In Marokko

Monika Wrzosek-Müller

Überall in Marokko sieht man das Foto mit dem Porträt vom König Mohammad VI., er begrüßt die Menschenmassen auf dem Flughafen und lächelt auch in vielen Hotels von der Wand der Lobby herab; in den kleinen Raststätten hängt er obligatorisch an der Fassade. Auch in manchen Läden findet man sein Bild, eigentlich immer das gleiche Porträt, gleich am Eingang. Es schaut und lächelt uns ein, etwas fülliger, ernster Mann an, freundlich und distanziert, etwas unglücklich aber würdevoll. Diese Omnipräsenz ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, fast unheimlich, genauso die wiederholten Erklärungen des Reiseführers, dass der Monarch dem Volk so viel Gutes täte. Denn wir leben ja im 21 Jh., absolutistische Monarchien sind passé, und Gesten des Paternalismus, dass hier eine Schule gebaut und dort eine Frauenkooperative eröffnet wird, gehören in Europa der Vergangenheit an. Doch nach längerem Aufenthalt und genauerem Hinschauen ändert sich die Beurteilung des Monarchen etwas, auch die Perspektive. Auf jeden Fall handelte er sehr weise, als die Ausläufer des arabischen Frühlings Marokko erreichten und er dem Land vorsorglich eine neue, liberalere Verfassung verpasste und offen den religiösen Extremismus kritisierte. Viele neue Projekte entstanden in der Zeit, es wurden Schulen gebaut und die Beschäftigung der Frauen gefördert. Er sorgt auch für Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit (das mit der Sicherheit, ist nach dem letzten Blog-Beitrag über Marokko nicht so offensichtlich), die man auf jedem Schritt und Tritt erlebt. Natürlich ist der König der größte Nutznießer der Entwicklung des Staats. Sein Vermögen ist legendär (er steht auf der Forbes-Liste der reichsten Monarchen der Welt), in jeder größeren Stadt steht ein Palast inmitten von Grünanlagen für ihn bereit; er verdient hauptsächlich an Phosphatminen, Landwirtschaft und vielen Unternehmungen von ONA.

Und doch müssten wir eigentlich zufrieden sein, dass es so jemanden gibt, der sich um Ordnung und Fortschritt kümmert und dafür sorgt, dass keine Flüchtlingswellen aus Marokko nach Europa überschwappen.

Im letzten Blog beschrieb ich den Weg in den hohen Atlas, doch es gibt auch noch die wunderschöne Atlantikküste, die wahrscheinlich noch mehr Touristen anlockt. Agadir haben wir uns gespart, die Hotelburgen und die Touristenmassen, aber nach Essaouira sind wir gefahren, in eine Sehnsuchtsstadt, eine atemberaubende Atlantikküste mit Nebel, Wind, Möwen und Wellen. In eine wunderschöne kleine Medina, so groß, dass sie noch authentisch wirkt, und so klein, dass man sich darin nicht verliert. Wir sind durch die Farbenpracht der kleinen Häuser mit den kobaltblauen Türen und ihren zahlreichen Geschäften gegangen, vorbei an vielen Cafés, und haben einen Flair der Freiheit, Sonne pur und Unbeschwertheit erlebt, dass sich wahrscheinlich immer nur von außen so anfühlt, aus der Entfernung. Die Weite der Strände erinnerte sie an die Bretagne, aber es war noch weiter, keine Buchten, keine Begrenzung, unendlich, es war Ebbe und der Ozean hatte sich zurückgezogen, überließ die freie Fläche den Wandernden, Joggern, weit draußen den Surfenden. Im März war es noch nicht so heiß, die Sonne kämpfte sich langsam durch die Nebelschwaden, der starke Wind wehte sogar durch die verwinkelte Medina. Es gab Pferdekutschen für Touristen und die Möwen wurden gefüttert, damit sie da blieben, wo sie Hitchcock für seinen Film wollte, der in Essaouira gedreht wurde. Jetzt aber kamen die Möwen über den Türmen der alten portugiesischen Festung für sie, sie nahm den Geruch der Meeresalgen und der Fische, des Wassers wahr. Es war viel los und es herrschte aber auch eine gewissen Stille, die sie nur an der Atlantikküste erlebt hatte, wo das Meer alles mit seiner Größe überschattet und schluckt. Die bunten Fischerboote lagen im Hafen, auf dem Fischmarkt sah man ganz außergewöhnliche Meerestiere, Meeresungeheuer.

Vom Land her kam eine andere Größe: die Sanddünen fingen hinter dem Strand an, sie sind bepflanzt mit Kiefern und Wacholdersträuchern, aber immer ragten zwischendurch nackte Sandstellen hervor. Den Hauch der Sahara, der Wüste, spürt man in Essaouira. Man atmet ihn mit dem feinen Sand ein, der manchmal von der Sahara herübergeweht wird, in Italien Scirocco genannt, hier ganz nah an der Quelle war es derselbe Wind, er trug aber viel mehr Sand, feinen Staub von der Wüste heran, manchmal rötlich, öfters gelblich-beige.

Die Landschaft im Hinterland ist sehr karg. Kaum Vegetation, keine Getreidefelder, dafür aber das sog. Gold von Marokko, d.h. Arganöl; das heiß begehrte Öl, in der Kosmetik und der Nahrungsmittelindustrie hoch geschätzt. Ein Öl, das alle Parameter erfüllt, nicht fett aber fettend, mit vielen wertvollen Stoffen, Mineralien angereichert ist. Es hat einen ganz feinen, nissigen Geschmack. 30 Kg Arganfrüchte werden für ein Liter Öl benötig, das erklärt auch den hohen Preis des Öls. Das Gebiet, in dem die Arganbäume wachsen, ist relativ klein, sie wachsen nur dort und sonst nirgendwo auf der Welt; die Versuche, die Bäume in anderen Regionen und Ländern zu pflanzen (Israel und Saudi Arabien) scheiterten, daher stehen die Bäume unter Naturschutz. Einige Tausend Familien ernähren sich durch die Bearbeitung von Arganfrüchten. Es ist nämlich sehr kompliziert, das Öl zu gewinnen, es kommt nicht aus der Nuss sondern aus ganz feinen und kleinen Samenplättchen in der Nuss der Frucht. Das Knacken, Bearbeiten und Auspressen der Samen wird den Frauen überlassen. In letzter Zeit arbeiten in Marokko die Frauen organisiert in Frauenkooperativen. Der wirklich hohe Preis des Öls kommt auf jeden Fall den Frauen zu gute. Den Baum erkennt man von Weitem an dem Grün, das etwas anders ist als das der Olivenbäume, und an der sehr ausladenden Gestalt. Die in der Presse verbreiteten Fotos von den Ziegen auf den Bäumen sind teilweise falsch, die Ziegen steigen selten so hoch auf die Zweige der Bäume, es sind die Bauern, die sie dort aufstellen, damit die Touristen sie fotografieren; wahr ist, dass die Ziegen die Früchte der Arganbäume lieben und sich von ihnen in den heißen, trockenen Monaten ernähren.

Die Frauenkooperativen arbeiten nicht nur an der Herstellung von Arganöl; Frauen sammeln die gelben Safranfädchen auf den Krokus-Feldern, sie weben auch die meisten Teppiche. Bekannt sind auch Pflanzen-Zentren z.B. für Kakteen, die auch von Frauen geführt werden. Diese Projekte werden von der Frau des Königs unterstützt und propagiert.

Inzwischen hat der König noch ein fortschrittliches Gesetz erlassen; über die Zahl der Nachfolgefrauen entscheidet jetzt die Hauptfrau, wenn sie nicht einverstanden ist, darf sich der Mann keine anderen Frauen mehr nehmen. Für unsere Ohren hört sich das unglaubwürdig an, ist aber in Marokko Realität. Doch man sieht im Straßenverkehr auch Frauen hinterm Steuer und in manchen Läden (leider wenigen) arbeiten sie auch. Allgemein ist aber die Stellung der Frau immer noch prekär.

Zum Schluss noch die Frage der Berbersprache. In vielen Regionen Marokkos gibt es jetzt Straßenschilder in drei Sprachen: Arabisch, Französisch und Berber; sie sehen wunderbar bunt aus, denn Arabisch wird rot auf orange geschrieben, Französisch grün auf blau und Berberisch in noch anderen Farben, immer wieder in neuen Variationen. Das Tamazight hat es auch in Marokko zur Amtssprache gebracht, wird an manchen Schulen unterrichtet. So sprechen viele Kinder in Marokko gleich drei Sprachen, die sehr kompliziert und völlig unterschiedlich sind. Die Berber-Sprache hat eine an griechische Lettern erinnernde Schrift, sehr kompliziert und verwinkelt, doch eigentlich pendelt sie zwischen arabisch und französisch. Das Problem besteht nur darin, dass es in Vergangenheit nie eine Schriftsprache von Berberisch gegeben hat. Sie existierte in mündlichen Überlieferungen, wurde zum Sprechen benutzt, in ganz vielen Dialekten, die die Bergvölker oder Tuareg benutzt haben; doch alte Quellentexte oder Poesie gibt es in der Sprache fast gar nicht. Es waren erst die Franzosen, die sich der Sprache annahmen und versuchten sie zu systematisieren und die Schrift festzulegen, die Grammatik und Phonetik zu beschreiben.

Eine interessante Reisebeschreibung über Marokko bietet das Buch von Edith Wharton „In Marokko. Vom Hohen Atlas nach Fès – durch Wüsten, Harems und Paläste“. Sie reiste noch in der Zeit, als es in Marokko keine Touristen gab, beklagte das Fehlen jeglicher Reiseführer und sah die Magie, Anziehungskraft, Buntheit von Marokko aber auch die Lethargie der Menschen in der sengenden Sonne, die Bettler und die Armut der Bevölkerung. Sie bewunderte Paläste, die damals noch existierten (sie reiste während des Ersten Weltkriegs), Bauten, die die Franzosen vor dem Verfall gerettet haben sollen. Da sie auf Einladung des französischen Generalresidenten Lyautey das Land bereiste, musste und wollte sie positiv über ihn berichten; vielleicht war er aber auch wirklich so bemüht, die alten Kulturschätze der Architektur und arabischen Bauweise zu erhalten; Tatsache ist, dass die neuen Bauwerke der französischen Administration meistens außerhalb der alten Medinas entstanden sind und somit diese nicht zerstört haben. Viele Medersa/Madrasa wurden restauriert und dank den Franzosen der ursprünglichen Bestimmung wieder zugeführt (als Koranschulen). Die Mederse Ben Yousef in der Medina von Marrakesch ist inzwischen ein Museum, wurde 1999 vollständig restauriert, sie bietet ein wunderschönes Beispiel der maurischen Architektur.

Die Wharton reiste noch auf unbefestigten Straßen, besuchte einige Harems, konnte Kamel- und Dromedar-Karawanen auf den großen Plätzen sowohl in Meknès als auch in Marrakesch bewundern, sie erlebte Marokko pur, auch einigen Zeremonien im Sultanspalast in Rabat wohnte sie bei; sie beschreibt eindrucksvoll die Schlichtheit der Gewänder der königlichen Familie und die übertriebene Fantasie, Glanz und Prunk der Gewänder und die komplizierten Frisuren der Lieblingsfrauen des Sultans, die Tänzer, Musiker und anderen Künstler. Ihr Bild der Frauen in Harem ist erschütternd, sie waren sehr jung, sehr unglücklich, saßen teilnahmslos auf Diwanen, wurden bedient und bewegten sich kaum; die Unterhaltung durch den Dolmetscher stockte, sie hatte immer den Eindruck, dass sie wie Spielzeuge, Puppen behandelt wurden. Bei ihren Beschreibungen spürt man die Überheblichkeit der westlichen, zivilisierten Dame, die wissend aber doch von oben herab die Zustände beurteilt. Doch die Beschreibungen sind intelligent und interessant, sie sieht das Land mit völlig fremdem Blick und kann nur mit Staunen die Realität betrachten.

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