Frauenblick 16 – Kaschmir und Indien

Monika Wrzosek-Müller

Arundhati Roy, Das Ministerium des Äußersten Glücks

Berlin begrüßte mich mit Regen und Kälte, nach dem langen warmen Monat in Italien eine Zumutung, also griff ich nach meinem Lieblingsschal, den aus Kaschmir – wortwörtlich aus Kaschmir: er ist aus Kaschmirwolle und stammt auch aus der Region Kaschmir in Indien. Ich hab ihn in der Altstadt von Cochin in einem sehr netten kleinen Laden gekauft, den zwei junge Juden aus Kaschmir führen. Sie erzählten mir, dass sie nach den Auseinandersetzungen in Kaschmir die Region verlassen mussten. Doch sie träumten jeden Tag davon, dahin zurückzukehren, sahen vor ihren inneren Augen die wunderschönen verschneiten Bergspitzen und grünen Wiesen, Felder und die Obst- und Blumengärten; sie vermissten die klare Luft, ohne Feuchtigkeit und Nebel, die kühlen Abende mit den scharfen Farben der Sonnenuntergänge; es war ganz offensichtlich sie sehnten sich sehr nach ihrer Heimat. Doch die vielen Toten jeden Tag auf den Straßen und in den Dörfern und der Terror, der überall lauerte, hielten sie davon zurück, nach Hause zurückzukehren.

Nach dem Buch von Arundhati Roy Das Ministerium des Äußersten Glücks musste ich immer wieder an die beiden denken.

Das Buch ist wie ein Puzzle, die Geschichten fügen sich ineinander, verdichten sich irgendwann zu einem Ganzen, aber sie könnten auch weiter fortgesetzt werden, oder jede für sich könnte allein stehen. Es gibt eine Hauptheldin, Anjum, oder von hinten aus gelesen Mujna. Sie ist eine hijra, halb männlich, halb weiblich, ein Hermaphrodit, aber eigentlich sind die hijras Transvestiten. Schon mit jungen Jahren flieht sie aus ihrem Elternhaus, wo sie als Junge erzogen wird, in ein Frauenhaus, doch da hält sie es nach einem schlimmen Gewalterlebnis nicht mehr aus. Sie lebt den größten Teil ihres Lebens auf einem Friedhof in Dehli, in der Altstadt, nicht weit vom Roten Fort, wo sie eine Art Kommune aufbaut und mit anderen zusammenlebt. Dann gibt es die Geschichte von den drei Freunden, die in einem College an einer Inszenierung des Stücks Norman, bist du das? mitwirken, das aber nie zur Aufführung kommt: Naga, Journalist, Tilo, Architektin und Designerin, und ein späterer Geheimdienst-Offizier in Kaschmir und Hausbesitzer, der ich Erzähler weiter Teile des Buches; sie alle verbindet die Liebe der beiden Männer zu Tilo. Später kommt ein auf der Straße gefundenes Baby dazu, um das sich Anjum und Tilo streiten, bis sie dann im äußersten Glück auf dem Friedhof zusammenwohnen. Wichtig ist auch Tilos Mann Musa, ein Unabhängigkeitskämpfer für Kaschmir und Jammu. Den Hintergrund bilden die achtziger und neunziger Jahre, mit dem Konflikt um Kaschmir, und das Leben in der Stadt Delhi.

So wie das Leben in Indien selbst ist die Erzählweise oft wirr und chaotisch, sie stockt manchmal und wird wieder fortgesetzt, eine neue Geschichte nimmt an Wichtigkeit den Platz der vorangegangenen ein. Man spürt das Brodeln, Ausufern, die Unbeherrschbarkeit der Konflikte der Charaktere, der Helden, ihre Schicksale. Die Wirklichkeit des Lebens auf den Straßen entzieht sich manchmal der literarischen Erzählung, man spürt, dass sie noch grausamer und unerbittlicher ist. Alle Helden leben ihr gefährliches aber freies Leben, so wie sie es sich vorstellen, so wie es ihnen gelingt, so wie sie es letztendlich wollen. Interessant, dass der Hauptteil des Buchs auf dem Friedhof spielt, dort, wo eigentlich Tote begraben liegen; nur dort gibt es Freiheit, Freizügigkeit und ein ziemlich sorgenfreies Leben. Draußen herrscht Terror, Menschen werden umgebracht, gefoltert. Die Muslime gegen die Hindus und umgekehrt, niemand ist besser; alle verfolgen ihre vielfältigen und komplizierten Interessen, und durch misslungene Aktionen des Geheimdienstes sterben mehr Menschen, als gerettet werden sollten. Kaschmir soll, wie das mit den Kurden im Moment passiert, auf keinen Fall unabhängig werden. Aufgeteilt zwischen Pakistan, Indien, China und Afghanistan kämpfen die Kaschmiris oft gegeneinander, sterben unnötig, immer zu heldenhaften Taten bereit und dazu auch verurteilt.

Seit den achtziger Jahren sind in dem Konflikt zwischen Pakistan und Indien mindestens 70 000 Menschen gestorben, getötet worden; 8 000 sind verschwunden, unzählige haben völlig traumatisiert überlebt und finden keine Ruhe, bis heute. Das ist der Hintergrund des Romans; doch wie die Schriftstellerin damit umgeht und die Verhältnisse beschreibt, lässt uns an den Ereignissen und Emotionen wirklich teilhaben. Die leeren Zahlen füllt sie mit Leben, Farben, Tempo. Sie hat als Journalistin und Menschenrechtlerin, Kritikerin der Globalisierung und des Kapitalismus, viel damit zu tun gehabt, kennt den Konflikt und die Situation aus eigener Anschauung, vielleicht auch als Betroffene. Die Zweitheldin des Romans Tilo, Tilottama, trägt autobiografische Züge der Autorin; in Kerala geboren, ist sie mit 16 nach Dheli gegangen, dort das Studium der Architektur, später gehen die Wege der beiden auseinander. Doch der Kampf, den die beiden Frauen führen ist bestimmt durch Arundhatis Roy Erlebnisse. Wir erfahren viel von den Ereignissen, aber wichtiger sind die Emotionen, die dabei hervorgerufen werden; die zerstörten Leben, Pläne, Familien.

Ich würde gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur.

F.1. Warum ist es nicht kultiviert?

F.2. Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?

Ich habe mir dann auch den Film Stern von Indien angesehen, hauptsächlich um die Orte des Geschehens zu sehen, die alte Stadt Delhi mit dem Roten Fort; im Film geht es um die Zeit gleich nach dem Krieg, da hat der Konflikt um Kaschmir angefangen, mit dem Abzug der Engländer, mit dem Vize-König von Indien Earl Mountbatten und dem Plan der Gründung von Pakistan. Gab es andere Lösung, wäre die Bildung eines Vereinten Indien besser gewesen?

Die Schriftstellerin macht in dem Roman klar, dass zwar das Erbe des Kolonialismus über Indien hängt, aber eben auch über der Literatur, die kultiviert zu sein versucht – doch die Umstände, die Grausamkeiten erlauben ihr das nicht. Doch für Arundhati Roy sind auch die Leute selbst an ihren Schicksalen schuld, sie können sich nicht hinter der großen Tragödie der Geschichte verstecken, sie erleben ihr Leben, und das kann selbst in schlimmen Zeiten gelungen sein. Das Ministerium des äußersten Glücks findet sich auf dem Friedhof, zwischen Menschen aller möglicher Orientierungen, sowohl religiös als auch geschlechtlich und sozial; sie versuchen das Beste aus ihrem Leben zu machen, ohne dabei trivial und naiv zu wirken. Es ist die große Stärke des Textes, alle diese Charaktere und Geschehnisse in einem Buch, in einer Geschichte zusammen zu bringen und sie dem Leser zu präsentieren, auch vielleicht mit Fragezeichen, das ist doch auch möglich, oder? Das Schöne dabei ist, man spürt in dem Roman viel Freiheit, Raum und Toleranz, die die Leute sich selbst geben, nehmen, oder die die Schriftstellerin ihnen einräumt. Sie sind nicht in ihre Rollen gezwängt, sie bewegen sich am Rande, aber da ist für sie in dem verrückten Indien viel Platz!

Und die Beschreibungen, die Sprache der Schriftstellerin, poetisch, leicht sarkastisch und pointiert, lässt von Anfang an vermuten, dass wir in das Buch reingezogen werden, und das aber bedeutet nicht, dass es ein Roman ist, den man verschlingt. Es wird verlangt dass man langsam und konzentriert liest, nachschaut, die historischen Hintergründe hinterfragt.

In der magischen Stunde, wenn die Sonne fort, das Licht noch da ist, lösen sich die Heere fliegender Hunde von den Banyanbäumen auf dem alten Friedhof und lassen sich über der Stadt treiben wie Rauch. Wenn die Fledermäuse wegfliegen, kommen die Kühe nach Hause. Der große Lärm ihrer Rückkehr kann die Stille nicht füllen, die die verschwundenen Spatzen hinterlassen haben und die alten Weißrückengeier, Wächter der Toten seit über hundert Millionen Jahren, die ausgemerzt wurden. Die Geier starben an Diclofenac-Vergiftung. Diclofenac, Rinder-Aspirin, das den Kühen verabreicht wird, um die Muskeln zu entspannen, Schmerzen zu lindern und die Milchproduktion zu erhöhen, wirkt – wirkte – wie Nervengas auf die Weißrückengeier. Jede chemisch entspannte, milchproduzierende Kuh oder Büffelkuh, die starb, war vergiftete Geierbeute. Während die Kühe zu besseren Milchmaschinen wurden, während die Stadt mehr Eis, Karamell, Cornettos und Nogger Chocs aß und mehr Mango-Milchshakes trank, begannen die Geier, die Hälse hängen zu lassen, als wären sie müde und konnten einfach nicht wach bleiben. Silberfarbene Speichelbärte tropften aus ihren Schnäbeln, und einer nach dem anderen stürzte von dem Ast, auf dem der saß, tot.

Nur wenigen fiel das Aussterben der freundlichen alten Vögel auf. Es gab viel anderes, worauf man sich freuen konnte.

Dass sie eine gute Schriftstellerin ist, hat Arundhati Roy schon in ihrem ersten Roman Der Gott der kleinen Dinge bewiesen, doch in ihrem zweiten zeigt sie umso mehr, dass sie genial schreibt, beobachtet, die Sachen auf den Punkt bringt. So viel Klarheit, bei so einem verwirrten und komplizierten Thema ist selten jemandem gelungen.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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