Frauenblick Lemberg I

Monika Wrzosek-Müller

Reise in die lebendige Vergangenheit – Lviv, Lwów, Lemberg

Das erste, was ihr wirklich und ganz lebendig auffiel, waren zwei große Käfige mit seltsam großen „Mäusen“, die auf dem um das ganze Hinterhaus gehenden Balkon standen. Diese Balkone waren das Merkmal der Stadt, sie dienten guter Kommunikation zwischen den Hausbewohnern. Am Anfang dachte sie, es wären vielleicht Ratten, doch es stellte sich schnell heraus, dass es sich um Chinchillas handelte. Chinchillas sind Nagetiere, die in freier Wildbahn in den Bergen Südamerikas leben. Sie werden sehr oft als Haustiere oder auch wegen des schönen, weichen und seidigen Felles in Farmen eben als Felllieferanten gezüchtet. Eine junge Ukrainerin hielt sich zwei Chinchillas als Schmusetierchen; das Weibchen war irgendwie unförmig und sehr unbeweglich. Sie machte sich Sorgen, dass es krank wäre. Am vierten Tag des Aufenthaltes in Lviv rief uns die Ukrainerin abends zu sich in ihre Wohnung und zeigte uns drei winzige Chinchillas, unheimlich beweglich und mit wunderbarem Fell. Sie war sehr stolz, dass gleich drei Tiere geboren worden waren, und klärte uns darüber auf, dass normalerweise zwei oder gar eins auf die Welt kämen.

Der Flughafen in Lvivwar modern und sauber, auf den Bus, der sie in die Stadt bringen sollte, warteten sie vierzig Minuten, dazwischen verschwanden fast alle Ukrainer in bestellten Taxis; sie blieben zusammen mit einem jungen Paar, vielleicht aus England, unbeirrt an der Bushaltestelle stehen. Als der Bus endlich kam, waren plötzlich doch viele Passagiere vorhanden, die in die Stadt mitfuhren. Schon beim Schauen durch das Busfenster spürte sie, dass es eine Reise in die eigene Vergangenheit, in ihre Jugend in Warschau, in Polen sein würde. Die Wohnblocks, typische Überbleibsel der Sowjetära, die die ganze post-sozialistische Welt verschandeln, die kaputten Bürgersteige, das Grau der Mauerwerke, alles erinnerte sie an die Vergangenheit, an ihre Jugend in Warschau.

Mit den älteren Häusern änderte sich doch etwas die Perspektive, die Stadt nahm Charakter und Gesicht an.  Sie stiegen bei dem Universitätsgebäude aus und versuchten verzweifelt, die Richtung zu ihrem Appartement zu finden. Natürlich dachten sie, man müsse sich auf Englisch verständigen, doch zu ihrer Verwunderung sprach fast jeder Polnisch. Das Sträßchen, in dem das Appartement lag, war offensichtlich unbekannt und so mussten sie ihren Vermieter kontaktieren und erst mit ihm um ein paar Ecken gehen. Das Appartement lag nah am Zentrum, aber sehr ruhig in einer Seitenstraße. Die Häuser waren allesamt alt und sehr heruntergekommen, die Straße noch wegen des Anstiegs und wahrscheinlich vielen Schnees mit Sand gestreut. Dieser viele Sand fiel ihr immer wieder auf. Er lag dick zwischen den Kopfsteinpflastern und drang manchmal in die Schuhe. Sie fanden ihr Appartement wunderbar, auch weil es drin eher kühl war im Vergleich zur Hitze draußen, später, als es kälter wurde und sogar regnete, stellten sie fest, es war sehr kühl und vielleicht feucht. Doch für ihre sieben Tage genau richtig.

Schon auf den ersten Blick schien ihr die Stadt wie eine Kreuzung zwischen Krakau und Wien nur dass sie viel kleiner war, aber doch eine Metropole, eine stattliche Stadt.

Während der Fahrt mit dem Bus sahen sie wunderbare alte, meistens ziemlich heruntergekommene Häuser, Villen, Bürgerhäuser. Die meisten stammten aus der Zeit um Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und sie waren seitdem kaum renoviert worden. Sie waren alle gräulich-beige und viele Balkone verschwanden in riesigen dunklen Plastikhüllen. Ziemlich schnell begriffen sie, dass es sich um den Schutz der Passanten und auch vielleicht der Balkonehandelte; die marode Substanz fiel einfach von den Fassaden ab. Ehrlich gesagt gefiel ihr dieses Heruntergekommene und Morbide sehr, es machte alles unheimlich melancholisch und sympathisch, zumal es das schönste Wetter mit frischem Maigrün, blühenden Fliederbüschen und Kastanienbäumen, noch letzten Tulpen und allerlei anderen Frühlingsblumen gab; und Lemberg ist eine grüne Stadt. Immer wieder gelangt man in Parks, manchmal kleine grüne Oasen, andermal riesige, fast waldähnliche Flächen, die sich in die umliegenden Hügel ausbreiten. Sie durchliefen den Ivan Franko-Park vor dem Universitätsgebäude und dann auch den riesigen Stryjski-Park, gelangten auf die Hügel um den Wysoki Zamek (Hohes Schloss), wollten unbedingt das Freilichtmuseum finden und bewältigten gewaltige Anstiege, um endlich festzustellen, dass sie gar keine Zeit mehr hatten in das Museum zu gehen, denn es wartete sie schon die Besichtigung der Lviver Oper und ein kleines Konzert dort.

Lemberg hat eine gute Größe, alles oder fast alles lässt sich zu Fuß erreichen; ist manchmal mit etwas Anstrengung verbunden, doch meistens waren sie sehr überrascht, dass man innerhalb von einer halben Stunde bereits an dem von ihnen angestrebten Ort war. Sie durchliefen Straßenzüge mit schönsten Fassaden und Eingängen, schauten in die Treppenhäuser und entdeckten immer wieder überraschend schöne Ecken. Es gab alte schwere hölzerne Eingangstüren und marmorne Treppen, verspiegelte Wände, manchmal bescheidener aus Gusseisen geformte Treppen und Geländer mit bunten Kacheln an den Wänden, oder ganz einfach mit Ölfarbe bis zur Hälfte angestrichene Wände und hölzerne Treppen; Das alles in unterschiedlichem Erhaltungsgrad. Von gut bis sehr gut erhalten bis verfallen, morsch, feucht unbegehbar…

Doch wenn sie jetzt, im Nachhinein, nachdenkt, erscheint es ihr sehr schade und empörend, dass diese Stadt einfach so zerfällt, dass vielleicht in baldiger Zukunft einige der Häuser ganz verschwinden könnten, denn sie sind wirklich wunderschön und sehenswert. Nur die Altstadt, das zum Weltkulturerbe zählende, ziemlich kleine Areal, wird ständig erneuert und restauriert. Für die rundum liegenden Häuser vom Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts reicht das Geld bei Weitem nicht aus. Man spürt, dass es an allen Ecken an Geld mangelt, aber die Menschen bemühen sich beharrlich, das auszugleichen; die Stadt ist sauber und mit Blumen bepflanzt, die Menschen sind sehr hilfsbereit; sie ist reich nicht an Geld aber an Flair, guter Luft, Höflichkeit und Schönheit, das entschädigt für Vieles.

Überhaupt sind die Menschen sehr freundlich, beweglich und kaufmännisch orientiert; es wird gestickt und gehäkelt, gestrickt und genäht, und alles dann zum Kaufen angeboten; lange Reihen von Buden mit den verschiedensten Souvenirs stehen nicht nur auf der Flaniermeile vor der Oper, sondern an verschiedenen Ecken der Altstadt.

Die Lviver sind sehr erfinderisch, die Cafékultur erlebt ihre Blühte. Es werden verschiedenste Kuchensorten, auch diejenigen aus der Vergangenheit (wie z.B. „Pischinger“, eine Art von Waffeln mit einer 5 Sorten Nussfüllung) serviert, durch ganze Sortimente von hervorragenden Kaffee- und Teesorten ergänzt, alles sehr freundlich und professionell. Die jungen Ukrainer lieben ihre Cafékultur und sitzen stundenlang bei einem Kaffee und unterhalten sich, so dass man sich nicht als blöder, reicher Tourist einsam in einem teuren Café fühlen muss. Es gibt immer genügend Einheimische um einen herum.

Die jungen Ukrainerinnen laufen oft mit den Blumenkränzen im Haaren à la Timoschenko und es sieht nicht kitschig aus, es ist sogar oft wunderschön. Viele tragen ihre Haarpracht in Zöpfen geflochten, tragen an die in Volkstracht angelehnte Kleider. Die Stadt, der Staat und seine Bürger suchen nach ihren Wurzeln nach Identität, was angesichts ihrer Geschichte selbstverständlich ist; diese identitätsbildende Kultur ist auch an vielen Ecken dieses großen Landes sehr unterschiedlich und sie zu verbinden wird ein echtes Kunststück sein.

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Jedna odpowiedź na „Frauenblick Lemberg I

  1. ewamaria2013 pisze:

    Ale to selfie na kajaku na Bugu to doprawdy mistrzostwo Europy! Co najmniej jak Las Meninas mistrza Diego!

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