Wieder Seiten eines Buches auf der Straße

Ewa Maria Slaska

Was ist mit uns passiert?

Es ist schon meine Tradition, dass ich über die Bücher schreibe, die ich irgendwo bekommen (oder nicht bekommen), gefunden oder, naja, entwendet habe, in schierer Hoffnung kein Mensch wird sich dafür interessieren.

Nein, nein, seien Sie beruhigt, ich habe sie nicht aus den Bibliotheken entwendet, auch nicht aus Euren Bibliotheken.

In Berlin gibt es so viele Möglichkeiten, Bücher umsonst zu bekommen. Oder sie unbemerkt zu entwenden, Cafees etwa, die über Bücher verfügen…

In der ganzen Stadt gibt es vor allem verschiedene Büchertische, die zum Teil schon ganz schön groß geworden sind und den Raum einnehmen, die man eigentlich Laden oder Buchladen nennen wird und nicht Tisch.
Aber was soll es?

In einem von diesen Läden, in denen man Bücher einfach so bekommt, habe ich die Bücher nicht bekommt, weil man sie gerade schön im Ladenfenster ausgelegt hatte. Ein Gehabe, das man gewöhnt ist zu akzeptieren, wenn es  die Fenster grossen Läden und Konzernen sind. In einem Laden wie Zara wird dir niemand das Kleid von der Fensterpuppe abnehmen. Es ist nicht erlaubt, manchmal gar verboten, manchmal unter der Strafe… Manchmal behauptet man, man muss dem Chef anrufen, dann zeigt sich aber, dass der Chef es doch nicht erlaubt.

In kleinem Laden wird anders umgegangen. Im kleinem Laden wißen die Verkäufer(Innen), dass nichts besser gefällt, als das, was man in voller Fülle an einem Kunstkörper sieht, viel besser als das, was sich auf den Auslagen stappelt oder auf den Stangen aneinanderreibt.
Aber in diesem großen Büchertisch, der doch einfach ein klein Laden war, im Karl-May-Jahr hat mir die Verkäuferin (Buch-Abgeberin? sie verkaufte doch nichts!) nicht erlaubt, mir ein Buch vom May auszusuchen, weil sie gerade alle May-Bücher so schön „drapiert” hat. Das Wort machte mich total stutzig. Ich weiss, dass man in der neudeutschen Sprache die Steine auf dem Kaminsims und Obst in der Schale drapieren kann. Für mich ist jedoch drapieren bei seinem Ursprung geblieben und bedeutet ausschliesslich etwas weiches, fliessendes kunstvoll in Falten oder Plisses zu legen. Ich glaube, man benutzt es jetzt in steifen und hartkantigen Kontext, weil es elegant und salonhaft klingt, und die Buch-Abgeberin hat es gerade so elegant im Fenster aufgebaut.

Aber sonst sind Bücher überall zu bekommen, dh. auch zu abgeben. Man kann sie im Metro finden oder liegenlassen, auf einer Parkbank, in einer Kiste neben der Türeingang, auf den Fenstersimse in Treppenhäuser… Im Krankenhäuser gibt es massenweise alte Hardcover-Romane, offensichtlich aus verschiedenen Bibliotheken aussortiert (zugegeben – da bediente ich mich auch ein paar mal). Manchmal liegen sie auch in Bibliotheken und sind für einem symbolischen Obulus zu haben…

Ein grosser Teil meiner Bibliothek bilden die Bücher, die ich gefunden und manchmal gerettet habe. Seit ein oder zwei Jahren finde ich aber auf den Strassen die Bücherseiten… Bücherseiten eines Paperback, eines Taschenbuches… Offensichtlich Hardcover schützt vom Wandalismus. Kann sein. Als wir mit Monika Wrzosek Müller im Mai in Lemberg waren, hat uns ein Verleger gesagt hat, dass er alle Bücher als Hardcover herausgibt. In Ukraine, sagte er, sind Paperbacks keine Bücher.

Ist das die Erklärung?

Bis vor kurzem war ich eigentlich zufrieden, als ich auf der Strasse ein paar Seiten gefunden habe, weil es für mich ein Test meiner Geschicklichkeit war, als ich aus diesen ein paar Seiten rekonstruiert habe, WAS für ein Buch es war. Immer habe ich die Bücher dann auch gekauft, gelesen, über sie geschrieben…

Jetzt aber, bei dem neuen Fund – es ist Der Duft der Kaffeeblüte, ein Roman von Ana Veloso – bin ich eigentlich erschrocken. Wer macht das? Weshalb? Auch wenn ihm das Buch nicht gefällt. Muss nicht, ist eine langweilige Liebesgeschichte, wo die Bäuerin die schönste ist und Zeit hat, blühenden Kaffezweige zu bewundern. Aber auch dann…Warum kann er/sie es nicht einfach igendwo ablegen, damit es die Andere lesen? Wieso reist er/sie die Seiten aus, wieso verstreut er/sie sie über die Strassen…

Schauet nur:

Der neuste Fund, gefunden als ich den obigen Text schon fertig hatte – 26. August 2018, Fremdwörter Lexikon, Berlin-Friedrichshain

August 2018, Ana Veloso, Der Duft der Kaffeeblüte, Berlin-Schöneberg

Mai 2018,  Antonio Skármeta, Die Hochzeit des Dichters, Berlin Tempelhof, direkt vor meinem Haus

Februar 2017, Max Frisch, Andorra, Berlin-Charlottenburg

Juni 2016, Hermann Kasack, Die Stadt hinter dem Strom, Berlin-Kreuzberg

Juni 2013, Lutz van Dijk, Verdammt starke Liebe, Berlin Ku_Damm

Es sind meistens gute Bücher, kein Schund, den man einmal liest und wegwirft. Wer macht das mit den Büchern? Weshalb?
Was ist mit uns passiert?

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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