„Na saksy” oder als Senioren-Betreuerin in Deutschland zu arbeiten

Saksy ist ein Kurzwort und bedeutete ursprünglich Sachsen. Dorthin fuhren im 19. Jh (oder gingen auch) Menschen aus den armen Gegenden Polens (es war ein Land, das es wohlbemerkt im 19. Jh gar nicht gab), um zu arbeiten. Na saksy, nach Sachsen. Wie viele andere Polinnen und Polen macht es auch unsere Autorin. In der modernen Version fährt sie schon seit Jahren na saksy. Sie hat darüber drei Bücher veröffentlicht. Małgorzata Behlert übersetzte ein paar Kapitel des letzten Buches ins Deutsche und schickte es zu Ullstein, Knaur, Piper, Fischer… Es kam noch keine Antwort.

Łucja Fice

Hinter dem Kristalglas

Das Buch beginnt mit einer ziemlich ungewöhnlichen Danksagung.

DANKSAGUNG

Unendlich dankbar bin ich Frau Krystyna Kamińska für ihre wertvollen Bemerkungen, die ich mir sehr zu Herzen genommen habe. Bedanken möchte ich mich selbstverständlich auch bei meinem Mann, der meine häuslichen Pflichten übernimmt, damit ich mich dem Schreiben widmen kann. Des Weiteren bei den drei deutschen Damen, deren Eltern ich betreut habe: Angelika Fortmann aus Duisburg, Monika Kaufmann aus Hackenhaim, Helga Rauss aus Kapsweyer und ihrer ganzen Familie. Ich wurde bei ihnen mit Liebe und Verständnis behandelt. Ich weinte nicht, was darüber zeugt, dass ich mich in edler Gesellschaft befand und dass meine mühevolle Arbeit gewürdigt wurde. Es kam zwar vor, dass wir bei ideologischen Gesprächen nicht immer derselben Meinung waren, das macht aber nichts. Es geht ja darum, dass man sich „schön unterscheidet”. Ich begriff, dass wir alle Europäer sind. Dank der Achtung, die Ihr mir entgegengebracht habt und dank Eurer Geduld, mir die deutsche Sprache beizubringen, hat sich meine Meinung über Euch, die Deutschen total verändert. Und in der Vergangenheit war es unterschiedlich. Meine historisch zu rechtfertigende Abneigung stammte noch aus dem elterlichen Haus und aus der Schulzeit. Es sind alte Zeiten, die zum Glück nie wieder kommen werden. Heute beobachte ich die jungen, einander freundlich gesinnte Menschen und… ich finde es schön. So wurde ich auch und habe es Euch zu verdanken.

PROLOG

In Deutschland fühle ich mich wie in der Schule, wo man mir das Bügeln, Einräumen, Saubermachen, Putzen und Kochen aufs Neue beibringt, aber diesmal auf Deutsch. Die Häuser, in welchen ich arbeite, dienen mir als Vergrößerungsgläser, mit welchen ich die letzten Lebenstage meiner Schützlinge beobachte. Ich entdecke immer diesen Fremden in mir. In vielen Häusern fühlte ich mich wie ein Schatten, den die Familie einfach passierte, ohne ihn wahrzunehmen, jedoch habe ich überall die Spuren meiner Arbeit zurückgelassen. Momentan klettere ich immer noch nach oben und versuche, den Weg nicht zu verfehlen. Ich sehe mich um. Sehe Spuren vor mir und hinter mir. Nach fünf Jahren Arbeitstourismus in Deutschland fühle ich mich wie ein abgebranntes Stück Kohle. Meine Wärme schenkte ich den Alten, den Leidenden. Die Notwendigkeit, Geld für ein würdiges Leben zu verdienen, hat meinen Charakter geschliffen. Ich weiß! Meine Taten haben keine Bedeutung. Diese Reisen, um jemanden zu pflegen, waren auch Reisen ins UNBEKANNTE, denn ich bin immer nach etwas Neuem aus.

Meine Wanderungen durch die deutschen Länder, vom Norden nach Süden, sind wie das Suchen eines Brunnens am Ende der Welt. Ich möchte diese Welt bewundern. Reisen bilden nicht nur. Reise machen auch müde.

ILONA

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Irgendwo, im Unterbewusstsein hatte ich das Gefühl, als ob Ilona wüchse, zu einer anderen Ebene emporschweben würde und als ob meine warmen Wangen ihre Sehnsucht zum Schmelzen gebracht hätten. Ich hatte den Eindruck, sie wolle mir das Glück stehlen, von dem ich selbst gar nicht so viel hatte.

„Von wem ist das?”, fragte ich neugierig, als ich wieder zu mir kam. Sie schien in diesem Moment viel älter, lebensmüde, ermattet, gealtert zu sein.

„Gabi! So belesen, wie du bist, schon nach den Büchern auf der Bank urteilend. Hast du nie von Goethe gehört?”

Ich war baff. Musste mich konzentrieren. Ich wusste nun nicht, was ich von dieser Frau halten soll, aber das schönste an Menschen ist für mich, dass ich sie jeden Tag neu entdecken kann und niemals erfahre, wer sie wirklich sind. Ich liebe dieses Geheimnisvolle an den Menschen und die Überraschungen, die in ihnen verborgen liegen. Womit wird mich wohl diese Frau noch überraschen?

„Ich kenne ein anderes Gedicht von ihm”, revanchierte ich mich.

„Na, sag schon! Welches?”, sie schaute mich wie hypnotisiert an.

„Glaube mir, in jedem Menschen liegt ein schönes Wesen verborgen. In einem Lehmklümpchen verstecktes Goldklumpen.”

„Von wem stammt das?”, fragte Ilona neugierig.

„Du kennst Goethe und diesen schönen Spruch kennst du nicht?“

Ilona dachte nach, als wäre sie mit diesem schönen Wesen, das sie in sich trug, eines geworden. Ich schubste sie.

„Das tut och weh!” Der starke Schubs, den ich ihr verpasst habe, hat sie auf die Erde zurückgebracht.

„Wir gehen zu Adolf.”

„Wer ist den dass?”, fragte ich.

„Das ist die Kneipe von diesem Kerl, von dem ich dir erzählte. Geschlafen habe ich noch nicht mit ihm, aber eines Tages, wenn ich mir einen ansaufe, werde ich ihn ran nehmen. Was soll’s? Ich hatte so viele Kolben in mir drin, dann verkrafte ich auch ihn.”

Ich entgegnete nichts, ließ es kommentarlos stehen. Ich begann, mich vor dieser Bekanntschaft zu fürchten, langsam bereute ich es, diese Frau überhaupt kennengelernt zu haben.

„Was liest du denn da, du Dussel? Hast du nichts Besseres zu tun?” Sie warf die Bücher um sich, als seien es verdorbene Fleischsstücke. Sie schenkte sich wieder ein und trank alles in einem Schluck, während ich nur nippte.

„Warum schleppst du diese dicken Wälzer mit? Erstens sind sie schwer und zweitens brauchen sie viel Platz.”

„Wieso? Magst du die dünnen, ballaststoffreichen lieber?”, fragte ich etwas gereizt.

„Nicht ganz. Aber ich ziehe den Inhalt der Form vor.”

„Also Krimis?”

„Also auch Schmöker”, lachte Ilona höhnisch, dann wurde sie aber ernst und korrigierte sich schnell.

„Da mag ich Dostojewski lieber. Ist wenigstens Schonkostliteratur und keine schweren, fetten Fosters, kein literarischer Brei.”

Meine Meinung über diese Frau schwenkte voll um. Wer ist sie? Jetzt war es die einzige Frage, die ich mir stellte.

Unerwartet ließ sie mich wissen, dass sie über großes Wissen verfügt und ich war verblüfft. Wo mag sie es denn gewonnen haben? In dem Augenblick, als ich traurig, stutzig und argwöhnisch war, sprühte sie vor Verachtung für alles. Irgendetwas Unerklärbares steckte in ihr.

„Trink doch, zum Teufel! Lass uns gehen!” Ihre schrille Stimme ging mir auf die Nerven.

Ich fühle mit allen Sinnen, wie ihre Aggression und Unduldsamkeit tosen. Mir schien, sie macht mich gleich zum Plasma. Manche müssen gar nicht sprechen, man erkennt schon an ihrer Denkweise, dass sie schrecklich lispeln.

„Ich gehe und sage der Omi, dass ich mit einer Freundin aus Polen ausgehe, vielleicht kann sie’s verstehen.”

Ich kam lächelnd zurück. „Ich hab’ eine Stunde!” Ich rieb mir vor Freude die Hände.

Ilona ließ ihr Rad vor dem Haus stehen. Ich lief ihr hinterher. Ihr dichtes, schwarz gefärbtes Haar war hinten mit Spangen und Haarklemmen festgehalten. Sie trug einen Top mit Nudelträgern und einen Minirock. Ihren Hals schmückten Perlen und Anhänger, die teils ins Dekolletee rutschten und teils auf ihrem Rücken landeten. Am rechten Unterarm klirrte eine Armreifenkollektion.

„Billiger Schmuck, billige Person”, dachte ich insgeheim. Woher kam die denn angeflogen? Diese Anhänger passten zu ihr, ungefähr wie der Sattel zu einer Kuh. Ich hätte beinahe laut losgelacht. Das Glas Wein hat mich erheitert.

Gut, dass es solche Menschen gibt, sie machen die Welt bunter. „Vielleicht bin ich auch anders, nur will ich das nicht zeigen? Ich achte auf Prinzipien und guten Ruf. Vielleicht bin unnatürlich, vielleicht täusche ich was vor, vielleicht möchte ich so hemmungslos sein, wie diese Frau”, spann ich meine Gedanken weiter.

Nein! So ist es nicht! Ich mag mich und auch wenn nicht alles echt ist, mag ich diese Trugbilder und ich werde mit diesen Trugbildern sterben. Ich latschte Ilona wie ein zahmes Lahm nach. Wir betraten das Lokal. An den Tischen saßen rund ein dutzend Personen, sie aßen, tranken und lachten laut, wie es die Deutschen halt tun. Wir setzten uns an einen freien Tisch. Ilona kramte einen Kamm hervor, löste ihr Haar auf und kämmte es. Die Spangen und Klemmen breitete sie auf dem Tisch aus. Es kam mir vor, als wolle sie auf diese banale Weise ihre Überlegenheit über die anderen Gäste zeigen. Ich sah die merkwürdigen Blicke, mit welchen der Barkeeper die Polin bedachte. Er hatte rotes, gekräuseltes Haar und blaue Augen, muskulöse, sehnige Arme und war nicht älter als fünfunddreißig. Er erinnerte mich an Nero. Um einen seiner Vorderarme wand sich eine Schlange. Mit diesem Tattoo sah er wie ein von einem Plakat heruntergekratzter Bodybuilder aus. Er machte keinen guten Eindruck auf mich. Er zog Ilona mit seinen betatschenden Blicken aus. Als sie so breitbeinig dasaß, wurde ihr kurzer Rock noch kürzer, so dass man ihren Slip sehen konnte. Sie schaukelte unbefangen auf dem Stuhl, zog ihren Rock noch höher und exhibierte ihre Oberschenkel. Dann zog sie ihre Bluse aus. Sie hatte ein schmuckes Korsett darunter, aus dem ihre großen, vanilleeisähnlichen Brüste hervorquollen. Durch den Wein ermuntert, wurde sie vom wilden Begehren gepackt. Sie schaute die Gäste an, als sei sie sicher, dass sie bewundert werde. Ich saß reglos da und wartete nur darauf, dass sie mir Referenzen über ihre Sexualität abverlangt. Ich schaute zum Barkeeper hin. Er stand wie hypnotisiert da und geiferte wie der Pawlowsche Hund.

„Zwei Bier bitte und Kaffee für mein Freundin und zwei Flaschen Wein, roten Wein.”

Der Barkeeper winkte ein junges Mädchen heran, das im Nu an unserem Tisch erschien.

„Ich zahle. Ich hab’ dem Alten fünfzig Euro abgerungen, fuck. Eigentlich wollte ich’s meinen Töchtern schicken, die sollen sich aber verpissen und selbst ihr Leben meistern, wie ich einst”, sagte sie auf Polnisch.

Sie begann von ihrer Jugend, von der kranken Mutter und vom Vater zu erzählen, der nie ausnüchterte. Sie sprach laut und brach immer wieder in Gelächter aus. Der Deutsche vom Tisch gegenüber schielte auch gierig unter ihren Rock. Die jungen Gäste grinsten vielsagend. Ich versuchte unverbal kenntlich zu machen, dass ich nicht dazugehöre, dass ich rein zufällig hier bin. Ilona war bereits volltrunken, sie schoss wie die Dicke Bertha mit fetten Wortgranaten umher, sie schimpfte auf das Leben und auf diesen ganzen Pflegescheiß, gestikulierte, krempelte ihren Rock hoch, entblößte ihren Busen. Es wurde peinlich. Nach den wenigen Weingläsern, die ich intus hatte, fühlte ich mich nicht betrunken, aber ich war schon angetütert und für mich war Ilona ein obszöner Regenwurm, an dem die Augen aller Kneipengäste kleben bleiben.

„Schau nur zu, Gabi, wie diese deutschen Psychos uns beobachten, als hätten sie nie eine besoffene und ausgezogene Frau gesehen, ha, ha, ha, ha… Ich will jetzt nur noch lachen. Saufen und lachen.” Sie stand auf und straffte ihren viel zu kurz geratenen Rock. Die Augen der Männer am Nebentisch waren voller wallender Begierde.

„Na, ihr Guten? Noch nie Kleopatra gesehen?”, diesmal sprach Ilona Deutsch. „Eure Frauen, eure Geliebten und die dicken Berthas, die euch überhaupt nicht anmachen… Na, wer will mich denn? Ich lecke euch alle ab und… sie streifte das Korsett weiter runter und entblößte ihren Busen ganz. Das Verhalten Ilonas, ihre ganze Säufermanier, von ihren vulgären Sprüchen abgesehen, war einfach widerwärtig.

„Ilona! Ich muss jetzt nach Hause!”, sagte ich etwas verlegen. Ich fühlte nicht nur Scham, ich hatte auch Angst davor, was gleich passieren könnte. Außerdem fühlte ich mich öffentlich gedemütigt, am liebsten wäre ich zu einem Krümelchen zusammengeschrumpft. Ilona drehte sich betrunken um ihre eigene Achse, schrie etwas auf Polnisch und hielt ihre nackten Brüste mit den Händen zusammen. „Hört einmal zu, ihr deutschen Psychos, den wir, Polinnen, die Ärsche putzen, wenn ihr alt werdet, deutsche Scheiße einatmen und eure Buden sauber halten, ihr… ihr… deutschen Versager. Guckt euch meine Freundin an, eine Polin, sie tut wie eine Heilige und lässt sich von euren Landsleuten für schäbige tausend Euro manipulieren, … ha, ha, ha.”

„Soll ich das auch deutsch wiederholen?”, schrie sie aus voller Kehle Richtung Theke.

„Ilonka! Lass uns hier verschwinden, hab’ Erbarmen!”, flehte ich sie an.

„Wohin? Schlafen? Ich schlafe nicht, ich flattere über den Erdball, hin und her. Hört zu, ihr Deutschen! Diese Pflegerin muss zurück in irgendjemandes Haus, in ein Gefängnis”, schrie sie auf Deutsch. „Ich muss nichts, ich scheiße auf alles“. Sie setzte sich kurz auf den Stuhl, weil ihre Beine versagten, sie wankte. Sie benahm sich, als wolle sie unbedingt einen Skandal heraufbeschwören.

„Hei! Gabi!”, grölte sie. Die Gäste guckten erschrocken. „Diese Alten tun doch mit dir, was sie wollen. Du tust mir leid, dass du dich so herumkommandieren lässt. Mich wird keiner manipulieren. Ich tu, was ich zu tun habe und die Abende gehören mir.”

Ich schrumpfte regelrecht zusammen. Ich fühlte mich wie Plasma, übrig blieben nur Moleküle. Ich wollte hier raus. Ilona saß vor mir wie ein unheimliches Wesen aus dem Kosmos, wie ein Alien, lachend und gallebittersten Sarkasmus versprühend. So erschien sie mir jedenfalls. Ich nahm an, sie hat sowieso nicht alles gesagt. Während sie lachte und diesen dämlichen „Vortrag” hielt, analysierte ich im Hinterkopf die Lage und ordnete meine von ihr durcheinandergebrachten Gedanken. Eigentlich wollte ich nichts sagen, trotzdem schoss es aus mir heraus:

„Weißt du was? Du bis widerwärtig. Du hast den Deutschen zu verstehen gegeben, dass du eine Spermabüchse bist und eine Fotze anstatt Gehirn hast. Wir gehen nach Hause!”

„Ach so! Und deine alte Fotze ist ein Geschwür. Keiner zeigt Interesse für dich!”, zischte sie wie eine Schlange, die zufrieden ist, dass sie ihre Beute lahmlegen konnte.

„Noch ein Wort und ich verpasse dir eine perfekte Tracheotomie”, ich sparte auch nicht mehr mit Worten.

Diese wenigen Worte waren ein genialer taktischer Zug, denn obwohl sie mich mit einem Lurchblick anschaute, habe ich mein Ziel erreicht. Sie schrak auf. Trotz der Demütigung warf ich ihr einen besorgten Blick zu und schaute mich im Raum um. Das Blut wich langsam von meinem Gesicht. Ich spürte die Spannung der Gäste. Bis Ilona meiner Bitte folgte, vergingen etwa zehn Sekunden. Ich schaute zum Barkeeper. In seinen Pupillen lag keine wallende Begierde mehr, sie sprühten vor Zorn. Er rief jemanden vom Handy an. Sicherlich die Polizei. Ich wusste nicht, ob ich bleiben oder fliehen soll, bis ich begriff, wie hoffnungslos die Lage war. Ich verachtete diese Frau, obwohl ich vermutlich dem kläglichsten Augenblick ihres Lebens beiwohnte.

Ich lief ihr nach. Sie hielt eine Weinflasche unterm Arm, zappelte und zitterte merkwürdig am ganzen Körper. Ich lief ihr hinterher. Plötzlich fiel die Flasche auf den Boden und rollte klirrend die Treppe herunter. Ich drehte mich um und breitete meine Arme aus. Ich wollte die Deutschen auf diese Weise wissen lassen, dass ich keine Schuld trage. Ilona taumelte und fiel gleich hinter der Tür hin. Sie hielt sich am Geländer fest, versuchte ihren Körper hoch zu hieven und sich aufzurichten. Das Geräusch reißenden Stoffes machte mich sofort frisch. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass meine Sprache oder mein Gang verraten, dass ich auch angetrunken bin. Ich bemühte mich also, auf der Treppe stramm zu stehen. Der Adrenalinspiegel in meinen Venen war so hoch, dass er den Schmerz Ilonas hätte lindern können. Ein Junger Deutscher trat aus der Kneipe und brüllte:

„Ruft die Polizei! Wer ist denn diese Frau?”

Ich versuchte, Ilona festzuhalten, aber sie entglitt meinen Händen wie ein Spulwurm. Das, was da drin geschehen ist, war Beleidigung pur, für mich und für alle Anwesenden. Ein wenig an das Verhalten meiner Landsleute im Ausland gewöhnt, fasste ich mich wieder und sah Ilona nach einem Augenblick nicht als einen Vampir an, sondern als eine Frau, die ihre Ängste mit Alkohol zu heilen versuchte, die im Trinken nach Halt suchte. Ich begriff, dass ihr Auftritt, dieses Schauspiel, Selbstverteidigung war. Oder vielmehr eine Verteidigung vor sich selbst. Ilona stand auf. Ihr Rock war zerrissen, ihr Knie wund. Das schäbige Schauspiel war vorbei.

„Wie kommst du jetzt nach Hause? Du kannst doch nicht aufs Rad steigen!”, ich bemühte mich, meine Aggression im Zaum zu halten und ruhig zu sprechen.

„Belehre mich nicht, blöde Kuh!”

Ich schwieg. Ich hatte Angst, etwas zu sagen. Ich erklärte es mir so, dass die dunklen Aspekte des Lebens verschiedene Reaktionen hervorrufen. Ein Glück, dass sie mich nicht anzubellen begann. Ich lächelte zaghaft und wusste, dass das Trinken einen unendlichen Schmerz dieser Frau lindert. Wir bogen in eine Gasse ein. Ilona konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die Gegend sah um diese Uhrzeit nicht besonders verlockend aus. Ich fasste sie am Arm. Sie begann abwechselnd zu quasseln und schweinische polnische Lider zu singen. Für mich klangen alle Laute, die aus ihrer Kehle kamen wie pures Lallen. Ich sagte nichts. Nur so konnte ich ihren Angriff vermeiden. Wir waren angekommen. Ich sah Elvira am Fenster stehen. Sie schrie: „Ich lasse dich nicht rein. Alle Türen sind abgeschlossen.” Ich sah, wie sie von diesem rot beleuchteten Fenster auf die betrunkene Ilona herunterschaut, als sähe sie den Teufel selbst. Ilona stieg auf ihr Fahrrad und fuhr im Zickzack weg. Und mir gelang es, irgendwie in den zweiten Stock zu schleichen.

Am nächsten Morgen, beim Frühstück sagte Elvira höhnisch: „Das Säufergeschrei war fürchterlich, zum Erschrecken. Super Freundinnen hast du da.”


Während einer Buchpräsentation (auf Polnisch) spielten Schauspielerinnen vom Osterwa-Theater in Gorzów (Landsberg an der Warthe) eine kurze Szene aus dem obigen Kapitel. Bogumiła Jędrzejczyk als Gabriela und Beata Chorążykiewicz als Ilona. Gorzów, 7. November 2017.

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Polska pisarka w Berlinie
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