Neue (junge) Prosa aus Berlin

Helena Kargol

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein

Sonder:
The realization that each random passerby is living a life as vivid and complex as your own.

August, 2017

Meine Geschichte beginnt im Sommer 2017… falsch, das ist gelogen! Meine Geschichte beginnt Juni 1998, da erblickte ich zum ersten mal das Tageslicht, doch auch dies ist nicht der Anfang meines Daseins, denn es ist nicht mein Verdienst, dass ich auf dieser Welt bin.

Ihr denkt bestimmt, nun es sei die Leistung meiner Eltern, doch auch das sind nur zwei Menschen mit unterschiedlichen Gonosomen. Es sind zwei verschiedengeschlechtliche Individuen, die sich durch einen Zufall kennengelernt haben, sich anziehend fanden und so daraus ein Kind entstanden ist.

Fragt ihr euch manchmal was passieren würde, wenn eine Sache in der Vergangenheit anders verlaufen wäre, ob es euch dann überhaupt geben würde? Ob diese einzigartige Mischung von Genen und Atomen, was ihr als euer „Ich“ kennt, überhaupt lebendig wäre?

Was wäre, wenn meine Urgroßmutter auf ihre Mutter gehört hätte und nicht in die große Stadt gezogen wäre und dort nie ihre große Liebe kennengelernt hätte, was wäre, wenn nicht meine Oma, sondern ein anderes Kind von dem lieben Großstadtpaar adoptiert worden wäre, was wäre wenn meine Mutter an diesem Abend nicht auf diese Party gegangen wäre …

Schicksal ist eine lustige Sache …

So ist es wohl Schicksal, dass ich an diesem heißen Augusttag schwitzend in einem der hässlichsten Kleider, welches je meinen Körper umhüllte, in unserem Familienferienhaus in Polen stand.

Ich sah aus wie ein Hobbit … nein, wie ein fetter Hobbit. Fakt ist, man könnte mich neben ein Schweinchen im Tütü stellen und man hätte Schwierigkeiten den Unterschied zu erkennen. In der Mitte wurde ich mit einem blauen Band umgebunden, sodass ich wie ein Geschenk aussah und der Inhalt war mein Fett, welches sich an meinem unteren Bauch festsetzte.

Wer bestellt auch „One size“ Brautjungfernkleider und erwartet, dass jede Frau gut aussieht? Es tut mir leid, dass ich nicht so viel Zeit wie gelangweilte Dorfmädchen habe, um mich um meine Figur und mein Aussehen zu kümmern und es tut mir Leid, dass beide meine Eltern klein sind und ich aus irgendeinem Grund noch kleiner bin und es tut mir leid, dass ich von einem Auto angefahren wurde und nun meine Füße nach fünf Minuten in Highheels wehtun.

Ich rollte mit den Augen uns biss mir auf die Zunge, seit wann war ich denn so oberflächlich und beschäftigte mich mit trivialen Sachen wie Schönheit?

Eine Sache, welche wir in unserem Leben mit Gewissheit festhalten können, alles was in unserem Leben passiert, ist auf der Langstrecke egal. Es gibt tausende Studien darüber, in wie vielen Millionen von Jahren die Menschenrasse aussterben wird. Wir wissen zwar nicht, ob es so durch unsere selbstzerstörerische Art passiert, durch eine Naturerscheinung oder eine weiterentwickelte Spezies, die ihren Weg zur Erde findet und uns wie Abfall ins All wirft. Wir wissen jedoch, dass die Menschheit nicht für die Ewigkeit ist. Für mich klingt es sehr erstrebenswert, Gleichgültigkeit als mein Lebensmotto anzunehmen, doch zu meinem Bedauern hat das Menschenwesen einen großen Defekt, welcher als „Gefühle“ bekannt ist. Bevor jetzt jemand mit den Augen rollt und meint „sie sagt das ja nur, weil sie von einem Typen verletzt wurde“. Nein, das ist nicht der Fall, ich sehe das größere Bild.

Wieso funktioniert das politische System des Kommunismus nur in der Theorie? Ein Prinzip in dem jeder Mensch die gleichen Rechte, den gleichen Besitz, einen festen Arbeitsplatz hätte … hätte hätte Fahrradkette. Die Bevölkerung leidet unter dem Streben nach Ansehen, jeder will besser sein als der andere und das resultiert, indem das Glück der Einen auf dem Unglück der Anderen beruht. Und wieso sind wir so? Weil wir die Sklaven der Chemie sind, welche unseren Körper steuert. Ein andauernder Wechsel von Serotonin, Dopamin, Adrenalin, Cortisol. Hormone, die mich davon hindern alles aufzugeben und den Rest meines Lebens im Bett zu verbringen. Sie bringen mich dazu mein Leben mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen durchzustehen. Sie hindern mich daran, mein Aussehen wirklich als egal anzusehen, denn ich strebe danach, dass wenn ich mich schon selbst nicht schön finde, es jemand anders tut, es mir sagt und meine Nerven Dopamin ausschütteln und ich dieses angestrebte Glücksgefühl spüre. Doch mehr als Chemie ist das nicht.

Mein Körper hat natürlich auch viele andere Defekte, wie eine wunderbare unerforschte Immunschwäche, eine Unterentwicklung der Muskelstruktur, Übergelenkigkeit und Unverträglichkeit von Laktoseprodukten. Aber all dieses ist für mich mehr überschaubar und erträglicher als „Gefühle“.

Ich holte tief Luft und setzte mich aufs Bett. Seit vier Jahren war ich nicht mehr in diesem Haus gewesen, seit drei Jahren habe ich meine Cousine Daria nicht mehr gesehen und trotzdem war ich ein Teil ihrer Hochzeit. Als wir klein waren verbrachte ich jede Ferien mit ihr in diesem Haus, wir redeten über unsere Zukunft und schworen, dass wir uns zusammen ein Haus kaufen würden, welches an der Grenze zwischen Polen und Deutschland liegen würde, wir würden Kinder zur gleichen Zeit bekommen, welche selbstverständlich beste Freunde sein würden, wie auch unsere Ehemänner…Wir verbrachten Stunden, sogar Nächte, indem wir Ikea Kataloge auf dem Dachboden zerschnitten und unser perfektes Leben planten.

Doch dann passierte es! Die Pubertät. Der Albtraum aller Eltern, wie es manche sagen, welche die, die Pubertät schon durchgestanden haben. Das ist kompletter Schwachsinn. Denn der schlimmste Albtraum ist es für einen selbst. Als Elternteil hat man bereits seine eigene Pubertät durchlebt und man möge es nicht glauben, aber anscheint können Eltern die plötzlichen emotionalen Ausbrüche nachvollziehen. Doch man selbst ist komplett planlos. Man ist jemand und glaubt zu meinen man will diese Person sein, doch eigentlich will man diese Person nicht sein und irgendwo tief im Inneren weiß man das auch. Es ist schwer zu verstehen, aber man steckt drei Jahre lang in einer Identitätskrise. Aber keine Sorge auch das ist alles nur Chemie. Der Defekt des Menschen.

Und wer war ich? Ich war eine Bitch! Das fasst es ziemlich gut zusammen. Und jetzt kommt das schockierende: Die Pubertät waren die besten Jahre meines Lebens. Einmal in meinem Leben war ich nicht ich. Ich habe mich nie besser gefühlt als mit 15. Ich liebte jede Party, jeden Drink, jeden Jungen, jedes Mädchen….

Doch zurück zu meiner Cousine, um welche sich ja der heutige Tag dreht.

Ich fühlte mich als Berliner Stadtkind einem polnischen Dorfmädchen überlegen. Mir kam es als liege mir die Welt zu Füßen und ich müsste nichts mehr tun als die Hand ausstrecken. Daria schien für mich, wie gefangen in einem Käfig. Sie war immer so anständig, kümmerte sich um ihre kleinen Geschwister, schmiss den Haushalt, als ihre Eltern in der Arbeit waren. Sie war immer ordentlich angezogen, ihre Nägel perfekt gemacht und gut in der Schule war sie auch noch. Ich meinte immer wieder, dass sie loslassen sollte, locker werden und bisschen feiern müsste. Ich wusste schon früher, dass es für sie keine Option war mit all der Verantwortung, welche sie trug, so ein Leben wie ich zu führen. Ich gab ihr diese „Lebenstipps“ trotzdem, da ich sie eifersüchtig machen wollte (hab ja schon gesagt, dass ich eine Bitch war). Was mir nicht bewusst war, ist, dass sie so ein Leben auch nicht wollte. Als sie vor 6 Jahren ihren „in 5 Stunden“ Ehemann kennenlernte, zerbrach unsere unzertrennliche Freundschaft. Ich werde es nie laut sagen, aber sie hatte was, was ich nicht hatte, etwas wofür ich sie beneiden würde und das zerstörte meine Welt, denn ich sollte, doch die sein, die zu beneiden war. Ich ließ mich noch paar mal im Ferienhaus blicken, da meine Eltern noch die Macht hatten, darüber zu bestimmen, wo ich meine Zeit verbrachte, doch unser Geflüster auf dem Dachboden verwandelte sich in nichts bedeuteten Small Talk.

Die Wahrheit ist, dass ich mit meinen fast 20 Jahren nichts erreicht habe. Ich habe mein Abitur dieses Jahr bestanden, aber ehrlich gesagt schafft das heutzutage fast jeder. Gestern habe ich bestätigt Bioinformatik an der Freien Universität zu studieren, aber bevor ich damit möglicherweise in einem positiven futuristischen Szenario erfolgreich werde, wird das noch zehn Jahre dauern. Zehn Jahre in denen ich arm, gestresst und verwirrt bin. Wahrscheinlich würde ich bis dahin immer noch in dem Gästezimmer meiner Schwester wohnen.

Meine Cousine würde in paar Stunden einen Ehemann haben, der kein Abitur gemacht hat, was ich mit meinen fünfzehn Jahren, als sehr schlechte Entscheidungen angesehen habe, doch nun war er Maurer, verdiente seit drei Jahren festes Gehalt und konnte sich und meiner Cousine ein Grundstück kaufen und ein Haus bauen. Meine Cousine würde ab Oktober Pädagogik studieren, doch im Gegensatz zu mir müsste sie sich keine Sorgen über ihre Zukunft machen, denn heute würde ihr jemand das Versprechen geben für immer für sie dazusein und ja ich betrachte die Möglichkeit der Scheidung ebenfalls, auch dort würde sie mit Unterhaltzahlung umsorgt werden. Nun schien es, als wäre nicht mehr sie, sondern ich in dem imaginären Käfig von Verantwortungen gefangen.

Tatsächlich fühlte sich dieses Kleid an, als ob ich gefangen wäre, es presste meine Brüste an meinen Brustkorb und ich konnte kaum atmen. Dabei sahen meine Arme aus wie zwei Wiener Würstchen. Meine Dehnungsstreifen konnte man an meinen Oberschenkeln von hinten sehen und ihre Farbe komplementierte sich wunderbar mit der des Kleides.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Neue (junge) Prosa aus Berlin

  1. tibor pisze:

    besitz macht träge, ruhig und stolz… zehn jahre erscheinen in deinem alter als ewigkeitl, aber es lohnt sich diese pläckeraien zu ertragen; weil es nichts schöneres gibt als von den weisen zu lernen;

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