Wir alle altern…

Ewa Maria Slaska

und die Kunst ist, dabei interessant auszusehen

Wir alle altern im Laufe unseres Lebens. Man ist trotzdem versucht, den Prozess zu verlangsamen, dass das Altern so sanft wie möglich vonstatten geht, dass man auch im fortgeschrittenen Alter gut aussieht und sich wohl und fit fühlt. Es gibt Tausende Ratschläge, wie dies zu erreichen wäre. Man behauptet, dass Menschen mit festen Tagesabläufen und Ritualen, die sich in ihrem leben sicher und geborgen fühlen, länger und besser leben. Mag sein, dennoch besteht in der Routine auch die Gefahr der Langenweile. Es soll also ratsam sein, täglich ein paar Sachen anders zu machen als gewöhnlich. Zum Beispiel Zähne mit links putzen, wenn man dazu gewöhnlich immer die rechte Hand benutzt. Auch mag sein. Aber ist Zähneputzen genügend Abwechslung, um uns jung zu halten?

Eine der schönsten Theorie, die ich diesbezüglich fand, fand ich ausgerechnet in einem Warteraum eines Krankenhaus, wo ich wegen Diagnose, Behandlung, OP-Termin und dergleichen stundenlang sitzen müsste. Unter den obligatorischen Stapel der vom Lesezirkel der Ärzte angebotenen Zeitschriften, die sich zwischen Gala und Spiegel bewegen, die allesamt nach ein paar Stunden durchblättern langweilen (Lebbensverkürzung!), als ich schon weder mein Handy noch mein mitgebrachtes Buch ausstehen konnte, fand ich eine wunderbare originelle nie gesehene anziehende Glanzzeitschrift aus Berlin mit so einem Coverbild, dass ich fast umgefallen bin von Entzücken. Es war Clique, Das Magazin im Süden Berlins, eine Zeitschrift herausgegebener von einer Gruppe… Hier gerate ich im Zweifeln, weil ich weder vom Magazin, noch von der Internetseite, noch vom Fanpage auf dem Facebook, klug bin, was für Menschen sind es, die sich in dieser Clique vor genau 10 Jahren zusammen gemacht haben. Ältere, Wohlhabende, Interessierte, Gleichgesinnte…? Solche, die ihr Interesse für gutes Altern, sich in eine originelle Weise ausdrückt? Weiss ich nicht, aber egal… mir geht es nicht um sie, sondern zuerst nur um dieses Bild:

Es ist die Nummer 1/2018 erschienen am 8. April 2018

Ich schnappe mir gierieg die glänzende Zeitschrift (obowhl ich normalerweise ungern die glänzende Dinge lese, wegen der Ökologie und des Lebensstils, und…). Britt Kanja, lese ich. Keine Ahnung wer Britt Kanja ist. Britt Kanja, eine Elfe… Interview mit einer Elfe. Ich weiss es nicht, gefällt mir dieses Wort „Elfe” oder verabscheue ich es schon. Ist eine alte Frau eine Elfe? Komme ich zurück in die Welt von Anne Shirley aus Avonlea, die ich als junges Mädchen (wie wir alle in kommunistischen Polen) geliebt und auch später sie mir immer wieder in schweren Lebenskrisen zum Trost geholt habe? Oder bin ich angewidert von der Vorstellungen der älteren Frauen mit ihrer coquetten Lächeln als eine Elfe, was ich als Erniedrigung empfinde? Aber ich schiebe meine Zweifeln weg, was will ich? Das Bild ist fantastisch! Diese alte Frau, dieses Kleid, dieser üppige Schmuck, die Handschuhe! Dabei ist dieses Kleid senffarben, eine unglückliche Farbe, die aber in dieser Kombination…

And dann, drinne, im Anmacher des Interviews mit ihr finde ich einen Satz, der mich regelrecht umhaut: Das Aussehen, das gute Look, ist wichtig und verlängert Leben. Bella figura… Das ist sie zweifellos.

Das Aussehen verlängert das Leben. Was für eine Haltung! Dieser Satz, diese Meinung von Britt, bildet den einzigen Sinn dieses Beitrags, der Rest ist nur schöner Schmuck, türkisfarbene Handschuhe zum Senffarbenen Kleid.

Im Interview wird noch ein Foto von Britt Kanja veröffentlicht.

Ein Vogel auf dem Hut! Brrr! Ist er echt? Das Kleid gelb, auch eine Farbe, die en masse und in solcher Schrilligkeit ein Unglück sein kann, aber die Frau ist gemacht, wie selten eine. So viel Mut beim Kleiden haben die sehr junge Cosplayer in Japan, aber eine alte Frau fast nie. Mutig, mutig. Mutig und interessant. Aber tatsächlich coquett. Zu coquett für meine Bedürfnisse.

Jetzt, beim Recherchieren, finde ich, dass Britt Kanja schon immer eine Berliner Elfe genannt wurde. Sie war eine Partygröße des Berliner Nachtlebens und wichtigste Party-Elfe der Stadt, die exzessives Nachtleben mit Champagnerpartys und Tabledancer führte. Ein sozialer Schmetterling, eine Stil-Ikone, eine Legende Berlins. Also jeder weiss, nur ich nicht…

Britt Kanja ist eine der schillernderen Figuren dieses Lebens in Berlin, seitdem sie in den späten achtziger Jahren gemeinsam mit Bob Young die „Tanzstelle” an verschiedenen Orten in Berlin inszenierte, bis sich das Geschehen schließlich im 90 Grad in der Schöneberger Dennewitzstraße etablierte. Britt war nie Mitinhaberin. Eigentlich war das 90 Grad nur als Provisorium gedacht, für drei Monate. Doch dann entwickelte sich der neue Club so heftig, dass schon bald eine Institution daraus wurde. Bob Young hat dem 90 Grad längst den Rücken gekehrt. Vor knapp zwei Jahren haben die beiden Hamburger Nils Heiliger und Frank Schulze-Hagenest den Laden übernommen, lassen Ariane Sommer auf dem Tresen tanzen und Edel-Partys veranstalten. Britt Kanja ist bis heute dem Club treu geblieben und gibt dort allmonatlich die Gastgeberin für Freitags-Partys, die bei Clubgästen die Erinnerungen an das „alte” 90 Grad wach hält.

Schrieb im Tagespiegel Alexander Pajevic zum 50. Geburtstag der Schauspielerin (heute ist sie 67, ein Jahr jünger als ich…)

Sie lebt allein in einer vollgestellten Wohnung voller Putten und Buddhas in Charlottenburg; in ihrem Wohnzimmer mit Kanapee und Chaiselongue ist der Dielenboden gold lackiert. Auch das wohl ein eher ungewöhnliches Ambiente für eine fast Fünfzigjährige – aber auch ein Kennzeichen für ihren ungewöhnlicher Lebensweg.

Und so weiter… Man findet Massenweisse Informationen über sie im Internet…

Und noch etwas zum Ergänzen der Lebensphilosofie von Britt Kanja. Bei dem Rescherchieren finde ich noch eine Regel: Der Lebensstil ist bei dem Ältern wichtiger als Gene!

Wer hätte gedacht, dass schrille Vögel besser dran sein werden als die tüchtige Ameisen!


Komischerweise, wie es in (meinem) Leben oft so ist, finde ich gleich danach auf der Strasse ein Roman Die Begierde nach Wissen (1989) von Margaret Drabble, die wir alle kannten, weil wir alle ihr erstes Buch The Garrick Year (1964) gelesen haben. Und was schreibt die Drabble gerade in der zweiten Szene? Es ist 2. Januar 1987, ein Freitag, ein Feiertag auch. Susie Enderby hat gerade ihr neues Kleid angezogen, eigentlich eine Kombination, was auch immer dieses Wort in der zweiten Hälfte der Achzigern bedeutete:

Heute abend hatte Susie, um sich aufzuheitern, ihre senffarbene Kombination angezogen, aber das hatte sie nicht gerade fröhlicher gestimmt. Sie warf sich hin und wieder, um sich aufzumuntern, einen Blick in den geschickt ausgerichteten dreiteiligen Spiegel über den Kaminsims aus Marmorimitat. (…) Senf war ein schöner Farbton. Und dann dieses trockene, seidene, knisternde Material. Sie strich sich über den Ärmel. Bernstein würde gut zu Senf passen. Das künstliche Kaminfeuer glühte.

Es ist 40 Jahre später. Die Errungenschaften der Menschheit sind nicht mehr künstliche  Kaminsimse und Feuer, sonder künstliche Intelligenz. Und frau wird auf keinen Fall den Bernstein zu Senf tragen, sondern Türkis. Aber sicherlich Imitat, was jetzt Modeschmuck heißt.

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Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Wir alle altern…

  1. Anne Schmidt pisze:

    Liebe Ewa,

    Du hattest mich gebeten, etwas über meine Marokko-Reise zu schreiben, Dazu fehlte mir der Drive; vielleicht war es die mitgebrachte Krankheit, die mich plötzlich altersschwach machte und an Siechtum denken ließ.

    Dein Essay über diese Berliner Party-Elfe, Britt Kanja, hat in mir den vitalen Widerspruch ausgelöst, den ich gegenüber Kunstfiguren, die ihre Eigeninszenierung als Lebensinhalt betrachten, wieder erweckt. Sie erinnert mich an Nancy Reagan und an Maud ohne Harold. Trotz aller Farbenpracht von Kleidung und Schmuck sehe ich in ihrem Gesicht nur Tod.

    Am meisten hat mich ihr Vogelhut angezogen , denn er weckt in mir die Erinnerungen an eine junge, bildschöne Modistin, die ihre zauberhaften Gespinste am Strand von Zoppot anbot, Hütchen wie sie Prinzessin Kate trägt, die klein und fein wie ein Praline seitlich am Kopf sitzen.

    In diesem Jahr fahre ich wieder nach Zoppot und hoffe inständig, dass die junge Frau wieder mit ihren Schöpfungen an der Strandpromenade stehen wird. Dieses Mal würde ich mich von ihr überreden lassen, eines dieser Träumchen aus Stroh.

    Tüll und Federn zu erwerben.  Ich bin sicher, es würde mein Leben bunter machen und mich jedes Mal, wenn ich es anschaue, verjüngen.

    Anne

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