseudonym versteckt und mit ihren letzten Büchern über das Leben in Neapel für Begeisterung sorgte. Hier angekommen besorgte ich mir das erste Buch aus der Reihe L´Amica geniale, das in diesen Tagen auch in deutscher Übersetzung erscheinen soll. Es sind vier Bände mit über 1500 Seiten, in Italien schon alle vier Bestseller, in Deutschland hoffentlich bald auch. „Meine geniale Freundin“ erscheint im Herbst in Suhrkamp Verlag mit 422 Seiten, weitere Bände sollen bald folgen.

Schon im Interview spürte ich, dass mir die Schreibart und das Thema gefallen würden. Dazu kam die Tatsache, dass die Schriftstellerin ihre Identität hinter dem oben angegebenen Namen versteckt, also existiert sie nach außen nur in ihren Büchern und den schriftlichen Interviews, die sie sporadisch und dann aber sehr ausführlich gibt. In Italien erscheinen ständig Bücher von ihr; das letzte gerade eine neue Ausgabe von Frantumaglia: eine Sammlung von Aufsätzen, Interviews, Essays. Das Paradoxe bei Ferrante ist, man weiß fast alles, was sie denkt, doch wer sie als reale Person ist, bleibt immer noch geheim. Aus kleinen Fetzten in Interviews baute man inzwischen einige Fakten der Biografie zusammen; dass sie in Neapel und Turin gewohnt hat, dass sie eine Frau ist (war lange umstritten), dass sie einen anderen Beruf auch noch ausübt, dass sie Familie mit Kindern hat… Das sorgt natürlich für mehr Aufmerksamkeit und Interesse, doch die Schriftstellerin beharrt auf ihrem Inkognito auch als Programm, ihr Schreiben sei wichtig, da teilt sie alles mit, sie selbst wolle im Schatten bleiben. In der Zeit, in der alles allen mitgeteilt, fotografiert und zugänglich gemacht wird, eine scheinbar seltsame Verhaltensweise.

Ich stürzte mich auf das Buch, meine Kenntnisse des Italienischen reichen gerade so, dass ich den Text und Kontext verstehe, doch nicht alle Nuancen und Redewendungen, besonders die aus dem Neapolitanischen Dialekt. Das Buch liest sich wie ein Fluss, die Sätze und die darin enthaltenen Gedanken folgen einer Strömung, die man nicht anhalten kann und die einen in den Zustand des Entzückens und fast der Hypnose versetzen; man will unbedingt weiter. Die beiden Protagonistinnen Lena, von allen Lenù genannt, und Lila (Greco und Cerullo mit Familiennamen) treffen und lernen sich kennen in einem verfallenen barocken Bürgerhaus (Pallazo) in einem heruntergekommenen Stadtteil von Neapel und suchen nach ihren Puppen Tina und Nu, die sie im Streit, während einer Mutprobe, in den Keller geworfen haben. So beginnt ihre Freundschaft und Rivalität und ihr Leben, das die Schriftstellerin uns vorführt. Wir verfolgen die Jahre mit den Augen von Lenù, der ruhigeren und ausgewogeneren, die sich immer wieder mit ihrer Freundin messen und sie überholen will und doch eine zarte Zuneigung und Hochachtung für die andere hegt. Die Erzählerin ist auch diejenige, die dann schreiben wird. Wieviel Klugheit und Wissen über das Leben in den engen Straßen wir dabei erfahren, verdanken wir der Beobachtungsgabe und Empfindsamkeit der Schriftstellerin. Manchmal kommen mir die beiden Mädchen mit ihren zwölf oder dreizehn Jahren unheimlich erwachsen und klug vor, weit erwachsener als die heutigen 25-jährigen, die keine wirklichen Mutproben zu bestehen haben. Wir erfahren das Leben mit allen seinen Facetten: es ist grausam und brutal, bis aufs Blut wird geschlagen, mit Hass und Liebe, die zärtliche und unschuldige aber auch die zerstörende und schmutzige Liebe; und vor allem sehen wir, wie unheimlich kompliziert die Entscheidungen waren, wer was im Leben geworden war; trotz der markanten Charaktere, trotz des starken Willens. Wir bemerken erstaunt, wie wichtig die Lehrer damals waren, wie weit sie das Leben der Schüler bestimmen konnten, weit mehr als ihre eigenen Eltern. Die Eltern kommen immer wieder auch vor und da treffen wir auf Leute, die fast nie aus ihrem Stadtteil herausgekommen sind, geschweige denn sich ans Meer (in Neapel!) nach Ischia, Capri oder die Costa Amalfi hinaus gewagt haben. Vor allem aber sind wir gespannt, wie ich schon seit langem nicht mehr, auf die weiteren Ereignisse. Dieses Panorama des Lebens entführt uns und zeigt, dass alles möglich, alles erlebbar ist. Und dabei ist es kein bisschen kitschig, die beiden Mädchen sorgen dafür.

Es ist auch ein Buch über Freundschaft, die da in Neapel unheimlich viel bedeutet hat und vielleicht auch noch bedeutet, denn hier geht es gar nicht um die ferne Vergangenheit; es sind die sechziger Jahre. Die Freunde, amici, helfen einem, können aber auch vernichten. Der wirtschaftliche Aufbruch im rione (dem Stadtteil) wird an den vielen Unternehmen, die dort entstehen, sichtbar; das Geld, wie man reich wird, ist auch ein Thema. Die eine will es mit Bildung versuchen, die andere träumt von einer Manufaktur für exzellente Schuhe, braucht aber Startkapital, das sie durch eine Heirat zu bekommen hofft. Doch was das Leben weiter gehen lässt, sind die Emotionen: Freundschaft, nicht nur zwischen den Mädchen, sondern auch ihre männlichen Freunde, die sie beschützen und umgarnen, Liebe, Hass und Unmut, die Gegensätze. Das Buch ist bunt von Stimmungen, von den Erwartungen und Kämpfen der jungen Mädchen, die zum Schluss des Romans als erwachsene Frauen angesehen werden und sich selbst so empfinden und eine von ihnen heiratet mit ihren gerade vollendeten 18 Jahren. Vor allem erfahren wir glaubhaft nah und nachvollziehbar, wie das Leben in Neapel in der Zeit ausgesehen hat, wie die Menschen arbeiteten, wie sie untereinander Konflikte ausgetragen haben, wie sie ihre Freizeit verbrachten (immer in der Bar und mit ausgedehntem Promenieren an der Hauptstraße).

Für mich, die Neapel und Ischia sehr gut kennt und die Straßen und Viertel, die im Buch beschrieben werden, auch selbst abgelaufen hat, fühlt es sich an, wie ein langer, ein sehr dichter, emotionaler Spaziergang zurück in die so schöne und aber leider sehr vernachlässigte, an vielen Ecken fast zerstörte italienische Stadt.

Von ganzem Herzen empfehle ich das Buch zu lesen.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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