aus dem zyklus „tod im tegel”

Tibor Jagielski

johanssen

1,

seine größte stunde kam an einem samstag
punkt zwanzig uhr übertrug das fernsehen der ddr
ein kessel buntes aus dem friedrichstadtpalast
und er kniete auf der mitte der bühne
vor der mirelle mathieu

in seiner ückermarkischen geburtsstadt saß in diesem moment
vor jetwedem empfänger
fast jeder
nur ein zum fernsehverbot verdonnerter arrestierter der dortigen volkspolizeiwache
sowie das notaufnahmekollektiv
das brav auf kommando
– aber fluchend –
die zentrale und das schwarzweiss gerät
– wo gerade die grosse weite welt
in der vertretung der wunderbarsten beine des mikrokosmos
zu schwingen begann –
verlassen musste
(weil irgendein idiot einen unfall gebaut hat)
konnten es nicht
nein
hautnah erfahren:
dass johannsen
es geschafft hat

ja
er steppte in dieser stunde um sein leben
und warf seine tanzpartnerin fünf centimeter höher als gewöhnlich
und kaschierte einen schrittfehler von katja ebstein mit einem grandiosen spagat
(gleichzeitig sein hut so werfend, dass er in seine hand zurückkam…)
er spielte einfach hinreißend
bis seine mutter vor der mattscheibe zu weinen begann

was konnte ein stockschwuler von märkischer heide
damals
in dem land der arbeiter und bauern
mehr erreichen

dazu:
eigene wohnung in der hauptstadt
mal tournee durch feindliches ausland
schuhe von salamander
oder amerikanische jeans
vielleicht morgen eine datscha in der ruppiner schweiz
beziehungsweise an der usedomer riviera

doch es kam anders
2,

ein vierteljahrhundert später
lag seine verkohle leiche am bett
er wurde erdrosselt
die wohnung ausgeraubt und dann angezündet
von einem mann den er zu lieben glaubte

3,

als ich ihn zum ersten mal traf
war er schon unten
arbeitete als raumpfleger in einer sklavenfirma
und putzte vor meiner tür
my fair lady pfeifend
ständig auf der suche nach der entschwundener jugend
wie ein ton auf der sternleiter
der unermüdlichen begierde

19 08 11

XXV SEPTEMBER

zuletzt schleppte sich eitelberg auf das dach und sprang in die tiefe
er lebte im siebten stock und unter seiner loggia wuchsen die zwergkiefern
er wollte auf nummer sicher gehen, darum erklomm er
mit letzter kraft die sechs etagen und stürzte sich
auf die betonplatten; genau dort wo siebenhundert bewohner des hauses tagein tagaus
vorbeigehen; einen monat lang trat aus den poren des steines sein blut heraus
und färbte rostrot das grau, zwei handflächen gross.

neunundvierzig tage wollte ich an ihn denken.

manchmal legte ich eine wildrose, zog die mütze ab und blieb eine minute stehen,
doch meistens blieb es nur beim rose werfen und mütze ziehen(szybciej, franek, szybciej);
einmal wachte ich in der nacht auf, genau um die zeit als er sprang, und fragte mich: warum?
(ich suchte dann die brahmsplatte aus, weil bei ihm die träne, die von dem auge fällt
das herz erleichtert);
ein paar mal sprach ich für ihn das vaterunser (so wie ich es die ganze kindheit und jugend tat, wenn jemand starb);manchmal meditierte ich am seeufer oder dachte an ihn beim schwimmen; doch es gab auch tage wo ich eitelberg komplett vergaß;
es ging schnell – so reisst sich leben von dem tode weg und versucht zu fliehen.

es ging schnell: zuerst verschwand die leiche, dann die polizei, die gaffer und die reporter;reinigungsarbeiter schütteten den sand und kamen drei tage hintereinander mit den besen;keiner legte einen blumenstrauss oder zündete eine kerze – tschüss, erledigt;- eeyyy!!! läßt es liegen…- rief ich einmal so laut wie ich konnte,
als irgendwelche idioten meine blume zertraten (sie wurden plötzlich zehn zentimeter kleiner und bogen im rudel brav um die ecke), es war mitternacht und später, viel später, kurz vor dem sonnenaufgang,
flog das reiherpaar mit dem jungen am rostroten himmel vorbei und dahin.

am siebenunddreißigsten tag fing es zu regnen an; die wolken kamen aus dem westen
und brachten näße drei tage lang; dann fuhr ich weg auf die insel gepeitscht vom wind
und von zweifel; doch die ließen bald nach, als ich die wellen umarmte, sanddorn pflückte und schnitt ab den flundern die köpfe; es wurde stiller und stiller; bis die feuerquallen an den strand kamen und tanzten im seichten gewässer; sie waren rostrot;

doch ich ging am fünfzigsten tag
mit undine
in das blau
an ihnen vorbei.

2009

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