Marokko 1

Monika Wrzosek-Müller

Schon der Flughafen in Marrakesch erfüllte sie mit Bewunderung; gelungene moderne Architektur, die alte Traditionen der marokkanisch-andalusischen Architektur beinhaltete und sie neu interpretierte – mit Ornamenten, Intarsien, Keramik, Stein und Edelhölzern; luftig, geräumig und menschenfreundlich. Natürlich nervten die unendlichen Kontrollen und Schlangen, aber man fühlte sich sicher. Nach dem hässlichsten Flughafen der Welt in Berlin-Schönefeld eine reine Wonne.

Sie fühlte sich sehr als Tourist verschoben, durchorganisiert, aber es war eine Rundreise; die Vorteile lagen auf der Hand: alleine hätte sie diese Menge an Städten, unterschiedlichen Landesteilen und Informationen nicht bewältigt. Die Leute rundherum waren nett, nicht alle, aber das konnte sie auch nicht erwarten. Sie war auch nicht immer nett und wollte auch gar nicht sein.

Sie ließ sich auf diese für sie neue Welt aus den Märchen aus 1001 Nacht ein; ließ sich verführen und bezaubern. Es war bunt, ordentlich, sauber und organisiert. Das wunderte sie am meisten, diese Durchorganisiertheit, die ständige Präsenz der Polizei, bei Ein- und Ausfahrten aus den Städten, mal auch so unterwegs, Scharen von Putzleuten, die die Straßen sauber fegten, ganze Kolonnen von Gärtnern, die in den Grünanlagen arbeiteten; wirklich Armeen von Straßenfegern und Menschen, die sich um Grünanlagen kümmerten, Pflänzchen setzten und gossen, Bäume und Hecken zurechtschnitten, Palmen von ausgetrockneten Blättern befreiten, Rasen mähten, Blätter sammelten. Es war natürlich Frühling und die Arbeiten standen an. Sie sah neue Areale für frisch anwachsende Stadtviertel vorbereitet und eingerichtet, schon mit Straßen und Laternen und Elektro-Anschlusskästen in den Ecken; dort sollten die zukünftigen neuen Häuser entstehen. Es lag an der Jahreszeit, dass alles unheimlich grün und in buntesten Farben glänzte; die Bougainvilleas blühten in allen möglichen Nuancen von Pink, Rot und Gelb, es gab sogar weiße; die Hecken waren manchmal mit blauen, mal mit gelben Blüten gesprenkelt, dazwischen gab es Scharen von Vögeln, die unermüdlich zwitscherten. Die Sonne brannte noch nicht alles aus; vieles sah vielleicht deswegen friedlicher und freundlicher aus.

Natürlich wusste sie von der Existenz der Bidonvilles, Slumgürtel um Casablanca, von der Armut in den verlassenen Quartieren der alten jüdischen Viertel Mellah, von den Dörfern der Berber in den Bergen, wo der Analphabetismus nicht unter 70 % sinken wollte, auch wenn man sich bemühte und alle 20 km Schulen einrichten ließ und den Kindern, die in die Schule gingen, ein Fahrrad schenkte; doch das Allgemeinbild bot einen Aufschwung und Mut zu Projekten, zu neuen Möglichkeiten. Es wurde auch überall gebaut und ausgebessert, gemauert und geputzt.

Fast in jeder Stadt, die sie besichtigte gab es eine, oder auch mehrere Prachtstraßen, Prachtavenues, gesäumt von Palmen und ausgedachten Laternen in verschiedensten Formen, mal auch sehr kitschig, mal modern und viel Licht spendend. Die Avenues waren immer sehr breit, führten ein- und aus der Stadt, mit einem Streifen Grün in der Mitte, flankiert von Trottoirs, und wieder Streifen von Grünanlagen. Sie war erstaunt, erbaut und neugierig auf diese exotische und doch irgendwie bekannte Welt; hier traf Europa, das französische Europa hauptsächlich, auf den Orient und Schwarzafrika, die Mittelmeerkultur und die Beduinen, die Berber und die Nachkommen der schwarzen Sklaven, die Haratin, die arabischen Juden und schließlich die sunnitischen Araber. Hohe Berge wechselten mit langen Ebenen; Hügel waren auch dazwischen und dann kam die Vegetation – mal minimalistisch, fast steppenartig karg und dann, je nach Wassermenge, verwandelte sich die Erde in ein Paradies mit Apfel-, Mandel- Aprikosen-, Pfirsich-, Orangen und Zitronenbäumen, und natürlich gab es auch Olivenhaine kilometerweit. Ganze Landstriche wurden mit Olivenbäumen bepflanzt, man sah abwechselnd junge Bäumchen und alte tragende Olivenbäume, sie wurden auch nicht, wie in Italien beschnitten. Man sagte, dass das marokkanische Olivenöl in die europäischen Kooperativen floss, in die spanischen, aber auch die italienischen. Dazu kam auch der Anbau von Gemüse, und dazwischen leuchteten Erdbeeren auf, die schon jetzt reif zu sein schienen. Daneben gab es Getreide- und Maisfelder, es wurde auch Zuckerrohr angebaut. Die Vielfalt war enorm; fast zu vielfältig, dachte sie bei sich, sie konnte nicht alles richtig aufnehmen und verarbeiten.

Das größte Problem des Landes war Wasser; natürlich floss aus dem hohen Atlas viel durch die Schneeschmelze, aber es gab immer weniger Schnee; die Flüsse, Bäche, die zu dieser Jahreszeit reißend sein müssten, waren ausgetrocknet, man legte Stauseen an, die sog. Barrages, baute unterirdische Wasserwege zum Transport, zum Schutz gegen Verdunstung, aber es war nicht genug, besonders wenn man sich die vielen Golfanlagen und Hotels um Marrakesch anschaute, konnte es nicht genug sein. Deswegen plante man auch die Entsalzung des Meerwassers nach dem Vorbild Israels. So hätte man vielleicht die riesigen Plantagen von Olivenbäumen wirklich bewässern können.

Sie erinnerte sich an einen Strandverkäufer in Italien, an ihrem Hausstrand im Naturschutzgebiet von Feniglia, der ihnen erzählt hatte, er sei aus Marokko und würde sechs Monate in Italien Ware verkaufen und im Winter in die Heimat zurückgehen. Es sei ein wunderbares Land für Touristen, billig und schön: „müssen unbedingt hinfahren Signora“. Jetzt verstand sie seine Kalkulation: das Durchschnittseinkommen in Marokko liegt bei 120 € im Monat, mancher Lehrer verdient nicht mehr als 350 €, deswegen gehen viele weg, verdienen in einem halben Jahr im Ausland genug, um das ganze Jahr in Marokko zu leben, kehren eben aber gerne zurück. Wie auch die Juden, denen im Moment der König besondere Bedingungen anbietet und viele kommen zurück, gründen Hotelketten, Restaurants, besonders in Marrakesch ist das der Fall. Die einst mächtige jüdische Gemeinde in Marokko hatte sich nach der Entstehung von Israel sehr ausgedünnt. Jetzt wird sie vielleicht wieder stärker werden.

Und wenn man über Deutschland nach Roger Willemsen sagt: „Am schönsten ist das Land als Versprechen, weit weg.“ So kann man über Marokko sagen, es ist schöner als sein Ruf. (Ff)

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