Unbegleitete

Aus den Gedanken einer Lehrerin in der Zeit der großen Flüchtlingsströme, in Deutschland im Jahre 2017

Natürlich arbeitete sie weiter und natürlich schimpfte sie auch. Die Sachen sind immer komplizierter, als wir sie uns vorstellen oder wahrhaben wollen. Die Zusammenhänge bringen uns an den Rand des Verstandes und doch verstehen wir immer weniger. Und es ist nicht der schlechte Wille, sondern die Umstände, die der Weltpolitik, sorgen dafür, dass wir verzweifeln.

Wie kam es, dass unter den sog. Unbegleiteten, d.h. den Kindern, die ohne Angehörige sich nach Deutschland durchgeschlagen haben oder durchgeschlagen sind, kein einziger Syrer war, sondern eher gut situierte Teenager aus Gambia, Mali, Somalia, Moldawien, Albanien etc… alle seit drei Monaten in Berlin. Von den Eltern auf die Reise gut vorbereitet, nicht alle, aber einige, viele, auch nicht schlecht ausgestattet?

Wie kam es, dass ihre Freundin, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat, in dem Moment, in dem sie auf das Geld vom Staat angewiesen war, vor dem Nichts stand? Wie ging das zusammen mit der Tatsache, dass sie, die Lehrerin, Flüchtlingskinder in der Schule einzeln unterrichtete – damit die den Anschluss fanden – und dafür auch ganz gut entlohnt wurde; einzelne Kinder aus Flüchtlingsfamilien, nicht fünf, sechs Kinder in einer Gruppe? Woher kam plötzlich das Geld, scheinbar im Überfluss? Nicht dass diese Kinder das nicht brauchten, doch diese großzügigen finanziellen Gesten schockierten sie. Denn andererseits gab es eben diese Freundin, der, obwohl schwer krank, das Jobcenter die Erstattung ihrer Aufwendungen verweigerte. Oder die älteren Menschen in den neuen Bundesländern, die den Anschluss nicht geschafft haben und jetzt dahinsiechen.

Natürlich waren da die Ämter und die Beamten und Zufälle, und die Mühlen mahlten langsam – aber ob in die richtige Richtung; da war sie sich plötzlich nicht mehr so sicher. Die Welt geriet aus den Fugen und rundherum vergnügten sich die `richtigen` Menschen auf Reisen zu immer entfernteren Zielen, auf immer größeren Kreuzfahrtschiffen mit immer ausgedachteren und pompösen Menüs auf den Tellern, mit Theater, Kino, Swimmingpool, Casino und was sie alles noch brauchten. Sie wollte aber Gerechtigkeit in der Welt und für sich und helfen und sah, dass das nicht mehr ging, also sie konnte für sich diese Gerechtigkeit in der Welt nirgendwo entdecken.

Sie sah auch ganz deutlich, dass sich viele Flüchtlinge nicht anpassen wollten oder nicht konnten, dass sie sich auch in der Zukunft nicht anpassen würden. Und die ganze political correctness wurde plötzlich für sie ein Albtraum; sie vermutete manchmal, dass die Leute heuchelten und sich in etwas hineinredeten, woran sie selber nicht glaubten, indem sie z.B. Vorsicht bei der Bearbeitung des Themas Familie anmahnten, denn die Flüchtlinge wären weit weg von ihren Familien. Sie sah eher freche, fordernde Jugendliche, die Forderungen stellten, sich irgendwelche Hirngespinste zugelegt hatten und hauptsächlich hinter ihren Handy-Spielen verschwanden. Natürlich sah sie ein, dass es sinnvoll war, die Jugendlichen zu beschäftigen, erwartete aber Respekt und ein Minimum an Anpassungswillen.

Manchmal fragte sie sich, ob man diesen jungen Menschen etwas Gutes tat, wenn man ihnen hier eine goldene Zukunft vorgaukelte. Das Problem war so komplex, sie versuchte nicht daran zu denken. Klammerte sich an die wenigen geglückten Fälle, die sie inzwischen erlebt hatte, und ermahnte ihre Schüler, sich zu bemühen, richtig und fleißig Deutsch zu lernen, alles gleich mit den Artikeln, und die Handschrift zu üben.

Auch ihre persönlichen Gründe, warum sie diese Arbeit doch so magisch anzog, waren ihr oft nicht ganz klar. Manchmal fühlte sie sich doch ausgebrannt und leer und nicht fähig, ihnen etwas zu geben; doch sie fotokopierte, überlegte, baute Kreuzworträtsel, spielte mit ihnen Sprachspiele. Eines war sicher, sie brauchte das auch für sich; sie brauchte ihre Lebendigkeit, die sie hier vermisste, ihre Direktheit und ihr einfaches Lachen über nichts und keine Hintergedanken und große Denkkapriolen, und sie konnte da, mit ihnen, der förmlichen Höflichkeit entkommen.

Dazu kam noch die Achtung den Leuten gegenüber, die mit Flüchtlingen arbeiteten, und sie litt an dem Mangel von Achtung für sie in dem Land, in dem sie inzwischen so lange lebte, für ihren Beruf; da befielen sie wiederum Zweifel, ob das denn die richtigen Gründe wären, mit den Jugendlichen arbeiten zu wollen.

Manche Kinder mochte sie sehr und freute sich, dass sie ihnen helfen würde, sich im fremden Land zu orientieren; manchmal aber merkte sie, die Familien von ihnen wussten viel besser Bescheid über Ämter und Gänge zu den Ämtern als sie selbst; sie wäre in der Situation untergegangen; sie strotzten vor Zufriedenheit und verlangten nach mehr und suchten unbeirrt alle Möglichkeit, die ihnen zustehenden Zuwendungen auszuschöpfen. Da schlich sich bei ihr ein Gefühl von Unwohlsein ein, eine kleine Gemeinheit, denn sie dachte an das Konkurrenzpotential; oder nein, es kam der Gedanke an ihre Kinder, würden sie um ihre Existenz so kämpfen können, würden sie es schaffen, sich so um das Überleben zu kümmern. Daran zweifelte sie.

Irgendwann kam das Wort Übermut, ja, das Wort spielte eine große Rolle in der ganzen Sache: war das das Erbe der Kolonialgeschichte, dass sich die westliche Welt immer doch als Retter aus allen möglichen Weltproblemen auch für die Anderen aufspielte, von denen sie aber keine Ahnung hatte. Sie spürte oft, dass die Gedanken nicht gerecht waren, dass sie Leute traf, die ganz spontan halfen und sich aufopferten, ihre Zeit den Flüchtlingen widmeten, ohne dafür etwas zu verlangen. Sie bewunderte sie, verstand manchmal nicht und aber sah einen riesigen Berg sich vor ihr und vor der Gesellschaft auftun und dann klingelte das Wort Übermut leise im Hinterkopf.

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