Frauenblick 10

Monika Wrzosek-Müller

Giorgio Morandi

Morandi kehrt immer wieder und in ganz unerwarteten Momenten zu mir zurück. Einige Bilder sehe ich diesen Sommer, ganz erschöpft, in den Vatikanischen Museen, in der Sammlung moderner religiöser Kunst, die sich den langen Korridoren über oder unter der Sixtinischen Kapelle anschließt. Die Werke sind hauptsächlich Schenkungen der Künstler an den damaligen Papst Paul VI, der die Sammlung 1973 begründete. Darunter auch zwei natura morta, meine Lieblingsbilder von Morandi, wie er sie sein ganzes Leben lang gemalt hat. Vor allem die Pastellfarben, die Schatten und die Komposition bewundere ich immer wieder (Form, Farbe, Raum und Licht). Es sind kleinformatige Bilder und nach den riesigen Tafeln und Fresken, die sich über ganze Wände ziehen, sind sie mir auch wegen des Formats sympathisch und willkommen.

Dann sitze ich mit einer Freundin in meinem neuen Wohnzimmer, das noch nicht eingerichtet ist. Ihr Blick fällt auf die zusammengestellten, fast alle weißen oder cremeweißen Vasen, Töpfe und Schüsseln, die ich auf dem alten Brotschrank aufgestellt habe; „das sollst du so stehen lassen, das erinnert mich an einen Maler“, sagt sie…Morandi, klar. Daraufhin bringe ich einen Katalog mit den Bildern von Morandi, ganze Serien von verschieden Variationen der Zusammenstellungen seiner Objekte: Kannen, Dosen, Flaschen, Tassen, Vasen sind abgebildet; wir schauen und bewundern. Mal reduziert er die Zahl der Gegenstände, mal stellt er sie eng zusammen. Am Anfang sind die Schatten auch wichtig, mit den Jahren werden die Objekte noch mehr vereinfacht, die Schatten verschwinden, die cosidetta realta [die sogenannte Wirklichkeit] (so spricht Morandi selbst von seinen Bildern) manifestiert sich dann im Licht und in der Helligkeit, wir haben fast den Eindruck, er sieht die Bilder durch eine milchige Glasscheibe; auf jeden Fall ist der Anteil an Weiß in allen von ihm benutzten Farben sehr hoch. Sie sind reduziert und doch erzählen sie von den Vorgängen in der realen Welt; Nähe, Vortritt, Hintergrund, Enge, Platz. Das alles spielt bei Morandi eine wichtige Rolle, er selbst jongliert damit, er erforscht diese Vorgänge. Angeblich sieht man in seinem Atelier Markierungen und Skizzen, wie welche Gegenstände aufgestellt werden sollen; es wird nichts dem Zufall überlassen.

Ich habe die Bilder von Morandi nachgemalt, dann auch nach ihm die Stillleben eingerichtet; die vielen Flaschen, Krüge, Vasen, Töpfe, alle in einem Ton alle zusammenpassend hingestellt. Mit den klaren Linien und eintönigen Farben ist er sehr modern und aber eigenwillig; es geht nicht nur um Ästhetik. Er will in den Darstellungen der Objekte die cosidetta realta nachvollziehbar machen. Gibt es einen Platz für zwei, oder doch für drei Gegenstände oder sollen es fünf sein. Dieses Ausprobieren und den Weg dahin zeigt er; manchmal sind die Abstände groß und es spricht mehr Kälte und Abgeschiedenheit aus den Bildern, dann wieder rücken sie alle eng zusammen, so als ob es keinen Platz mehr geben würde. Auch die Formen werden immer weiter vereinfacht von dreidimensionalen Darstellungen zu den ganz flachen Quadraten, Vierecken.

Auf jeden Fall war und ist er der wahre Wegbereiter der modernen Kunst gewesen, bei ihm lernte ich, dass die Vereinfachung so unendlich schwierig ist und dahinter viele Jahre des mühseligen Probierens liegen. Genauso, wie uns die Engelbilder von Paul Klee so einfach, leicht gekritzelt vorkommen. Die wahre Einfachheit speist sich immer aus dem großen Schatz der komplizierten Erfahrung.

morandimonika

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