Reblog: Tunix

Wenn etwas, was du machst, plötzlich die Welt verändert…

Jacek Slaski: Interview mit Diethard Küster

Zitty Berlin

Am Anfang war Tunix

Eine linke Szene gab es in Deutschland schon vorher. Aber beim Treffen in Tunix, einem Kongress von Gruppen, Künstlern und Organisationen aus dem gesamten linken Spektrum, der zwischen dem 27. und 29. Januar 1978 an der Technischen Universität in West-Berlin stattfand, wurde die Alternativbewegung geboren. Wir sprachen mit dem Aktivisten und Filmemacher Diethard Küster, der damals zu den Organisatoren gehörte, über die politische Situation vor Tunix, Formen der Vernetzung, Hochschulpolitik, die Depression nach dem Deutschen Herbst und einen Urlaub in Schweden.

Herr Küster, Sie haben im Winter 1977 mit einigen Mitstreitern die Idee zum Tunix- Kongress gehabt, der dann vom 27. bis 29. Januar 1978 in der Technischen Universität stattfand. Tunix gilt heute als Geburtsstunde der deutschen Alternativbewegung. Sehen Sie das auch so?

Diethard Küster: Tunix war tatsächlich so eine Art Erweckungserlebnis, nicht nur für Spontis, sondern letztendlich auch für die gesamte Linke, und zwar bundesweit. Berlin war zu der Zeit eine ummauerte Insel, ein Mikrokosmos. Ein Ort, in dem Kommunikation gut funktionierte. Aber in den kleineren Städten und in der Provinz war das zu der Zeit noch anders. Die Leute, also die nicht-organisierten, undogmatischen Linken, lebten vereinzelt in Landkommunen oder in Städten mit an einer Hand abzählbaren Wohngemeinschaften. Nur Frankfurt war da ein bisschen weiter. An dem Wochenende von Tunix trafen diese Leute plötzlich auf unerwartet viele Gleichgesinnte und waren völlig fasziniert, dass es so viele davon gab. Bei dem Kongress, der eigentlich gar nicht unbedingt als Kongress geplant war, sondern als große Abschiedsparty von gescheiterten Träumen, wurde über alle Themen gesprochen, die zu der Zeit von Bedeutung waren oder es zu sein schienen: Psychiatrie, Presse, Knasthilfe, alternative Landwirtschaft, Stammheim, Frauenbewegung, bewaffneter Kampf, Alternativkultur, politische Organisation. Vorgaben gab es keine. Alles war möglich. Alles war erlaubt. Hier wurde die Gründung der „taz“ eingeleitet. Hier wurde der Grundstein für die Alternative Liste, heute Die Grünen, gelegt. Tunix war damit die Keimzelle für die erste linke Tageszeitung und die für erste linke Partei im Nachkriegs-Deutschland. Heute kann man sagen, dass Tunix gerade auch für die Weiterentwicklung und Organisierung der gesamten Ökologie-Szene ein Meilenstein war. Davor gab es Rhizome, einzelne Zellen, die kaum untereinander in Kontakt standen. Nach Tunix entwickelten sich Strukturen und Netzwerke, die zum ersten Mal auch auf nationaler Ebene miteinander verbunden waren. Ein neues Selbstbewusstsein entstand.

Sie selbst kamen 1972 nach West-Berlin. Wie sind Sie in diese Szene geraten?
Ich bin auf dem Gymnasium zwei Mal sitzengeblieben und habe erst 1972 Abitur gemacht. Einen Tag nach dem Abi bin ich nach West-Berlin gezogen. Ein paar Kumpels wohnten schon da und noch als Schüler trampte ich an den Wochenenden öfter von Dortmund per Anhalter nach Berlin, um sie zu besuchen. Ich kannte hier also nicht nur ein paar Leute, sondern auch die einschlägigen Kneipen. Das waren alles Szenekneipen. Und „die Szene“ war links zu der Zeit.

Freaks, Spontis, Stadtindianer: Tunix-Teilnehmer (aus zitty 12/78)
Foto: zitty-Archiv

In diesen linken Kneipen haben Sie sich dann politisiert?
Vorher schon. Ich lebte während meiner Kindheit und Jugend in Dortmund, einer Stadt, die Großstadt spielte, aber die Strukturen und eine Atmosphäre ­hatte wie ein kleines Dorf. In meinem Freundeskreis waren wir daher fasziniert von allem, was nach Rebellion, Rock’n’Roll und Veränderung roch. Und es war die Zeit des Vietnamkrieges. Ich habe damals im Fernsehen Rudi Dutschke gesehen, wie er in einem selbst gestrickten Pullover auf einem VW-Bus saß und die Revolution erklärte. Es war völlig klar, da wollte ich dabei sein. In Berlin ging’s ab, das war die große weite Welt. Scheißegal, ob Berlin eine eingemauerte Stadt war. Da tobte das Leben. In Dortmund gab’s nur die Borussia. Immerhin. Aber das reichte mir nicht.

»Als das Treffen in Tunix stattfand, war ich sieben Jahre alt und hatte gerade erst einen Deutschen Herbst nicht verstehen können, den alle Erwachsenen diskutierten. Heute kann ich vieles am Tunix-Treffen nicht oder nicht mehr verstehen – den öden Antiamerikanismus etwa oder die romantischen Bewegungsfantasien. Dennoch ist es zu einfach, sich über die damaligen Ideen lustig zu machen. Die guten Aspekte überwiegen – viele der dort vorgestellten oder geplanten Initiativen machen noch heute gute Arbeit, etwa das Netzwerk Selbsthilfe, die taz oder die Schule für Erwachsenenbildung, und auch für die queere Bewegung gingen entscheidende Impulse aus. Davon profitiere ich heute genauso wie all diejenigen, die eine liberale Gesellschaft schätzen, sich aber zugleich cool über die Geschichte stellen wollen. Die sollten langsam mal verstehen.«
Jörg Sundermeier, Verleger (Verbrecher Verlag)

Weshalb konnte sich die linke Szene in West-Berlin so stark entwickeln?
Das gesellschaftliche Phänomen war ja, dass es in Berlin nicht die klassischen soziologischen Strukturen einer Großstadt gab. Ein großer Teil der Bevölkerung mittleren Alters, also Menschen, die noch Pläne für ihr Leben hatten, ebenso wie Teile des wohlhabenderen Bürgertums, hatten nach Kriegsende, erst recht aber nach dem Bau der Mauer, die Stadt verlassen. Alle dachten, dass über kurz oder lang die Russen einmarschieren und den Laden übernehmen würden. Große und für die Stadt wirtschaftlich bedeutende Firmen – nicht nur Siemens – haben damals ihren Muttersitz aus der Stadt abgezogen. Die, die sich einen Umzug aus Berlin nicht leisten konnten, und die Alten sind geblieben. Dann – hauptsächlich, weil es in Berlin keine Wehrpflicht gab – kamen plötzlich die Jungen, die Freaks, die Künstler und Chaoten. Auch gab es in Berlin, anders als in Westdeutschland, keine Polizeistunde, ein nicht zu unterschätzender Grund. Und die Freie Universität war die Uni schlechthin zu der Zeit. Wer linke oder fortschrittliche Wissenschaften studieren wollte, ging an die FU. All das ergab diese verrückte Mischung: Punks und Lebenskünstler jeglicher Couleur hockten in der U-Bahn neben den mit Klunkern behangenen Wilmersdorfer Witwen in ihren Pelzen. Es sah oft wirklich so aus wie in den Comics von Gerhard Seyfried und es herrschte eine Toleranz und Liberalität wie es sie in Westdeutschland so nicht gab. Das betraf nicht die politischen, sondern mehr die sozialen Bereiche des Alltags.

Die zitty 3/78

»Tunix war eine Suff-Idee und keiner hat geahnt, dass es solche Ausmaße annehmen wird. Tunix hat eine Eigendynamik entwickelt. Und obwohl praktisch nichts gelaufen ist, ist ungeheuer viel passiert. Deshalb war nicht Brokdorf oder Grohnde, sondern Tunix der Wendepunkt.«

»Mich störte, dass es so einen Unicharakter hatte. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es ähnlich ist wie bei einem Uni-Streik. Ich stell mir das wesentlich besser im Sommer vor.«
Einschätzungen von Tunix-Teilnehmern aus Zitty 4/1978

Welche Orte, Gruppen oder Medien waren wichtig?
Vor „tip“ und „Zitty“ gab es nur den „Hobo“ als ­linke Stadtzeitschrift, daneben die Sponti-Blätter „Agit 883“ und für die eher intellektuelle Fraktion „Der Lange Marsch“. Mitte der Siebziger kam das „BuG-Info“, das „Info Berliner undogmatischer Gruppen“. Das war so ein hektografiertes Heftchen ohne Redaktion, das jede Woche montags herauskam und in den einschlägigen Kneipen verteilt wurde. Ein Leuchtturm dieser Kneipenkultur war zu der Zeit das Spektrum, eine nicht konzessionierte linksradikale Kneipe in Schöneberg, in der Coburger Straße. Man munkelt, bei der Entführung von Peter Lorenz durch die „Bewegung 2. Juni“ wechselten sich die Leute ab: Die einen bewachten ihn und die anderen waren in der Kneipe. Nachdem das Spektrum schließen musste, gründeten die Betreiber den Mehringhof in Kreuzberg. Einschlägige Kneipen gab es viele, mit den unterschiedlichsten Halbwertszeiten. In Charlottenburg spielte damals die Musik, noch nicht in Kreuzberg. Zum Beispiel im Zwiebelfisch oder in der Dicken Wirtin, wo nicht nur Baader, Ensslin und Horst Mahler bei Zigaretten, Bier, Schmalzstullen und den obligatorischen Diskussionen die Köpfe geraucht hatten. Oder das Terzo Mondo, wo Kostas, der Wirt, jeden Abend zu vorgerückter Stunde Gitarre spielte, manchmal sogar zusammen mit Mikis Theodorakis. Das war lange, bevor Kostas zum Folklore-Kasper in der „Lindenstraße“ wurde. Und dann gab’s den Dschungel.

»Ich erinnere mich an Daniel Cohn-Bendit, der da rumtobte, da habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Damals war ich gerade 21 Jahre und sehr kurz undogmatischer Linker. Am Abend war dann die große Party am Lützowplatz. Da war ein richtiges Bierzelt aufgebaut. Riesig. Mir kam das zu professionell vor. Auf der Party wollten dann einige von uns LSD nehmen. Ich war dagegen. Zu kalt, zu viele Leute. Mein bester Freund hat dann seinen Trip aus Versehen wieder ausgespuckt. Mein kleiner Bruder hat seinen aber genommen. Irgendwann war der dann verschwunden und ich habe ihn die halbe Nacht in Kreuzber­ger Kneipen gesucht. Ich hatte ja meinen Eltern versprochen, auf ihn aufzupassen.«
Christian Y. Schmidt, Autor, Journalist, ehemaliger Redakteur der „Titanic“

Der Dschungel war doch eine hedonistische Disco, in der es Kokain gab und wo David Bowie verkehrte.
Im Dschungel gab es nicht nur Drinks und Drogen. Schöne Menschen und weniger schöne, arme und reiche, sehr berühmte und völlig unbekannte, junge und alte. Dorthin kamen Schaubühnen-Schauspieler und Taxifahrer, elegant gekleidete Figuren nach einem Konzert in der Philharmonie, genauso wie abgerissene Punks aus Kreuzberg, Polit-Freaks und Musiker, die auf Tour in Berlin waren. Diese Zeit beschreibt übrigens Volker Hauptvogel in seinem Roman „Fleischers Blues“ sehr humorvoll und authentisch.

Leider darf hier nur soviel reblogged werden. Weiterlesen ist nur durch klicken an die sog paywall möglich. Oder beim Kaufen der E-Paper-Exemplar. Ich hoffe, in 2-3 Wochen die Möglichkeit zu bekommen, hier den ganzen Text zugänglich zu machen. Schau Mal wieder vorbei 🙂

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