Irena-Sendler-Jahr 2018

Menschenleben retten ist Pflicht und keine Heldentat

Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Besuch bei Irena Sendler am 26. 12. 2005 in Warschau: mit Anna Mieszkowska und Manfred Wolff.

Am 12. Mai 2008 starb in Warschau Irena Sendler, eine Frau, die heute weltweit als Heldin verehrt wird, deren Namen Schulen, Straßen und Parks tragen, eine Frau, die mit höchsten polnischen und israelischen Auszeichnungen bedacht und die 2007 und 2008 für den Friedensnobelpreis nominiert wurde.
An den Rollstuhl gefesselt – eine Folge ihrer Folterungen durch die Gestapo im berüchtigten Pawiak-Gefängnis im von den Deutschen besetzten Warschau im Herbst 1943 –, wurde ihr am Ende ihres Lebens, als sie ihr kleines Zimmer im Warschauer Pflegeheim der Barmherzigen Brüder nicht mehr verlassen, geschweige denn reisen konnte, das Interesse der Öffentlichkeit zuteil. Ihre Erlebnisse und ihre außerordentliche Haltung während des Zweiten Weltkriegs blieben lange Zeit im Verborgenen, denn sie habe nur ihre Pflicht getan und wollte darüber keine Worte verlieren. Dass ihre Geschichte, die Geschichte einer mutigen Frau, die zur Rettung von 2500 jüdischen Kindern und etlichen Erwachsenen aus dem Warschauer Ghetto beigetragen hatte, öffentlich bekannt wurde, verdankte sie vier Schülerinnen aus der 300-Seelen-Gemeinde Uniontown im amerikanischen Bundesstaat Kansas, die Ende der 90er Jahre im Rahmen einer Projektarbeit herausgefunden haben, dass sie während der Naziherrschaft doppelt so vielen Juden das Leben rettete als Oskar Schindler. Darüber verfassten sie den zehnminütigen Einakter „Life in a Jar“ (Das Leben im Glas), der sich bis heute großer
Popularität erfreut, vieltausendmal aufgeführt wurde und noch immer aufgeführt wird. Als sie erfuhren, dass ihre Heldin in Warschau lebt, besuchten sie sie dort zum ersten Mal 2001, was das Interesse der polnischen Medien auf die mutige Polin lenkte, sodass sie ihre Geschichte an die Öffentlichkeit brachten. 2003 lernte die polnische Theaterwissenschaftlerin und Autorin Anna Mieszkowska Irena Sendler kennen. Das war eine schicksalhafte Begegnung: Zehn Monate lang trafen sie sich fast jeden Tag und Irena erzählte Anna ihr Leben. 2004 wurde im Warschauer Verlag Muza das Buch „Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto“ veröffentlicht. Dank Anna Mieszkowska, deren Sendler-Biografie mein Mann Manfred Wolff und ich 2006 für die DVA ins Deutsche übersetzt hatten, lernten wir Irena kennen und konnten sie einige Male in Warschau besuchen. Anna Mieszkowska und ich hatten die Gelegenheit, das Leben und die Taten dieser außerordentlichen Frau Erwachsenen und Jugendlichen unter anderem in Leipzig, Detmold, Düsseldorf, Berlin, Unterwaltersdorf (Österreich), Wien, Nürnberg, München, Stuttgart, Stockholm, im
belgischen St. Vith, Kelmis, Eupen und Brüssel vorzustellen. Die über zwanzig Lesungen, zu denen Hunderte von Menschen erschienen, dauerten nicht selten über drei Stunden und könnten noch länger sein, denn das Interesse an dieser mutigen, bescheidenen Frau war ungebrochen. Am 19. April 2009 strahlte die CBS den Film „The Courageous Heart Of Irena Sendler“ aus, dem Mieszkowskas Buch zugrunde lag, den über acht Millionen Zuschauer in den Vereinigten Staaten sahen. Am 1. Mai 2009 wurde nach Irena Sendler eine vom Niederländer Jan Ligthart gezüchtete Tulpenart benannt, am 4. Mai 2009 wurde ihr in Berlin posthum der Audrey Hepburn Humanitarian Award verliehen. Und das
Jahr 2018 wurde vom polnischen Parlament in Gedenken an ihren zehnten Todestag zum IrenaSendler-Jahr erklärt.

Irena Sendler am 26.12. 2005 im Pflegeheim der Barmherzigen Brüder in Warschau.

Liebe, Demut und Toleranz

Die am 15. Februar 1910 in Warschau geborene Irena Krzyżanowska stammte aus einer
patriotischen, sozialdemokratischen polnischen Familie. Ihre Eltern brachten ihr bei, dass man die Menschen nur in gute und schlechte einteilt und dass Herkunft, Religion und Hautfarbe dabei keine Rolle spielen. „Einem Ertrinkenden muss man die Hand reichen“, lernte sie von ihrem Vater, der als Arzt vor allem Arme behandelte, sich von einem Patienten mit Typhus ansteckte und starb, als Irena sieben Jahre alt war. Liebe, Demut und Toleranz waren die drei Grundsätze, denen sie immer treu blieb. Irena Sendler war zeit ihres Lebens eine sozial engagierte Frau, die sich bereits im Vorkriegspolen – als Mitarbeiterin des Sozialamts im Warschauer Magistrat – für die Rechte alleinerziehender Müttern von unehelichen Kindern einsetzte. Gleich nach dem Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs im September 1939 gründete sie mit anderen zehn Kolleginnen und einem Kollegen vom Warschauer Sozialamt eine Untergrundorganisation, die den Juden zu Hilfe eilte, obwohl die Deutschen in Polen, im Gegensatz zu den anderen besetzten Ländern, die kleinste, einem Juden geleistete Hilfe mit dem Tod bestraften. Angesichts des Elends der Kinder im Warschauer Ghetto, das von den deutschen Besatzungsbehörden im Herbst 1940 als „jüdischer Sperrbezirk“ errichtet wurde, in dem eine halbe Million Menschen, darunter viele Freundinnen und Freunde Irenas, unter unvorstellbaren Bedingungen zusammengepfercht leben mussten, begann sie unter dem Decknamen Schwester Jolanta und mit einem Passierschein, der ihr jederzeit freien Zutritt zum Ghetto ermöglichte, diese Kinder auf zum Teil abenteuerlichen Wegen – in Säcken und Kartons – auf die „arische Seite“ zu schleusen, um sie vor dem sicheren Tod im Vernichtungslager Treblinka zu retten. Die Kinder erhielten eine neue Identität und wurden in polnischen Familien, Waisenhäusern oder Klöstern untergebracht. Ihre Namen notierte sie auf dünnen Papierstreifen und versteckte sie in einem Einmachglas unter einem Apfelbaum im Garten. Das war Irena Sendlers Liste, jenes „Leben im Glas“, wo die Vergangenheit der geretteten Kinder bewahrt wurde, sodass sie sich nach dem Krieg wieder ihrer wahren Identität vergewissern und den Weg zu ihrer Angehörigen finden konnten.

Sean H. Ferrer (r.), Sohn von Audrey Hepburn, überreicht am 4. Mai. 2009 in Berlin dem Botschafter der Republik Polen, Dr. Marek Prawda, den Audrey Hepburn Humanitarian Award 2009 posthum für Irena Sendler

Im Herbst 1943 wurde Irena Sendler von der Gestapo verhaftet und zum Tod verurteilt. Trotz schrecklichster Folterungen gab sie keinen Namen preis, auch nicht, um ihr Leben zu retten. Durch Bestechung eines Gestapobeamten, der sie von der Liste der Todeskandidatinnen entfernte, kam sie frei und lebte bis zum Ende des Kriegs in verschiedenen Verstecken, da sie von den Deutschen gesucht wurde. Sie gab aber ihre Arbeit nicht auf und half als Leiterin des Kinderreferats des Judenhilferats Żegota in
Warschau, der Finanzmittel des polnischen Untergrundstaates an die verfolgten Juden verteilte, den jüdischen Kindern weiter.

Anna Mieszkowska, Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto, DVA, 2006

Beeindruckende Zivilcourage
„Die Rettung der jüdischen Kinder war meine Pflicht und keine Heldentat. Sie war die Berechtigung meiner Existenz. Mein Vater brachte mir nämlich bei, dass man den Schwachen und Gefährdeten helfen muss. Wenn sich damals deutsche Kinder in einer solchen Situation befänden wie die jüdischen Kinder, hätte ich ihnen auch geholfen“, sagte Irena Sendler. Sie war sehr darüber erfreut, dass ihre Biografie in Deutschland erschien und verfolgte mit Spannung die Resonanz darauf.
„Ständig höre ich das Echo, das der Inhalt des Buchs ‘Die Mutter der Holocaust-Kinder’ in
Deutschland hervorruft“, schrieb sie mir am 27. Februar 2008. „Mit Frau Mieszkowska sind wir zum Schluss gekommen, dass Ihre Übersetzung besser gefällt und mehr Interesse weckt, als das Buch in Polen.“ Und tatsächlich war das Interesse an Irena Sendler im deutschsprachigen Raum enorm. Vor allem Jugendliche waren von ihrer Zivilcourage beeindruckt. An den Lesungen, die in Deutschland, Österreich und in Belgien stattfanden, beteiligten sich Hunderte von Schülerinnen und Schülern, alleine an den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens über 500! Daraus entwickelten sich langfristige Projekte, die von Jugendlichen initiiert und durchgeführt wurden. So geschehen an
der Robert-Jungk-Oberschule in Berlin, deren Lehrerinnen und Schülerinnen im Februar 2008 nach Warschau reisten, um Irena Sendler zu besuchen, und ihre Eindrücke in einer multimedialen Präsentation festhielten; die im Juli 2007 eingeweihte Irena-Sendler-Schule im bayerischen Hohenroth, die erste Irena-Sendler-Schule weltweit, deren Schülerinnen und Schüler zur Eröffnung eine große Ausstellung ihrer Patronin organisierten und deren Rektorinnen im September 2007 einen Apfelbaum im Park vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau pflanzten; das Theaterstück „Tor zum Leben. Die Rettung von 2500 Kindern aus dem Warschauer Ghetto“, dargestellt von geistig
behinderten Schülern und Schülerinnen aus Deutschland (Bodelschwingh-Schule in Soest), Polen (Zespół Szkół im. Aleksandra Kamińskiego in Strzelce Opolskie) und Israel (Morasha School in Netanya) sowie die Projektarbeit „Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto“, an der drei Schulklassen des César-Franck-Athenäums in Kelmis in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens sieben Monate lang arbeiteten. Über 50 Schülerinnen und Schüler, darunter viele Muslime, beschrieben jede Straße und jede Person, die in diesem Buch vorkommen und versammelten die Ergebnisse ihrer Arbeit in einer beeindruckenden
Ausstellung, die bis Mitte Mai 2009 in ihrer Schule besichtigt werden konnte.
Im November 2010 wurden zwei weitere Schulen in Deutschland nach Irena Sendler benannt: in Hamburg-Wellingsbüttel und in Euskirchen.

Irena Sendler am 11. 09. 2007 im Pflegeheim der Barmherzigen Brüder in Warschau.

Vorbild für viele Menschen

„Irena Sendler war eine Frau, die anderen das Leben rettete und nicht an sich selbst dachte“, fassten die Schülerinnen und Schüler des CFA Kelmis ihre Erkenntnisse, die sie während der Projektarbeit gewonnen haben, zusammen. „Irena Sendler wurde durch das Buch ‘Die Mutter der Holocaust-Kinder’ weltweit bekannt und einige gerettete Kinder erfuhren so, dass sie noch lebt. Es ist schade, dass sie erst so spät berühmt wurde. Wir kannten Irena Sendler vorher gar nicht. Wir wussten auch nicht, wie ein Ghetto aussieht und wie unmenschlich Menschen sich verhalten können. Irena Sendler hatte viele Helfer, die ihr bei der Kinderrettung halfen. Was Irena Sendler gemacht hat, war Zivilcourage.
Heutzutage gibt es auch viele sozial engagierte Menschen, die Menschen helfen, aber sie riskieren nicht ihr eigenes Leben. Uns hat dieses Projekt die Erfahrung gebracht, jeden Krieg vermeiden zu wollen. Wenn man Streit hat, soll man darüber reden oder sich gegenseitig ignorieren. Wir wissen jetzt auch viel mehr über den Krieg, Irena Sendler und die anderen Helfer. Irena Sendler kann stolz auf ihre menschliche Würde sein. Sie ist ein Vorbild für viele andere Menschen.“

Ja, das stimmt: Irena Sendler vertrat Werte, die sie dazu veranlassten, auch in Zeiten größter Menschenverachtung, die zur Menschenvernichtung führte, die Menschlichkeit zu bewahren und zu verteidigen. Irena Sendler hat mit ihrem ganzen Leben bewiesen, dass man auch in fürchterlichsten Zeiten Gutes tun muss, weil das die Pflicht eines jeden anständigen Menschen ist. Und das bleibt gültig – über ihren Tod hinaus.

Mehr Infos unter:
www.irenasendler.org (Englisch)
http://roksendlerowej.pl/ (Rok Ireny Sendlerowej)


Unsere Autorin, Urszula Usakowska-Wolff wird am 2. September Irena Sendler im Café Regenbogenfabrik vorstellen. Dazu schrieb sie:

Irena Sendler, die Retterin der Kinder aus dem Warschauer Ghetto

Vortrag von Urszula Usakowska-Wolff aus Anlass des Irena-Sendler-Jahres 2018

Am 12. Mai 2008 starb in Warschau im Alter von 98 Jahren Irena Sendler, eine Frau, die heute nicht nur in Polen als Heldin verehrt wir. Erst am Ende ihres Lebens wurde bekannt, dass sie unter dem Decknamen Schwester Jolanta zusammen mit einem von ihr gegründeten und vorwiegend aus Frauen bestehenden Netzwerk hunderte von jüdischen Kindern aus dem Warschauer Ghetto gerettet, mit falschen Papieren versorgt und in polnischen Familien, Waisenhäusern und Klöstern untergebracht hatte. Als die Gestapo sie im Herbst 1943 verhaftete und folterte, gab sie keinen Namen preis. Sie wurde zum Tode verurteilt, doch sie konnte unmittelbar vor der Vollstreckung der Todesstrafe fliehen. Irena Sendlers fast unbekannte Geschichte schrieb 2003 Anna Mieszkowska auf und veröffentliche sie in einem Warschauer Verlag. 2006 erschien ihre „Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto“ betitelte Biografie in der DVA. Die Übersetzer Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff lernten Irena Sendler 2005 kennen und besuchten sie mehrere Male in Warschau. Obwohl sie unter der Folgen der Gestapo-Folter zu leiden hatte und auf einen Rollstuhl angewiesen war, strahlte sie Wärme und Bescheidenheit aus. Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, welche Taten ein Mensch mit Zivilcourage auch in den schrecklichsten Zeiten vollbringen kann. „Die Rettung der jüdischen Kinder war meine Pflicht und keine Heldentat. Mein Vater brachte mir nämlich bei, dass man den Schwachen und Gefährdeten unabhängig von Herkunft, Nationalität oder Religion helfen muss. Wenn sich damals deutsche Kinder in einer solchen Situation befänden wie die jüdischen Kinder, hätte ich ihnen auch geholfen“, betonte Irena Sendler.

***
Urszula Usakowska-Wolff, 1954 in Warschau geboren, studierte Germanistik an den Universität Bukarest und Warschau. Die Journalistin, Autorin und Kuratorin lebt seit 1986 in Deutschland, zuletzt in Berlin. Sie übersetzte zahlreiche Bücher aus dem Polnischen, darunter Lyrik von Erna Rosenstein, Geneowefa Jakubowska-Fijałkowska und Jan Goczoł sowie Prosa von Artur Sandauer. 2009 gab sie ihre Gedichte „Perverse Verse“ im Pop Verlag heraus.

Mehr Infos unter:
www.kunstdunst.com
https://urszulausakowskawolff.wordpress.com/

Reklamy

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Urszula Usakowska-Wolff i oznaczony tagami , , , , . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Wyloguj /  Zmień )

Zdjęcie na Google+

Komentujesz korzystając z konta Google+. Wyloguj /  Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Wyloguj /  Zmień )

Zdjęcie na Facebooku

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Wyloguj /  Zmień )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.