Haus, Buch, Grab und Zufall

Ewa Maria Slaska

Von Thessaloniki nach Berlin

Für Brigitte und Darek

Neulich war ich ein paar Tage in Thessaloniki und wohnte in einem alternativen Haus, in dem alles so aussah, wie in Berlin nach der Wende. Ich verbrachte die Zeit dort abwechselnd auf Englisch diskutierend und ziellos von einer Ecke des Hauses zu der anderen schlendernd, um alles zu fotografieren.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich gleich zurück nach Berlin fliegen muss, was auch bedeutet, dass ich, und zwar sofort, Deutsch zu sprechen habe. Unbedingt brauchte ich, um mich umzustimmen, für die Flugstunden etwas auf Deutsch.

Ich machte mich auf die Suche.

In dem großen Theatersaal, wo auch Bibliothek untergebracht wurde, wollte ich nicht stöbern, aber in einem engen dunklen Flur gab es ein Korb voller Sachen zu mitnehmen und nebenan auch ein Brett mit abgelegenen Bücher.

Und da, siehe einen an, auch ein englisches Buch, aber in deutscher Übersetzung. Barbara Belford, Viktorianische Liebesspiele. Die Geschichte der Violet Hunt und ihrer Liebhaber und Freunde. DTV München 1998. Erstaunlich guter Fund. Meistens sind Bücher, die man in Bypackers-Hostels in aller Welt findet, ziemlich öde, so zwischen Publikationen der Zeugen Jehovas und Ken Follett. Man liest sie sowieso, ich hätte auch Marx gelesen, aber interessante Bücher bekommt man selten.

Diese Violet Hunt, erstaunlich… Eine emanzipierte Frau, geboren 1862, gestorben 1942.  Generation meiner Urgroßmutter Eugenia. Sie war auch emanzipiert, studierte, als erste Frau in der Familie, gründete in Russisch-Warschau eine Sonderschule für zurückgebliebene Kinder (erste in ganz Polen), dies alles aber im Bereich Bildung und soziales Engagement, wie es sich damals, während der Teilung Polens, für eine patriotische Polin ziemte. In ihrem Familienleben entsprach sie jedoch (fast) vollkommen dem gängigen Muster einer konservativen Ehefrau und Mutter vierer Kinder. Violet Hunt dagegen blieb ihr ganzes Leben unverheiratet, war eine berühmte Geliebte, eine femme fatale, exzentrisch und ausgesprochen frei von Konventionen, eine Frau, die für ihre Intelligenz, scharfe Zunge und bissigen Witz bewundert und gefürchtet wurde. Sie war eine Journalistin und Schriftstellerin (wie ihre Mutter), sie könnte malen (wie ihr Vater), sie war mit Oskar Wilde, Henry James und Joseph Conrad befreundet, die Schriftsteller Ford Madox Ford, Orson Welles und W. Somerset Maugham sowie der Verleger Oswald Crawfurd waren ihre Liebhaber.

Auf dem Flughafen und dann im Flugzeug lese ich dieses Buch. Die Autorin holt weit aus. Da die Familie von Violet in Durham ansässig war, schreibt sie auch etwas über die Stadt selber.

…Durham besaß eine intellektuelle Bürgerschicht und eine mittelalterliche Kathedrale.

Ich klicke in mein Handy den Stadtnamen und den Namen von Violets Vater, Alfred Hunt, der ein Landschaftmaler war und die Stadt zig mal malte. Bin sofort findig.

Alfred William Hunt, Elvet Bridge, Durham

Von solchen Bildern ihrer Vater schrieb Violet in ihren Tagebüchern, dass sie ihre Kleider, Schuhe und Schulbücher finanzierten.

Zuerst aber ist Violet überhaupt noch nicht geboren. Die Autorin schreibt über die Stadt.

Die Geschichte von Durham beginnt mit Cuthbert, dem heiligen Hirten, der Bischof von Lindisfarne wurde, 687 starb und elf Jahrhunderte später die Karriere von Violets Großvater beeinflußte. Nach der Legende wurde der Leichnam Cuthberts vollständig mumifiziert, und sein Sarg wurde von seiner Gefolgschaft mitgeführt, als sie zwei Jahrhunderte später  vor den Dänen floh. 995, wieder zwei Jahrhunderte später, zog die Gemeinde noch einmal weiter und blieb eine Zeitlang in Dunholm, der „Berginsel” – so lautete der alte Name von Durham. Als sie wiederum aufbrach, ließ sich der Sarg nicht hochheben, ein Zeichen, daß St. Cuthbert dort bleiben wollte, wo er sich befand.

1017 wurde eine steinerne Kathedrale für den Sarg errichtet. Fünf Jahre später wurden die Gebeine von Beda venerabilis überführt. 1093 begannen die Normanen (1066 kamen sie nach England, was die Autorin nicht erwähnenswert findet, aber was soll es, in England weiss es doch jedes Kind – Anm. d. Bloggerin) mit dem Bau jener Kathedrale, die heute noch in Durham steht. (…) Pilger zogen dorthin, bis Heinrich VIII. sich mit Suprematsakte zum Haupt der englischen Kirche erklärte. (…)

1812 zog James Raine, Violets Großvater mütterlicherseits, gerade erst 21 geworden, aus benachbarten Ovington nach Durham. Er wurde Rektor der Schule von Durham, wo er 15 Jahre ein Lehrer war. Später wurde er zum Priester geweiht und 1816 zum Bibliothekar des Domkapitels ernannt. Er wurde auch Historiker, Mitarbeiter von Robert Surtees, der die Geschichte von Durham verfasste.

1827 hatte Raine St. Cuthberts Grab öffnen lassen und die verwesten Überreste des Heiligen entdeckt. Der Sarg war schon 689, 1022, 1104 und 1539 geöffnet worden, und jedesmal hatten die Geistliche bestätigt, dass der Körper des Heiligen nicht verfallen sei. Dieses vielgepriesene Wunder, schrieb Raine in seinem ein Jahr später veröffentlichtem Buch, sei „bestimmten Interessen zuliebe in einem abergläubischen Zeitalter erfunden” und mehr als Tausend Jahre durch klerikale Verschwörung am Leben erhalten worden.

Zurück in Berlin muss ich sofort zu einer Veranstaltung los, die ich moderiere, nach dem Vortrag gehen wir noch zu dritt mit dem Referenten essen. Brigitte, Darek und ich. Aus welchen Grund auch immer kommen wir im Gespräch an das Thema langlebige Lügen. Wie es möglich ist, wer sorgt dafür, dass sie sich so lange halten? Das Thema erinnert mich natürlich an die Geschichte von St. Cuthbert Grab und die Lüge über seinem angeblich nicht verfallenem Leichnam, die ich vor ein paar Stunden gerade gelesen habe. Wisst ihr, sage ich, es gibt in Nordengland so eine Stadt Durham…

– Durham, sagen Brigitte und Darek unisono.
– Sag ich doch, Durham…
– Nein, antworten die beiden, immer noch im Einklang, Durham…
Ach, wie immer. Ich habe keinen musikalischen Gehör, ich höre diese Aussprach-Unterschiede überhaupt nicht.
– Verdammt, ich wollte euch etwas über die Lügen erzählen. Also in dieser Stadt gibt es in der Kathedrale…
– Normannische, sagt Darek.
– Da liegt der Heilige Cuthbert begraben, sagt Brigitte, der Bischof von Lindisfarne.

Ich glaube, ich spinne. Ich habe es gerade heute das erste Mal in meinem Leben erfahren, von Durham, Kathedrale und Cuthbert, und die beiden wissen einfach alles… Woher Dariusz es weißt, lässt sich vermuten, ist doch Kunsthistoriker, Museumsdirektor in Stettin, na OK, aber Brigitte ist eine Musikerin in Berlin…

– Woher weißt du das? – frage ich.
– Ich war da zig mal wandern! Ich liebe diese Stadt, diese Kathedrale, Nordengland überhaupt…

Ich erzähle endlich meine Geschichte, wir unterhalten uns über Heiligen Cuthbert, England und Küche, dh. übers Essen überhaupt. Hier sind wir uns einig, die Englische Küche ist nicht unbedingt der Inbegriff des Schmackhaften…

Am nächsten Tag schickt uns Brigitte die Bilder. Von Cuthbert, von Kathedrale und von ihrer Wanderungen.

Ihr Lieben,
das Thema St. Cuthbert hat meine Erinnerungen an eine Reise nach Northumberland/Lindisfarne geweckt. Wie schön es dort ist!!! St. Cuthbert wurde in Lindisfarne bestattet, welches sehr ungeschützt war vor den wiederholten Wikingereinfällen. Sein Sarkophag wurde gerettet, mehrere Jahre lang hier und da und dort versteckt.


Illuminated manuscript of Bede’s Life (1180) of St Cuthbert, showing the discovery of his Incorrupt Body

Er fand schließlich seinen endgültigen Ruheplatz in der normannischen Kirche von Durham. Es gibt bei St. Cuthbert diese Legende von einer angeblich unzerstörten Leiche. Hier ein link zur Wikipedia und einige Landschaftsbilder – ich bekomme gleich Lust in den Norden zu fahren, wo es im Sommer so angenehm kühl ist und ebenso angenehm unbevölkert. Darüber wird die englische Küche unwichtig.

Durham

Lindisfarne

Wandern an der Fluss Wear bei Durham

Und so wandert man an einem Tag aus Makedonien über Berlin nach Nordengland in Gesellschaft einer deutschen Musikerin und eines polnischen Kunsthistorikers. Wir gehen bei einem (wie man in Berlin so sagt) Griechen essen und stellen fest, die Küche ist (auch) wichtig :-).

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Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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2 odpowiedzi na „Haus, Buch, Grab und Zufall

  1. Anne Schmidt pisze:

     

         Liebe Ewa,

         ich habe auch Lust bekommen, dorthin zu fahren; vielleicht kannst Du mir erst einmal das Buch leihen.  

         Brigitte war Englisch-Lehrerin u. sicherlich aus dem Grunde oft in England.

    Anne

  2. Anonim pisze:

    Liebe Ewa,
    Auch im Havelland gibt es einen Ritter Kahlbutz, durch seine Mumifizierung, auf sein Unschuldigsein nach Jahrhunderten pocht. Ist das nun eine Lüge, oder eine Hoffnung, nicht allzulange im Fegefeuer schmoren zu müssen.
    Die Leipziger Comedians, bewießen nach der Wende, das alle mitmachen im Ausverkauf des kulturellen Silber der DDR. Als amerikanische Strohmänner wollten sie den Ritter Amerika eine aristrokratische Ahnenreihe ermöglichen. Aber Kahlbutz inkarnierte sich in Trump der jetzt von einem Fettnäpfchen ins andere tappt, wie einst im früheren Leben zum Galgen. Den Kahlbutz und den Trump könnte man in einem kleinem Bauernhaus in der Nähe des See verstehen lernen, wenn man es nur aufsuchen würde

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