Spassfaktor

Ewa Maria Slaska

Herbst 2016 in Berlin. Eine Lesung über Spass.

Für Agnieszka und Tomasz

Ich komme von einem Geburtstag zurück. Es war alles elegant, wundervoll elegant, wir aßen kleine Häppchen, tranken Ingwer-Limonade, von der glatten Schokoladentorte ist viel geblieben, die Gastgeberin packt mir ein großes Stückchen in einen großen Karton, in dem sie vorher die ganze Torte von Nikos gebracht hatte.

Es ist Freitagabend, in Berlin gerade Höhepunkt der Völkerwanderung. Alle wollen irgendwohin, um Spaß zu haben.  Es kommt ein kleiner alter Mann in den U-Bahn-Wagen rein. Ich vermute er ist ein Türke, sieht aber wie ein alter Jude aus, ein alter Jude im Warschauer Ghetto. Mir schaudert… So wie er aussieht, ist es noch einigermaßen OK im Ghetto, man stirbt noch nicht auf den Straßen, aber wenn man nicht im vergangenem Leben wohlhabend war, alt ist, zerbrechlich, da ist man schon zum Betteln verurteilt. Er macht beim gehen einen Buckel, damit er uns, die wir auf den Banken sitzen, nicht von oben herab anschaut, sondern unterwürfig, von unten… Erfahrener Bettler also, kennt sein Metier. Aber das denke ich mir jetzt, als ich es schreibe, als wir uns begegneten, war ich nicht imstande auf etwas anderes zu denken, außer meinen Großonkel Stefan in Ghetto. Er war vor dem Krieg so elegant, so gutaussehend, verkehrte in den mondänen Kreisen Warschaus, ging zum Tanzen in die Adria, danach musste er aber so ausgesehen haben, und dann starb er… Ich hoffe, er beugte sich nicht, ich möchte fest daran glauben, dass er stehend um sein Leben kämpfte und nicht, sich beugend. Er gab im Ghetto eine Zeitschrift heraus, sie hieß Żagiew / Die Fackel …

Ich stelle den Karton mit der Torte af den Boden ab und krame in meiner Tasche, suche meinen Geldbeutel, aber natürlich, Scheiße! wie immer! wieso habe ich nie Geld dabei?! Ich nehme den Karton mit der Torte und gebe ihn dem Mann. Bitte, nehmen Sie es, stammele ich, das ist die beste Torte in Berlin… Er schaut mich verwundert aus, ich wiederhole etwas von dem glauben Sie mir, die beste Torte… Ich habe Schweißperlen auf der Stirn. Jakob-Kaiser-Platz, der Mann steigt aus, ich fahre nach Hause, die große Masse fährt weiter, nach Mitte, Friedrichshain, Prenzelberg, um Spaß zu haben…

Den polnischen Film Ida über einer Novizin, die ihre jüdische Abstammung entdeckt, habe ich bei der Vorpremiere im Kino gesehen. Ein schöner, ruhiger, überhaupt nicht aggressiver Film, ich bin jedoch erschüttert von der Geschichte. Ida und ihre Tante fahren nach irgendwohin, in die polnische Provinz, in die Nacht, in die Walachei, um heimlich das Grab der Eltern zu besuchen, ach was, es ist kein Grab, es ist nur ein Beerdigungsort, aus dem ein Bauer die Skelette Idas Eltern ausbuddelt. Ida und ihre Tante besuchen nicht den Ort, sie berauben ihn, das ist das Wort dafür, oder, wenn man Totenköpfe und Gebeine der Leichen aus dem Grab entfernt?

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Als ich dann in Polen bin, kaufe ich eine Illu mit dem Film. So ist es in Polen oft, dass man beim kaufen einer Zeitschrift noch etwas bekommt, sei es eine Strandtasche, einen billigen Schmuck oder eben einen Film auf DVD. Diesmal kaufe ich Zeitschrift Forum und Ida. In Berlin rufe ich meine Freudinnen an, lade sie zum Filmgucken ein. Wir essen Kuchen, trinken Kaffee. Mitten im Film sagt eine von ihnen, aber Ewa, du siehst es dir schon das zweite Mal, wie kannst du es aushalten, mir macht er keinen Spaß, es ist so langweilig… Ich zucke mit den Armen. Mir gefällt`s, sage ich, weil wenn ich es sage, hütet es mich davon, ihr ins Gesicht zu schreien, dass ich es super finde, dass sie an dem Film keinen Spaß hat… und dass wir den Film zusammen gucken, weil ich Glück habe… weil es genauso gut die Leiche meiner Mutter sein konnte, die sich halt auch den ganzen Krieg verstecken musste… Wie Idas Mutter. Und dann wäre ich nicht geboren…

Natürlich habe ich meinen kleinen Spaß, wenn ein paar Monate später Ida den Oskar gewinnt. Das Ida angeblich ein monotoner langweiliger Film sein sollte, ist offensichtlich ganz vergessen. So ist es mit dem jüdischen Spaß in der zweiten Generation nach Holocaust. Keine einfache Sache. Mal ist er da, mal doch nicht…

Wir waren gerade im Jüdischen Museum. Nach wie vor finde ich das Museumsgebäude schrecklich, preußisch, militärisch und die Ausstellung kindisch, unintelligent, manchenorts gar primitiv. Aber ich habe Gäste aus Polen und die wollen. So ist es. Die Deutschen fahren nach Polen und suchen die Juden, die Polen kommen nach Deutschland und suchen ebenfalls Juden. Mich können sie alle allemal, sie sollen sich zum Teufel scheren und nach Israel fahren… Oder mich mindestens in Ruhe lassen. Aber es gibt kein Auswinden aus der Sache. Wir sind im Museum, schauen uns alles an. Auch das Innere des Holocaustturmes, in dem eine dicke Schicht metallener Gesichter aufgelegt wurde. Dicke knirschende Schicht, jeder Gesicht für einen Ermordeten, alles in der Farben, die letztens fürs Erinnern bestimmt wurden, Betongrau und Rostbraun. Es kommt eine Gruppe der jungen Mädchen rein, eine nach der anderen gehen sie auf die Gesichter, die unter ihren Schritten klingeln. Es macht Spass, klar.

ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen
der schreibt der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Wir gehen zum Holocaust-Mahnmal. Pärchen machen sich händehaltend Selfies zwischen den Säulen, Jungs springen obendrein von einer Stele zu der anderen, die Mädchen gucken hinter der Pfeilern vor, lächeln kokett, lassen sich Bilder machen, die sind für Tinder… Es gibt eine besondere Internetseite dafür: tinder holocaust monument. Hat sogar eigenen Namen: tindercaust. Wissen meine Leser überhaupt, was der Tinder ist? Ein Zunder, eine mobile Dating-App… App wisst ihr schon, oder? Eine Applikation… Egal. Man stellt dort ein Foto von sich und gibt ein paar Angaben über sich und ein paar über den, den man daten will. Geschlecht, Alter, Wohnort, Interessen… Aus diesen Angaben stellt das Portal ein Angebot für mich. Das heißt nicht für mich, ich benutze den Tinder nicht, aber egal, es ist einfacher zu schreiben, als ob die Tinder-Offerte für mich gemeint wäre. Und wenn ich einen Mann suchen würde. Klassisch langweilig also. Ich gucke mir das, was für mich ausgesucht wurde und zack, der, der mir nicht gefällt wird von mir nach links verschoben, und nach links, nach links und wenn mir jemand gefällt, dann nach recht. Wenn es auf der anderer Seite zufällig auch nach rechts geschoben wurde, stellt der Portal uns beide auf den Chat-Modus um. Der Rest hängt schon von uns beiden ab.
Und dafür ist es jetzt in Mode für den Zunder die Fotos zu haben, die man im Denkmal geschossen hat.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken

Ich liebe dieses Gedicht, obwohl ich ihn nicht ganz verstehe. Es geht um Musik machen in einem Kazet, das ist klar, Leonard Cohen sang auch ein Lied darüber, dance me dance me to the end of love… Ich found es auf you tube, in Bebilderung ein schönes Paar tanzt, dazwischen kommen Flammen und die Bilder von Auschwitz. Ein der Kommentare darunter: wieso packt ihr Juden immer wieder und überall diese verdammte Bilder?

Na. Ist doch eine Frage… Wieso eigentlich? Meine Mutter und meine Tante schwiegen über den Krieg als ob sie das Schweigen geschworen hätten. Papa übrigens auch. Jeder hatte seine eigene Gründe dafür. Von dem Krieg zu erzählen gehörte zu denen da oben, na, Kommunisten halt, Quatsch, keine Kommunisten, die an der Macht… Unter uns machte man es nicht… Als Kind wollte ich es sowieso nicht, weil ich fürchterliche Angst hatte. Danach fanden wir es einfach peinlich. Wir mochten auch keine Kriegsfilme, bis dann diese Sekunden entscheiden und die Vier Panzersoldaten mit dem Hund produziert wurden. Aber ich hab sie eigentlich auch ungern gesehen. Oder gar nicht. Bohaterszczyzna mag ich nicht. Bo-ha-ter-szczy-zna… Könnt ihr das Wort geniessen. Und dann auch seine Bedeutung. Unschatzbar. Keine Übersetzung, nirgends. Niepotrzebna, właściwa Polakom skłonność do brawury i osiągania mało znaczących zwycięstw kosztem ogromnych strat w ludziach. Unnötige, charakteristische für die Polen Neigung zur leichtsinnigen Kühnheit, um unbedeutende Siege auf Kosten der großen Verluste zu erzielen.

Und viel erzählen darüber! Total uncool.

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Also, wie gesagt, es ist jetzt in Mode die Fotos im Denkmal zu schiessen. Zu schiessen. Ja, jetzt kann ich nicht umhin, ich muss einen kleinen Abzweig machen, wegen des Fotosschiessens. In einer Schule hat man mit Hilfe des Googles-Translator einen Zettel für die Eltern übersetzt. Mit solcher Übersetzungen ist immer etwas dabei, was unerwartend komisch sein kann. Als mein Sohn noch klein war, hat man uns, den polnischen Eltern ein höflich gemeinten Briefchen gegeben, das etwa so anfing: Miłość Ojciec Matka (die Liebe der Vater die Mutter). Wir brauchten schon ein Bissl Zeit, um zu verstehen, dass man so mit Hilfe des Wörterbuches die Redewendung Liebe Eltern übersetzt hat. Diesmal wurden die syrischen Eltern auf Arabisch um Erlaubnis gebeten, das Kind in der Schule erschießen zu dürfen… Es war halt in der Schule Fotoshooting vorgesehen.  صور اطلاق النار. Viel Spaß!

Aber Spaß bei Seite, wir sind immer noch im Museum, unsere Runde endet im Raum mit Gästebuch. Hier müssen wir kurz warten bis uns ein Museummitarbeiter abholt und mit dem Fahrstuhl zum Ausgang bringt. Wir sind nämlich zu Dritt und eine von uns sitzt im Rollstuhl. Wir warten, wir sind müde. Ob einem die Ausstellung gefällt oder nicht ist eine Sache, aber auch, wenn sie uns nicht gefällt, müde macht sie trotzdem. Wir lehnen uns an die Wand, nach ein paar Sekunden fahre ich jäh hoch. Wisst ihr was da an der Wand steht? frage ich. Auf der Wand gibt es nämlich drei Fragen, in großen Buchstaben auf Deutsch, in kleineren auf Englisch. WAS HAT EUCH SPASS GEMACHT? Ich schau auf den Englischen Text, vielleicht irre ich mich, vielleicht verstehe ich etwas falsch, aber nein, auf Englisch ist dasselbe gefragt: What was the most fun? Es musste aber ein Mensch übersetzt haben, weil der Google macht daraus die Frage: WHAT HAPPENED?

Ja, Mensch, WHAT HAPPENED? Was willst du eigentlich?

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

***

Das hier zitierte Gedicht ist die Todesfuge von Paul Celan

Reklamy

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Ewa Maria Slaska i oznaczony tagami , , , , . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Jedna odpowiedź na „Spassfaktor

  1. Anne Schmidt pisze:

      Liebe Ewa,

      dein Essay hat mich gepackt; er ist sehr sehr gut, finde ich.

       Anne

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Wyloguj / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Wyloguj / Zmień )

Zdjęcie na Facebooku

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Wyloguj / Zmień )

Zdjęcie na Google+

Komentujesz korzystając z konta Google+. Wyloguj / Zmień )

Connecting to %s