Jaques Morelenbaum

Der Lob der kleinen unwichtigen Dinge, die nichts kosten oder das Ding an sich

Für Michał Krenz

Alle meine Leser wissen schon, dass ich sehr gern meinen Lesestoff auf der Strasse finde oder kostenlose Bücher vom Büchertisch hole. (Meine gelesene Bücher gebe ich gern weiter, auch wieder an den Büchertisch). Genauso gern kaufe ich meine Sachen in einem Second-Hand-Laden oder lasse mich beschenken (und die nicht mehr getragene gebe ich weiter).

Ab und zu frage ich mich selber: Wieso tue ich es? Aus Sparrsamkeit? Kaum. Klar, manchmal habe ich kein Geld, aber dann braucht man auch heutzutage, da wir alle so viele Klamoten haben, nichts zu kaufen. Das, was wir haben, hätte doch für Jahre gereicht.

Im Buch von  Olwen Hufton über die Frauen von der Renaissance bis zur Industrialisierung (fantastisches Buch! unbedingt lesen!) gibt es unter anderen die Geschichte der Kleider unter dem Aspekt der Frauenarbeit. Nach Hufton, sorgten Frauen mehrere Jahrhunderte dafür, dass die Bewohner Europas überhaupt was zu tragen hatten. Sie meint, dass es in dieser Zeit immer wieder diesselbe Stoffe waren, die uns kleideten, von Frauen geändert, angepasst, gestopft, geflickt, umgedreht, zusammen genäht, getrennt und gebunden. Das heisst, es hätte wohl sein können, dass eine schwindsüchtige kleine Weberin im Lyon im Jahre 1816 ein Kleid trug, dessen Stoff im XVI Jahrhundert für Diana von Poitiers (1500-1566), Mätresse Königs Heinrichs II von Frankreich gefertigt wurde.

Ich bin keine begabte oder leidenschaftliche Näherin und nicht destotrotz sehne ich mich an die Zeiten, als wir die Resourcen, die wir hatten mit Respekt benutzten, das heißt auch Socken stopften, Kleider verbesserten, mit Mama, Schwester und Freundin diesselbe Bluse zu feierlichen Anlässen trugen. Es ist nicht nur der ekologische Gedanke, der mich  leitet, weil ich es auch gesellschaftlich genauso wichtig finde. Reparieren, mit den anderen teilen, bescheiden sein, nicht protzen… Darüber schrieb der Henning Mankell eine wunderbare Textpassage, die ich schon mal zitierte.

Kurzum: ich lese gern gefundene Bücher, trage gern schon von jemanden anderen getragene Klamotten, gewahre gern den Unkraut Platz in meinem Balkon-Garten, dazu mag ich kein Fleisch und keine Milch, bin also eine Vegetarierin mit dem Hang zum Vegan. Pazifistin bin ich sowieso und für die andere Lebensoptionen offen und tolerant, mehr noch, sie sind mir so was von egal…

Alles wichtig, alles vorbildlich gar, aber ich glaube, hinter meiner Vorlieben steckt vielmehr mein individueller Charakter als pure Überzeugung. Die hat sich viel später herausgebildet. Der Aspekt, ich-tue-was-ich-mag ist mir wichtig, aber auch Vorliebe zu Finderei (nicht umsonst bin ich eine Archäologin) – die gefundene, bekommene, Zweite-Hand-gekauften Sachen haben ihre Geschichten. Jemand hatte etwas, was mir jetzt gehört, schon in der Hand gehalten, hat es getragen, oder gelesen, oder weggeworfen, die Dinge waren ihm wichtig oder unwichtig, egal, aber es gab gewisse Verhältnisse zwischen dem „Ding an sich” und dem Menschen, der es besass.

Und so weiter.

Und dies alles, um zu erklären, dass ich gern gefundene, gerettete Seiten lese… Vor ein paar Tagen bekam ich ein Geschenk aus Madeira. Eingepackt in eine gestreifte Papiertüte, umgewickelt in eine doppelte Zeitungseite. Ein Geschenk in Zeitungspapier! Wie schön! Wie die Sommerblumen, die wir damals in Polen auf dem Market kauften und sie in Zeitungspapier umgewickelt nach Hause trugen, die duftenden Platterbsen oder Levkojen.


Terça-feira, 18 de abril de 2017 / Dienstag und so weiter… Seite 13 Werbung für Agroalimentar na Economia Iberica (Agrar- und Ernährungsökonomik in Iberien), eine Initiative zur Förderung der lokalen Landwirtschaft. Diesmal Reis… Arroz.

Auf dem Schüsselchen ist eine Pflanze abgebildet, die das Wahrzeichen von Madeira ist. Ich vermute, es ist die Agapanthus praecox (Afrikanische Liebesblume), weiß jemand was anderes, bitte ums Korrigieren

Seite 14, Soziedade (Gesellschaft), Wetter und Ergebnisse der Lotto-Ziehung. Seite 27. Mundo – die Welt: Portugal é central no triangulo entre Europa, America Latina e Africa (Portugal übernimmt zentrale Position im Dreieck zwischen Europa, Lateinamerika und Afrika). Na ja… Soll haben. Seite 27, Artes… Jaques Morelenbaum, „A musica que nao fala a alma incomoda-me como um espinho”Die Musik, die  nicht von der Seele spricht, stört mich wie ein Dorn.

Interessant, ich kenne doch kein Portugiesisch, aber eigentlich verstehe ich den ganzen Artikel. Jaques Morelenbaum muss ein Jude sein, obwohl es nirgendwo gesagt wird, weder im Text selber noch später, als ich ihm in Wikipedia suche, aber ich bitte Sie, mein Herr, Jaques Morelenbaum!

Er ist ein brasilianischer Cellist, Komponist, Arrangeur, Dirigent und Musikproduzent. Geboren 1956, studierte in Sao Paolo und in den USA.

Seine musikalische Karriere begann in den 70er in der Progressive Rock-Band A Barca do Sol. Von 1984 bis 1994 spielte er in der Nova Banda mit Antônio Carlos Jobim. Nach seinem Tode gründete er gemeinsam mit seiner Frau Paula, Jobims Sohn Paulo (Gitarre und Gesang) und Paulos Sohn Daniel (Klavier und Gesang) das Quarteto Jobim-Morelenbaum. Er leitet auch Cello Samba Trio. Er macht auch Filmmusik, darunter für Central do Brasil, welcher 1998 den Goldenen Bären der Berlinale für den besten Film gewann und zu Oskar nommieniert wurde.

Jaques Morelenbaum wirkte bei  mehr als 700 Platten. Eigentlich waren es am Tag des Interviews für die Zeitung Diário de Notícias genau 748. Bei Wikipedia nennt man nur ca. 400 Discs.

Die aktuelle politische Lage in seinem Heimatland Brasilien macht ihn Sorgen.

Am Dienstag spielte Cello Samba Trio von Morelenbaum in Lisabon in Tivoli, am 20. in Conservatório de Música in Coimbra, am 21 in Cineteatro in Estarreja…

Wir hören hier eine von seiner Sambas…

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Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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