Marokko 2

Monika Wrzosek-Müller

Der Tizi n`Tichka Pass etc…

Natürlich musste sie noch weiter, tiefer in das Land hinein, als sie sich eigentlich in einem schönen Hotel in Marrakesch hätte entspannen und ausruhen können; es zog sie in die Wüste und in das Hohe Atlas-Gebirge. Die Wege waren lang, kurvig, steil und gefährlich, auf schmale Serpentinen folgten langgezogene Anstiegsabschnitte; man sagte den Reisenden, die Fahrt würde vier marokkanische (?) Stunden über dem Tizi n`Tichka Pass nach Ait Ben Haddou dauern, tatsächlich waren es fünfeinhalb, gefühlt sieben Stunden. Sie fuhren von 100 Metern auf über 2.000 Meter, der Pass liegt genau auf 2260 Meter, und rundherum ragen die Berggipfel sogar 4.000 Meter auf. Auf den Gipfeln lagen noch Reste vom Schnee. Die Ausblicke und Panoramen waren wortwörtlich atemberaubend, die Farben pastell, nach oben hin immer gedämpfter.

Sie fuhren im Verlauf der Reise durch alle möglichen Landschaften; bald hinter Marrakesch verließen sie die Palmeria, einen angelegten Palmengürtel um die Stadt, der an Wassermangel leidet, und trafen auf ausgedehnte Getreide Felder; es war noch flach, aber sie bewegten sich jetzt doch unmerklich höher. Bald waren sie in einer paradiesischen Hügellandschaft angelangt, ganz grün und sehr saftig sahen die Obst- und Gemüsegärten um die Häuschen aus, an den Wegrändern wuchsen lila und blaue Schwertlilien, die sie aus der Toskana kannte, sie blühten gerade. Das Grün der sorgfältig beschnittenen Pomeranzen, die übrigens alle Avenues schmücken, war einmalig, wie das Grün der ersten zwei Blättchen der Teeplantagen, frisch, unvergesslich. Sie säumten meistens die Gärten oder auch die Straßen. Langsam gelangten sie höher und die Landschaft veränderte sich merklich, ab und zu sah man rote Felsen, rote Erde, es überwogen Olivenbäume, auch wenn dazwischen noch Gemüse angebaut wurde, hier dienten riesige Rosmarin-Büsche als Hecken. Danach kamen sie in kahlere Gebiete, da wuchsen Wacholder, die wir als Sträucher kennen, zu Bäumen, mit dicken Stämmen erreichten sie beachtliche Größen, dazwischen blühte gerade Lavendel. Der Boden war hier schon ausgetrocknet und steinig, ab und zu sah man Korkeichen, mit abgezogenen Stämmen leuchteten sie unten auch rötlich. Noch etwas höher gab es kaum mehr Vegetation. Sie erreichten den Pass, der in verschiedenen Ockerfarben der Steine, der Felsen und der Erde vor ihnen ausgebreitet lag. Sie befanden sich auf 2260 Meter Höhe, die Stelle wurde durch eine Raststätte mit vielen kleinen Lädchen markiert, wo hauptsächlich Fossilien und Touristen-Attraktionen verkauft wurden. Auf der anderen Seite erwartete sie nur Wüste, zuerst steinig noch mit Steppe und danach ging sie in Sand über; doch zu den Sanddünen gelangten sie nicht, es war einfach zu weit.

Das Weltkulturerbe-Dorf Ait Benhaddou sehen sie nur von weitem; es ist ein Berberdorf aus dunklem Lehm gebaut und gut erhalten, ähnlich den Bauten von Sanaa im Jemen, auch denen von Timbuktu in Mali. Die Kashbahs sind gut erhalten, miteinander verschachtelt, überall ragen die sich verjüngenden viereckigen Türme in den Himmel. Manche der Kashbahs sind bis heute bewohnt; es ist eine Oase, einige Palmen und etwas Grün zeugen von Wasservorräten.

Sie besichtigten noch ein Filmstudio, wo unzählige bekannte Filme gedreht wurden darunter Kleopatra, Spartakus, Babel etc…; in einiger Entfernung waren auch andere riesige Anlagen, die der Filmstudios für Asterix und Obelix und viele Fantasy-Filme zu sehen; es wirkte unwirklich und verrückt in dieser steinigen, gottverlassenen Gegend zu sehen, wie Hollywood das Land für sich einnimmt. Es ist eben Marokko, sie versuchen aus allem etwas Kommerzielles und Urbanes zu machen; auch hier gab es 5-Sterne-Hotels, wo die Stars und Starletts übernachteten, mit Swimmingpools und Bars und echten Grünanlagen rundherum.

Der Weg zurück ging über die gleiche Strecke, aber da sah sie nur schroff zerklüftete Felsenformationen, Geröllplateaus, steil abfallende Hänge, manchmal auch Canyons, zu der Jahreszeit mit Wasser gefüllt. An den steilen Felsen hingen ab und zu Berberdörfchen, ein buntes viereckiges Minarett ragte in die Höhe; die Bauten waren allesamt aus Lehm, den sie geschickt auch färbten; so erhielten die Minarette auch eine dezente Bemalung, sie sahen manchmal wunderschön aus.

Der Tizi n`Tichka Pass ist der Sage nach ein antiker Weg, von Timbuktu nach Marrakesch, der „Ziegenweg“. In der Berbersprache, bedeutet Tizi „Bergwiese“ und tichka „gefährlich“. Allerdings ist nicht ganz klar, ob der Weg wirklich von Timbuktu ausging; Timbuktu wurde wohl als Synonym für einen weit entlegenen Ort benutzt, der gar nicht zu existieren brauchte; in jedem Fall ging es um einen ein weiten Weg. Über diesen Weg, diesen Pass gelangten Karawanen nach Marrakesch, sie waren bis zu einem halbem Jahr mit 80 Mann unterwegs, transportierten ihre kostbare Ware, meist Silber, dann Gold und Edelsteine, dazu noch viele Sklaven und Eunuchen. Sowohl Timbuktu als auch Marrakesch waren Hauptumschlagplätze. Der Handel war das Leben, das Überleben in der trockenen und menschenunfreundlichen Umgebung; der Handel war auch eine ehrenhafte, sehr geschätzte Beschäftigung, die Händler waren hoch angesehene Leute, besonders wenn sie zu Reichtum gelangten. Die Routen der Karawanen waren weit verzweigt, aber sie führten schließlich alle auf den Djemaa el Fna Platz, den Nabel der Stadt Marrakesch; man kann sich heute noch sehr gut das damalige Treiben und Handeln auf dem Platz vorstellen. Selbst heutzutage überkommt einen auf dem Platz immer noch das Gefühl, in der Mitte des Lebens, der Welt der kleinen Geschäfte zu stehen. Der Muezzin ruft wie damals sanft ein paar Mal am Tag zum Gebet, nur dass es jetzt eine vom Band abgespielte Stimme ist; das Treiben ist vielleicht jetzt noch geschäftigter, denn es kommen viele Touristen hinzu, aber die Einheimischen gehen auch gerne dorthin. Auf dem Platz wird gegessen, gehandelt, gekauft, viele Gaukler führen ihre Kunststücke vor, die Schlangenbeschwörer spielen auf ihren Flöten, die Affen hüpfen von der Schulter des Besitzers auf die Schulter des Betrachters (sind aber meistens angekettet und in ein Kleidchen gezwängt, so dass sie nicht flüchten können), alle preisen ihre Waren, es ist bunt, laut bis schrill, heiß, manchmal unmöglich und manchmal magisch.

Der Handel mit Salz lag seit dem 14. Jh. in der Hand der Juden, sie hatten dafür das Monopol von den marokkanischen Königen erhalten. Salz war fürs Überleben von größter Bedeutung, es enthielt Mineralien; es hieß: Salz wurde mit Gold aufgewogen. Die Juden lebten in den Altstädten (medinas) in geschlossenen Vierteln Mellah; das Wort Mellah kommt aus dem Arabischen und bedeutet Salz. Die ersten Mellahs wurden im Mittelalter gegründet und die Juden lebten dort ziemlich abgeschieden, erst nach der Übernahme des französischen Protektorats öffneten sich die jüdischen Gemeinden der marokkanischen Gesellschaft. Während des Zweiten Weltkrieges betrieb der damals regierende Monarch Mohammed V. eine judenfreundliche Politik und beugte sich nicht der Politik des Vichy-Regimes, so fanden viele jüdische Flüchtlinge in den marokkanischen Städten Zuflucht (der Film Casablanca!). Erst nach der Gründung Israels gingen viele Juden aus Marokko weg. Noch heute ist aber die fast verlassene Medina von Marrakesch zu besichtigen, man sieht manchmal ein paar Kinder mit Schläfenlocken, doch die große Blüte jüdischer Geschäfte gehört der Vergangenheit an. Die marokkanischen Juden sind in der ganzen Welt verstreut, auch die Familie von Hilary Clinton stammt aus Marokko.

Elias Canetti, der Nobelpreisträger und vielsprachige Schriftsteller, hat das Leben der Juden in Marrakesch in einem kleinen Büchlein beschrieben, Die Stimmen von Marrakesch; in den fünfziger Jahren schien ihm deren Leben sehr ärmlich und einsam. Sie betrieben Handel, feilschten um völlig wertlose Dinge, waren in dieses kleine verschachtelte Viertel eingeschlossen. Als Jude leidet er mit ihnen, doch er kann nicht mit ihnen kommunizieren, er versteht sie nicht, wird nur zum stillen Beobachter, der ihr Leben von außen beschreibt und als fremd und somit auch exotisch empfindet.

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