Postdeutsches Stettin

Beata Kozak

Feministin, Chefredakteurin der Frauenzeitschrift Zadra, wuchs in Stettin auf. In ein paar Tagen wird sie aus dem unveröffentlichten Manuskript in der Regenbogenfabrik lesen.

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Poster Dorota Kot

Hier ein Prosafragment:

Wenn man das Wort „poniemieckie” bei Google eingibt, erscheinen verschiedene Vorschläge: postdeutsche, das heißt ehemals deutsche Häuser, postdeutsche Geheimfächer, Schätze, Bunker. Auf das Wort „Postdeutschsein” (poniemieckość) reagiert die Suchmaschine, als ob sie einen Fehler korrigieren würde. Sie ignoriert die Vorsilbe „post” und schlägt einfach das Deutschsein vor, konkret das Deutschsein der DDR, von Wrocław (Breslau), von Śląsk (Schlesien),von Gdańsk (Danzig). Aber was für eine Ahnung kann diese amerikanische Erfindung von der Realität der polnischen Westgebiete haben? Mehr weiß darüber das „Wörterbuch der Polnischen Sprache”, das das Adjektiv „postdeutsch” erklärt als „erstmalig gebraucht nach dem Zweiten Weltkrieg: von den Deutschen, auch von den deutschen Besatzern, übriggeblieben; früher den Deutschen gehörend”. An einer anderen Stelle präzisiert das Wörterbuch, dass man so „das Vermögen, die Gebiete, die von den Deutschen geblieben sind, [bezeichnet], welche bis zum Zweiten Weltkrieg in den westlichen Gebieten des heutigen Polens lebten”. Interessant ist, dass es in der polnischen Sprache eine ähnliche Verbindung des Präfixes „post” (po) mit einer Nationalitätenbezeichnung nur noch in der Form „postjüdisch” (pożydowski) gibt, wobei das Wort „postjüdisch” am ehesten mit Gold, Vermögen und Immobilien kombiniert wird. Die Geschichte hinterließ in der Sprache eine tiefe Spur.

Das Wort „postdeutsch” (poniemiecki) besteht im Polnischen aus vier Silben. Nur die erste, „po”, bezieht sich darauf, was später stattfand, nachher, danach. Dazu sieht diese erste Silbe zufällig wie eine Abkürzung des Wortes „polnisch” aus, was ihr, im Zusammenhang mit dem gesamten Wort „po-niemiecki”, eine zusätzliche Bedeutung verleiht. So ist eben das Postdeutsche: ein kurzes Jetzt, das die Last der Vergangenheit hinter sich herschleppt.

Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens war ich, ähnlich wie alle meine Altersgenossen, vom Postdeutschen umgeben. Das ehemals Deutsche war in Städten wie Stettin allerorten vorhanden, es war ein Teil der Wirklichkeit. Ich besuchte postdeutsche Schulen in postdeutschen Städten und wohnte in Wohnungen in postdeutschen Häusern, in denen moderne Hochglanzschrankwände neben den postdeutschen Möbeln standen. Das Postdeutsche bedeutete etwas Großes, Erdrückendes, Dunkles, Düsteres, Bedrohliches, was in modrigen Kellern und in Dachböden lauerte. Es lauerte in finsteren gotischen Buchstaben, die unter dem Verputz an den Hauswänden hervorlugten, oder in Form schwerer Kredenzen und Deckenlampen in den Wohnungen. Postdeutsch waren auch kleine, bunte Fensterscheiben in den Treppenhäusern und der Stuck an den Zimmerdecken der Mietshäuser, der aber weiss gestrichen war und dadurch leicht wirkte. Postdeutsch waren auch Gehsteigplatten und kleine eiserne Schlitze in den schweren Wohnungstüren mit der Aufschrift „Briefe &Zeitungen”, durch die der deutsche Briefträger einst Briefe und Zeitungen hineingeworfen hatte. Auf all dieses Postdeutsche legte sich ein Jahr nach dem anderen, eine Dekade nach der anderen, eine dünne Schicht der Gegenwart. Aber das polnische Jetzt stand, ging und lief bis zu den Knien im Postdeutschen umher. Diejenigen, die in den Städten und Städtchen mit dem doppeltem Boden, mit den eisernen Türschlitzen „Briefe & Zeitungen” geboren wurden und heranwuchsen, trugen und tragen ein mehr oder weniger bewusstes Gefühl in sich, das Gefühl nämlich einer fehlenden Eindeutigkeit und Sicherheit gegenüber allem, was sie umgibt.

Es war – und ist – nichts, was aus all denen, die seit 1945 in Stettin lebten, psychiatrische Patienten machen würde. Und trotzdem empfand ich einen grossen Unterschied zwischen der Atmosphäre in Stettin, wo ich in die Grundschule und ins Gymnasium ging, und derjenigen in Krakau, wo ich nach dem Studium in Deutschland wohnte. Am deutlichsten spürte ich es an einem Sommerabend, als ich auf dem Weg vom Krakauer Bahnhof, wo ich mit einem Nachtzug aus Stettin angekommen war, über die Sławkowska Strasse, über den Markt und die Planty nach Hause ging. In den sogenannten Wiedergewonnenen Gebieten war alles doppelt, uneindeutig, kompliziert. Keine Stadt, kein Städtchen, kein Dorf hatte schon immer so geheißen, wie es jetzt hieß, jede Strasse und jeder Platz trug einen neuen Namen, der von Beamten oder von zu diesem Zweck angeheuerten Dichtern ausgedacht worden war. Auf dem Lande gab es keine traditionellen Trachten oder Volkstänze, in den Wäldern und in den Vorstädten wimmelte es von Bunkern und unterirdischen Durchgängen, die wer weiß wohin führten. Die Menschen lebten in diesen Gebieten wie Kiefern im flachen Sand. Alles, was man sah, warf einen beunruhigenden Schatten, hatte einen doppelten Umriss, vielleicht, so spürte man untergründig, war nichts so, wie es aussah. Im Vergleich dazu schien Krakau ruhig und selbstsicher, es strahlte ein ungebrochenes Selbstwertgefühl aus. Die Tuchhallen, Sukiennice, hießen nie anders, Wawel war nicht ein slawischer Name, der künstlich konstruiert werden musste, um den vorherigen deutschen Namen zu überdecken. Alles war hier authentisch und in sich ruhend, die Stadt gaukelte nichts vor, nervöse Diskussionen über Identität waren überflüssig. Die Stettiner aber, die der jahrelangen Propaganda über die piastischen, urpolnischen Gebiete, der ständig wiederholten Slogans über die historische, gerechte Rückkehr der Stadt zum polnischen Mutterland überdrüssig geworden waren, lachten schließlich darüber in privaten Gesprächen. So lautete eine ironische Antwort auf die übliche Begrüßung „schön, dass ihr gekommen seid”: „wir sind nicht hierher gekommen, wir sind hierher zurückgekehrt”.

Weiter am Dienstag in der Regenbogenfabrik!

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