Es fügte sich so…

Ewa Maria Slaska

Über die Zufälle

Ab und zu schrieb ich oder meine AutorInnen über Zufälle. Aber das Thema kehrt immer wieder zurück. Die Pragmatiker sagen, man lebe umgeben von sovielen Eindrücken, Items, Menschen, Ideen, Gedanken, Bildern oder Zahlen, dass IMMER irgendetwas zu irgendetwas anderen „passt”. Die Irrationalisten kontern, dass doch jeder von uns selber beweisen kann, dass ab und zu hintern den bizzarren Zufällen ein Sinn steckt, der für uns von Bedeutung ist  oder uns gar in unserem Leben weiter führt und neue Perspektiven öffnet. Es fügt sich, so zu sagen…

Diesmal fügte sich zuerst ein Telefongespräch mit einem Unbekannten.
„Mein Name ist Peter Kleinfeld”, sagte er auf Polnisch mit leichten deutschen Akzent. „Ich habe für sie eine Graphik von ihrer Mutter. Wollen Sie sie haben?”
„Ja”, sagte ich. „Klar will ich sie haben.”
Es war Mitte Dezember.
„Ist wunderbar”, sagte Herr Kleinfeld, „jetzt habe ich aber keine Zeit. Ich melde mich wieder im Januar”.

Er tat es. Wir trafen uns vorgestern, gingen im Fliegersiedlung spazieren, die voller Blumen war. Ich zeigte meinem Gast verwelkte, aber immer noch volle Blumen Sommerrosen,  Herbstaster, blühende Winterjasminsträuche und schon Frühling ansagende Winterlinge. Kaffee habe ich zuhause, wir kauften untwerwegs Milch und Berliner und gingen hoch in meine Wohnung.

Erst dann sah ich mir, was Peter (wir nannten uns noch Frau Slaska und Herr Kleinfeld) mir mitgebracht hat. Es war die alte Graphik meiner Mutter, Irena Kuran-Bogucka, eine der ersten schwarz-weissen grob gehauenen Holzschnitte. Vorher waren die Bilder, die Mama machte, entweder ja schon schwarz-weiss, sie wirkten aber eigentlich grau – es waren Stahlstiche und so wie die Technik es verlangt mit dichten dünnen Linien aufgebaut, oder waren sie schon Holzschnitte, aber immer noch mit sehr dünnen Linien gezeichnet und im weissgesprenkelten Hintergrund leuchtend hlellblau. Von der ersten Technik habe ich eigentlich in Erinnerung nur Mamas Diplomarbeit, ein Bild von ihr im Atelier, wo man diese Stahlstiche fertigte. Die blauen müssten mehrere gewesen sein, ich weiss aber heute nur noch von zwei, ein laubloser Baum in einer Schneelandschaft und die Treppen von Veliko Tarnovo, die älteste und hübscheste Stadt in Gebirgen Bulgariens. Jetzt erkenne ich die Treppen wieder, aber das Bild ist völlig anders, schwarz-weiß, mit breiten Meisel im weichen dicken Lindenbrett gehauen. Ich weiss es nicht, aber durch Wiederholung des Themas in einem anderem Metier komme ich an Gedanke, das es vielleict das erste Mal gewesen ist, dass Mama die neue Technik und neue Arbeitsweise benutzte. Danach sollte sie mindestens zwei Jahrzehnte so gearbeitet haben.

Peter und Ewa (wir dutzen uns schon) und dazwischen, hinter an der Wand das Bild Veliko Tarnovo.

Das ist mehr oder weniger diese Strasse:

Es bleibt natürlich zuerst unbeantwortet die Frage, woher Peter das Bild hat? Wir dutzen uns schon und sprechen abwechselnd Deutsch un Polnisch. Peters Polnisch ist erstaunlich gut, obwohl er die Sprache vor halbem Jahrhundert erlernt hat und seitdem selten benutzte. Um sich an das Treffen mit mir vorzubereiten las er vier Tage lang das einzige Polnische, was er zu Hand hatte und dies war ein Polnisches Büchlein: Rozmówki Polsko-Francuskie, eine aus kommunistischen Polen stammende Erfindung, kleine Bücher, die alle Rozmówki hiessen, Gespräche also in verschiedenen Sprachen, kleine Produkte der kommunistischen Buchindustrie, Sprachführer, die allesamt die rauhe Tatsache nicht beachten wollten, dass wir in der Volksrepublik Polen kaum wohin fahren dürften.

Das war in der DDR noch schlimmer. Es war das Jahr 1965, Peter, Geburtsjahr 1939, hat gerade sein Studium der Anglistik und Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin abgeschlossen und wollte per Anhalter nach Polen. Er kannte dort niemanden und auch die Sprache nicht, dazu noch per Anhalter, etwas was in Polen zu dieser Zeit absolut „in” war und Autostop hiess. Wir hatten sogar ein Lied darüber, gesungen von Karin Stanek, erster polnischen Sängerin, die sich von der Politik gar nichts machte. Jede vor uns wollte so sein wie sie.

Text versprach, dass man per Anhalter in ganz Europa fahren konnte. Es war das Jahr 1963, ob Peter dank Karin Stanek nach Polen kam?
Weiß ich nicht und kann nicht nachfragen. Erst jetzt, als ich das schreibe, stelle ich fest, dass Peter zwar meine Adresse und Telefonnummer kennt, ich aber seine Contacting-Angaben nicht habe. Ich weiss nur, dass er weder Handy noch Internetzugang besitzt und irgendwo in der thüringischen Pampa wohnt. Und ist in Thüringen der Erste im 100-Meter-Lauf in seiner Alters-Klasse. Muss stimmen, fit ist er.

Bevor er nach Polen fuhr, fand man doch irgendein Kontakt dort. Die Familie wohnte in Sommerfeldsiedlung in Kleinmachnow und war, wie viele dort, antroposofisch im Sinne von Rudolf Steiner orientiert  (sind sie eigentlich bis heute). Dort kannte man einen polnischen Mathematik-Professor, Moren, der unter den gleichgesinnten polnischen Gärtner die antroposofischen Kalender verteilte. So kam der Junge unter die polnischen Antroposophen. Der Professor schickte ihn weiter zu Maria Hiszpanska-Neuman, selber Antroposophin, aber dazu noch Grafikerin und obendrein Freundin meiner Mutter. Daher gab es schon in diesem Blog zwei Beiträge über sie: HIER und HIER.

So hat es sich eben gefügt, dass Peter, den man schon in Warschau Piotr nannte und dem man schon einen Spitznamen zugab: Kot Poliglot, zu uns nach Danzig kam. „Kennst du mich? erinnerst du dich an mich?” fragt Piotr. Ich schaue ihn an und sehe nichts Familieres zu dem, was ich 1965 kannte. „Nee”, sag ich. Er war damals 26, ich 16 – ein Generationsunterschied. Er behauptet aber, er kann sich an mich erinnern und an meinen ersten Freund, Zygmunt. Ich entdecke ihn erst, als wir über komischen Sprachfehler sprechen, die jede macht, wenn er die fremde Sprache lernt. Ich erinnere mich an einen jungen Mann aus der DDR, der schon bißl Polnisch sprach und schönes Versprechen produzierte: statt na razie zu sagen, was „bis bald” bedeutet, sagte er zarazie – was im Dativ, Ansteckung ist.

Er kaufte sich tonnenweise Bücher, vor allem englische, die man bei uns im Klub Międzynarodowej Książki i Prasy kaufen konnte, dem Klub der Internationalen Presse-und Buch, aber auch in Antiquariat, und die in der DDR nie und nirgendwo z haben waren, und die Mauer stand schon da, dh. nach Westberlin konnte man schon auch nicht mehr. Als er nach Hause fuhr, packte er seine Reisetasche voll mit den English Books und deckte obendrauf nur sparsam mit der schmutzigen Wäsche. Eine Methode, die wir im Osten damals alle benutzten.

Als er wegfuhr, gab ihm meine Mama ihre Graphik, die ich jetzt, nach mehr als 50 Jahren, bekommen habe. Es fügte sich so…

So weit für heute, zarazie

 

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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