Janz Berlin is eene Wolke

Die Autorin kam erst 1969 nach Berlin, hat also nicht die ganze Mauer-Zeit miterlebt, den Abbau umso intensiver.

Anne Schmidt

Der Mauerfall in Berlin (in der Erinnerung einer Tempelhoferin ) 

Am 10. November 1989 standen in klirrender Kälte morgens um 7.30 mein Mann, einige Leute aus unserer Bürgerinitiative und ich am Reichstagsgebäude neben einem stinkenden Dieselaggregat und hielten Schilder in die Luft; auf den Schildern standen Losungen mit Ausrufezeichen, die sich an die Geschäftsführer von westdeutschen Flughafengesellschaften richteten, die sich um 8.00 im Reichstagsgebäude zu einer wichtigen Konferenz treffen sollten.

Wir, die Mitglieder der ” Bürgerinitiative Flughafen Tempelhof”,  beschallten den Eingangsbereich des östlichen Flügels des Gebäudes mit den aufgezeichneten Geräuschen eines startenden Flugzeuges.

Der Ü-Wagen des SFB, der unsere Aktion aufzeichnen wollte, traf nicht ein. Bei meinem Marsch vom Hotel Esplanade zum Reichstagsgebäude hatte ich ihn am Brandenburger Tor stehen sehen, wo verschlafene Reporter auf die Öffnung der Mauer warteten.

Mit dem Ausweis einer Abgeordneten der „Alternative(n) Liste” gelangte ich in den großen Sitzungssaal des Reichstagsgebäudes, wo schon die Akivisten der TegelerAnt-Fluglärm-Initiative Platz genommen hatten. Sie hatten Schilder mit in den Saal geschmuggelt und gaben ihrem Unmut während der Reden verhalten Ausdruck.

Als der bayrische CSU-Mann Erich Riedel mit rollendem R von Peenemünde zu schwafeln begann, hielt es mich nicht länger auf meinem Sitz.Ich stürmte in den Gang im 1. Stock am nördlichen Ende des Gebäudes und hatte den Todesstreifen genau unter mir.

Im Saal hatte niemand die Ereignisse der vergangenen Nacht erwähnt, die unglaublichen Worte des Genossen Schabowski wiederholt, einen Blick in die Zukunft gewagt.  Als hätten diese Scheuklappenbeamten in ihrem abgeschirmten Bereich die Außenwelt mit ihrem Tunnelblick beeinflusst, bot sich mir ein Bild langweiliger, unspektakulärer Tristesse: Ein Kübelwagen der Volksarmee rollte langsam über den Fahrstreifen entlang der Mauer, als wolle er die Posten auf ihren Wachtürmen mit Essen versorgen. Die Aufregung der Nacht schien in Gleichgültigkeit zu versinken. Ich war grenzenlos enttäuscht, aber dennnoch zu aufgeregt, um zu den Ignoranten im Saal zurückzukehren.

Als ich aus dem Gebäude stürmte, kamen die ersten Schulklassen mit Willkommensgrüßen die Scheidemannstraße hinaufgezogen. Da ich meine kleine Tochter aus der Kita abholen musste, konnte ich mich nicht dem Zug zum Brandenburger Tor anschließen, sondern eilte zu meinem Auto vor dem Hotel Esplanade. Meine Vorausschau war davon ausgegangen, dass sich am Reichstagsgebäude und vor dem Tor die Massen drängeln und meiner Abfahrt im Wege stehen würden. Dem war nicht so, aber ab Friedrichstraße ließ die endlose Parade von Trabants und Wartburgs kein Durchkommen zu. Verzweifelt versuchte ich der stinkenden Blechlawine zu entkommen, sie zu umfahren, aber plötzlich waren sie überall in Kreuzberg. Ich hatte keinen Blick für die Insassen, denn der Termin in der Kita saß mir im Nacken.

Als ich mit 11/2 Stunden Verspätung in Tempelhof ankam,  empfing mich ein weinendes Kind und eine verständnisvolle Erzieherin. Die Nachricht von der Invasion der Blechkisten aus dem Osten hatte sich bis nach Tempelhof verbreitet.

Ab diesem Tag war nichts mehr so wie vorher: unser langerwarteter Besucher aus Pankow, der überraschenderweise Ende Oktober ein Visum für einen Besuch im Westen bekommen hatte, traf mit den Massen, die sich durch die wenigen Öffnungen der Sperranlagen drängelten, total erschöpft bei uns ein. Jeden Tag gab es neue aufregende politische Meldungen in den Medien. Meine Freundin, die unter widrigsten Umständen drei Jahre zuvor hatte ausreisen dürfen und eine Wohnung direkt vor der Mauer gefunden hatte, fürchtete den Überfall ihrer Verwandten und den Besuch ihrer bisherigen „Blicknachbarn”, meine Kreuzberger Schüler beschwerten sich über lange Schlangen vor den Supermärkten und meine Freundin aus Ost-Friesland schleppte mich in das Willkommenskonzert von Barenboim in der Philharmonie.

Dort vergoss ich Tränen der Rührung zusammen mit Musikfreunden aus Leipzig, die nur wegen dieses Konzertes aus Leipzig angereist waren.

Die anschließende Wanderung an der Mauer entlang auf dem Potsdamer Platz fand in einem einzigen Freudentaumel statt, den auch die Wagenburgler, die damals noch an ihr Bleiberecht glaubten, nicht beeinträchtigen konnten.

Trotz der warnenden Megaphondurchsagen der Polizei drängelte auch ich mich auf einen Wachtturm, um unvergessliche Fotos zu machen. Unvergesslich blieb beim Öffnen der Kamera für mich der Song von Nina Hagen „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael”. So bleiben die Bilder dieser Nacht nur auf meinem inneren Schirm, aber Bilder auf der Mauer und Löcher in der Mauer dokumentierte ich in den nächsten Wochen fast täglich.

Diese einzigartige  Ausnahmesituation konnte ich nicht begreifen, ohne immer wieder zu den Orten des Geschehens zu fahren, am Anfang noch unsicher mit dem Pass in der Hand. Freudiges Strahlen war in den Gesichtern, die ich wahrnahm, nicht Skepsis und auch nicht Missgunst. Fremde Menschen sprachen und lachten miteinander, staunten ungläubig und tauschten Neuigkeiten aus. Freunde nahmen Jugendliche, die extra aus Wismar angereist waren, zur Übernachtung mit zu sich nach Hause und feierten mit ihnen auf der Mauer Parties.

„Janz Berlin is eene Wolke” ist ein Spruch, der schon zu Kaisers Zeiten geprägt wurde, aber nie besser gepasst hat als in diesen kalten Novembertagen.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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