Na Saksy 3 – Und wieder ein Besuch bei den Reichen

Łucja Fice

Ilona

Ich bog von der Strasse ab, die mich jeden Tag in die Maisfelder führte, das war mein ritueller Spaziergang. Dann machte ich doch einen Abstecher und ging zu Ilona. Ich wollte mit jemandem polnisch sprechen, auch wenn’s der Teufel selbst sein sollte. Immerhin hat mich Ilona zum erneuten Besuch eingeladen. An diesem Tag dachte ich überhaupt viel an sie, irgendwie gab es eine Ebene, die uns verband. Ich fühlte mehr, als ich wusste, dass ich sie besuchen muss.

Ich ging durch die Gartenpforte hinein. Die Haustüren standen weit offen. Der Ingenieur saß im Sessel und rauchte. Er war traurig, niedergedrückt und irgendwie älter, als an dem Tag, als ich ihn kennenlernte. Die Tür zu Ilonas Zimmer war auf. Ich schaute hinein. Ilona schlief tief, mit einer Weinflasche in der Hand.

„Hallo, Ilona!” Ich musste schreien, der ihr Radio war voll aufgedreht. Sie wachte auf und setzte sich hin.
„Ach, du bist das! Shit, wozu bist du denn hergekommen? Na gut! Wenn du schon da bist, kann ich dich ja kaum fortjagen. Weißt du was? Ich bin heute besoffen, wie ‚ne alte Nutte.” Sie guckte mich mit einem melancholischen, mädchenhaften Lächeln an und fragte: „Willst du auch?”
„Mach’ mir bitte einen Kaffee.”

Ilona versuchte aufzustehen, sie wankte, sie kam einfach nicht ins Gleichgewicht.

„Scheiße, hilf mir doch!” Ich musste sie festhalten, sonst würde sie umfallen. Ich glaubte meinen Augen nicht.
„Ich hab’ getrunken, weil ich dieses Leben einfach satt habe. Ich will nach Hause, zu meiner Familie! Ich will vergessen, dass ich hier bin! Was soll dieses beschissene Leben hier überhaupt?”

Als ich die Worte nach HAUSE hörte, durchzuckte mich ein merkwürdiger Krampf. Ich fühlte einen entfernten Geruch, oder vielleicht nur eine Emanation, etwas im Sinne der Erinnerung an bestimmte Dinge, die das Wort ZUHAUSE ausmachen.

„Damit du etwas zu meckern hast!” Mir kam nur das in den Sinn.
Bis du aber klug. Wie Thales von Milet.”
Nein! dachte ich, wie eine Klobrille aus Ebonit.
„Hast du etwas von Thales gelesen?” wagte ich zu fragen.
„Nein! Nur ‚Omelette’.” Sie lachte spöttisch. Ich half ihr beim aufstehen. Sie lief wankend zum Schreibtisch, worauf ein Kreuz mit Jesus stand. Sie nahm ihn und begann ihn zu küssen.
„Jesus wird mich erlösen. Er starb für meine Sünden.”
„Niemand wird für dich sterben! Das tust du irgendwann von ganz alleine! Warum hast du dich so zugedröhnt? Du säufst während des Vertrags?”
„Ja. Ich kann es nicht erwarten, hier weg zu kommen.”
„Das ist kein schlechter Job hier, so wie ich es einschätzen kann.”
„Verpiss dich, du Stute! Wenn du nicht mit mir trinkst, kannste dich verziehen. Ich weiß selbst, was gut ist und was nicht.” Sie stellte sich theatralisch in Pose. „Wozu bist du hier angekrochen? Ich brauche deine Hilfe nicht.”

Auf ihr Gesicht krochen, neben die Falten, die sich beim wilden Gelächter in ihren Mundwinkeln bildeten, Spuren von Zynismus, die ihr Gesicht verzerrten. Plötzlich schlug sie einen anderen Ton an, als hätte sich ihr Charakter gewandelt.

„Gabi! Ich bin krank, ich löse mich in Alkohol auf. Ich möchte alles von mir abtrennen, abreißen. Ich möchte mich von meinem Namen, von meiner Biografie, von meinen Männern, von meinen Liebhabern befreien, mich von ihren riesigen Gliedern unabhängig machen, dass sie nicht mehr in mich reinschlüpfen. Gabi! Ich bin tief gefallen, in einem Doppelsalto ohne Sicherheitsnetz. In meinem Kopf dröhnen ‚Sobieski’ und ‚Chopin’*. Ich weiß, meine Klagen sind wie die Mühe eines Stotterers, ha, ha, ha, und mein Schädel reproduziert nur zerbrochene Stimmen und die räudige Geschichte meines Lebens. Meine Männer verplemperte ich in verschiedenen Ländern. Und ich bin, wo ich bin. Ich will nach HAUSE, nach Polen.”

In meinem Hirn herrschte vorübergehende Armut, ich versuchte meine Gedanken zu sammeln.

„Polen reist mit mir mit. Und hier, in Deutschland übe ich, in der Grätsche, Beharrlichkeit in der Sehnsucht nach HAUSE. Wenn ich aus Deutschland zurückkomme, begrüßt mich ein feierliches Polen, in einem eleganten Kostüm und teuren Schuhen. Zu Hause bin ich, genauso wie du, nur Gast. Ich ziehe die Schuhe aus, gehe hinein, bleibe ein bisschen wohnen und fahre wieder weg.”

Einen Moment lang war es still. Ich dachte über die triviale Beichte Ilonas nach. Sie machte mich verlegen. Nach einer Weile begann sie zu tanzen und irgendein deutsches Lied zu singen. Sie bewegte sich so phlegmatisch, als stecke sie im Pech. Ich dachte insgeheim, ich hätte noch nie so einem Kabarett zugesehen. Ich stand da mit zusammengepresstem Kiefer und sah sie giftig an. Ich schaute auf ihre großen Brüste. Sie hatte eine Trainingshose mit ausgebeulten Taschen und ein Trägertop an.

„Und wo ist Linda?”fragte ich besorgt.
„Noch im Bett. Was denn? Soll ich diese Leiche ins Zimmer bringen und so tun, als ob alles in Ordnung sei? Solche Leute sollte man nicht am Leben erhalten”. Das was sie sagte, klang auch besoffen.

Ich entgegnete nichts, da sie volltrunken war. Ihr Gesicht war purpurrot vor Jähzorn, die Augenbrauen formten sich zu einem V, aber ich glaubte trotzdem nicht, dass sie wirklich so denkt. In ihren dunkeln Augen sah ich Groll auf die Welt und ich rechtfertigte sogar ihre Gedanken, als ich sah, wie sich ihre Stimmung von Sekunde auf Sekunde änderte.

„Gabi! Ich packe es einfach nicht mehr”. Über ihr Gesicht rollten Tränen, wie bei einem kleinen Mädchen.

Ilona kam näher, umarmte mich und begann zu schluchzen. „Weißt du, was ich für Sorgen habe? Der Gerichtsvollzieher will mein Gehalt pfänden und meine Tochter hatte eine Klage wegen Rauschgift am Hals. Sie kriegte zehn Monate mit drei Jahren Bewährung, da sie jung ist und resozialisiert werden kann. Meine andere Tochter taugt auch nicht viel, aber beide arbeiten jetzt wenigstens.”

Ilona setzte sich wieder hin und kramte die nächste Flasche unterm Bett hervor. Sie war erstaunt, dass sie leer ist. Sie bückte sich noch einmal und holte diesmal eine volle hervor. Sie hielt sie zwischen den Knien, um den Korken rauszuziehen. Sie baumelte und keuchte dabei. Das war ein erbärmlicher und komischer Anblick zugleich.

„Du kannst mich wie eine Schlampe behandeln”, sagte sie mit einer Grimasse und setzte die Flasche an ihren Mund an, wie ein Säugling.
„Mein Gott! Wen habe ich da kennengelernt? Ein totaler Reinfall. Ich komme nie wieder her”, beschloss ich.

Ilona leerte die Flasche, warf sie auf den Boden und stand auf. Sie torkelte noch mehr. Das durch das Fenster einfallende Licht erhellte einen Teil ihres Gesichts, die breiten Augenbrauen und die hervorstehenden, hohen Wangenknochen. Ich stand wie erstarrt da.

„Komm, wir gehen zu der alten, die ist dreckig, riecht kaum nach deinem Chanel Nr. 5”. Ich lief ihr ins Schlafzimmer hinterher. Linda zog die Decke hoch. Stimmt! Der Geruch versprach nichts Gutes.
„Was machst du nun?” 
Ilona hüstelte. Sie schaute sich in dem Zimmer um, als wäre sie zum ersten Mal hier. „Ich warte, bis ich nüchtern bin. Der wird schon nichts passieren. Komm, wir holen eine neue Flasche. Ins Erdgeschoss, ich muss mich richtig zudröhnen.”
„Du bist doch schon zugedröhnt.”
„Du trinkst aber auch!”
„Warum musstest du dich dermaßen betrinken?”, wagte ich zu fragen.
„Zuerst habe ich mit dem Ingenieur Gin getrunken, das ist sein Lieblingsgesöff, dann irgendwelchen minderwertigen Sherry und dann, bereits auf meinem Zimmer mehrere Gläser Bordeaux aus den Vorräten des Hausherren und dann noch eine Flaschen von meinem billigen Gesöff.”
„Mein Gott, das ist ja eine Explosivmischung, stellte ich weise fest.
„Eben. Und das hat mir geschadet”, kicherte sie unnatürlich, als sei sie eine Hexe. Sie war ganz schön zu.

Sie führte mich durch die mit antiseptischem Bodenbelag ausgelegte Diele, dann über die marmorne Treppe in den Keller. Ich musste sie festhalten. Wir kamen in eine dunkle Kammer, wo neben Kühl- und Gefrierschränken verschiedene Gegenstände und Gartengeräte standen. Ilona öffnete mit Wucht einen der Kühlschränke und begann alles rauszuschmeißen. Tiefkühlkost, Schinken, Würste, Käse, Butter, Milch und Gott weiß, was noch. Sie knallte die Tür zu.
„Nimm, was du willst”. Sie reichte mir die Würste.
„Ilonka! Liebling! Tu das alles wieder rein!”
Ich versuchte alles, was sie auf den Boden schmiss, wieder einzusammeln. Ilona ging zum Weinregal, nahm eine Flasche und versuchte, den Korken rauszuziehen. Dafür reichte ihre Kraft aber nicht. Sie warf die Flasche heftig auf den Boden. Die Flasche zerbrach, der Inhalt floss raus. Ilona trat an den Tisch, wo das Werkzeug lag, Hammer, Nägel und anderes Gerümpel. Sie griff nach dem Hammer und begann, auf die Flaschen einzuhämmern, so dass sie zerbarsten. Der Wein breitete sich zu einem roten Fluss aus. Sie kniete sich auf den Boden und schleckte die rote Flüssigkeit.

„Hallo! Was tust du da?” Für einen Moment wurde es still. Ich stellte mir alle diese kleinen Wesen vor, die jetzt in den Ecken saßen, uns beobachteten und vor Angst zitterten. Ilona legte die Hände um ihren Kopf, als wollte sie ihn vor einem Schlag schützen.
„Mein Schädel platzt gleich. Hilf mir, aufzustehen!”
Ihre Worte klangen nicht nach einer Bitte. Es war ein Befehl. Sie drehte sich auf den Rücken. Ich sah, wie ihr die Tränen ihre Wangen runterrollen. Sie schluchzte hysterisch. Ich versuchte, sie zu beruhigen, sie schaute aber wieder auf die Flaschen. Plötzlich schien sie ernüchtert zu sein und versuchte wieder, vom Fußboden aufzustehen.
„Scheiße! Ich bin vollkommen okay!”
Ich dachte: „Das ist nur eine Vorstellung. Das geschieht nicht wirklich.”

Ich blätterte in meinem persönlichen Wörterbuch und stellte fest, dass ich das, was ich fühlte und sah, nicht benennen konnte. Die Armut der Sprache überraschte mich. Obwohl ich solche Begriffe, wie: eklig, widerlich, gemein, niederträchtig, verrückt… vorrätig hatte, dienten sie nicht zu ihrer Beschreibung, sondern nur zu ihrer Verurteilung. Ich fragte mich, wie es möglich ist, dass sie hier als Pflegerin arbeitet. Ilona hob ihren Kopf und blickte mich wie ein Mädchen an, dass zornig ist, weil es bei etwas ertappt wurde, was unschicklich ist. Ich half ihr beim Aufstehen, aber sie fiel wieder auf den Boden, steif, wie eine Puppe. Ich beschloss, dem Ingenieur Bescheid zu sagen. Ich drehte mich noch kurz um und sah, dass Ilona mich mit Wahn in den Augen anschaut, mühsam aufsteht und eine Flasche unter ihren Arm klemmt, als sei sie etwas besonders wertvolles. Über ihren Kopf sah ich eine Gewitterwolke. Sie schrie mit schriller Stimme: „Ich komme zu dir!”
„Gabi, komm zurück, ich hab’ mich eingepinkelt”.
„Du hast vermutlich dein eigenes Gehirn rausgepinkelt!”, schrie ich von der Treppe. Ich ekelte mich vor ihr und vor ihrem Zustand. Bevor ich im Erdgeschoss war, hörte ich Schritte hinter mir. Ilona schlich mühevoll die Treppe hoch.

***

Ich fand Hugo im Garten. Er saß mit traurigem Gesicht am Tisch und hielt ein Mundharmonika in der Hand. Mein Blick fiel auf die Vase mit Jasminzweigen. Als Hugo mich sah, führte er den Harmonika zum Mund und innerhalb weniger Sekunden begann das Instrument eine mir unbekannte Melodie zu leben. Sie schien jasminfarben zu sein. Ich stand einen Moment lang geschockt da. Ich zögerte und begann dann doch zu sprechen:
„Hugo! Ilona ist betrunken und zertrümmert die Weinflaschen.”
Der Harmonika an seinem Mund begann sich schneller zu bewegen, als wollte er meine Worte übertönen. Die Melodie vereinnahmte allmählich den ganzen Garten. Plötzlich hörte er auf und sah mir direkt in die Augen. In seinem Blick bemerkte ich Schwermut, Verzweiflung und, ich glaube, ein Geheimnis. Ich spürte, dass er es mit niemandem teilen will.
„Das ist nicht das erste Mal! Lass uns allein, Gabi! Komme morgen wieder.”
„Hugo! Warum entlässt du sie nicht? Rufe doch die Agentur an. Auf diese Stelle warten hunderte andere, verlässliche Pflegerinnen. Warum redest du nicht mit ihr? Warum säuft Ilona so?
Hugo hob die Brauen. „Wenn sie sich tot saufen will, soll sie’s möglichst bald tun”, erwiderte er und griff wieder nach dem Harmonika.

Ich verstand rein gar nichts davon. Als ich die Gleichgültigkeit dieses Mannes sah, beschloss ich, zu gehen. Je mehr ich die Situation in diesem Haus verstehen wollte, desto dümmer wurde ich.

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