Vergessene Texte 3

Ewa Maria Slaska

Nicht nur die Kirchen

Fortsetzung

In Templin

Nie im Leben habe ich mit so vielen Priestern geredet, wie jetzt, als ich den Text über Ulitzka schreibe. Nicht mal zwei Wochen nach meinem Besuch in Biesenthal fahre ich nach Templin, wo ich mich mit Pfarrer Beier treffe. „Haben Sie ihn gekannt?” stelle ich noch am Telefon meine übliche Frage. „Nein, das nicht, aber sein Wirken war in der Gemeinde immer wichtig“.

Unterwegs vom Bahnhof zu seiner Wohnung besuchen wir noch eine Kirche, wieder eine Herz-Jesu-Kirche, eine katholische Kirche in Templin, wo Pfarrer Beier trotz seiner 86 Jahre jeden zweiten Sonntag die heilige Messe zelebriert. An den Wechselsonntagen ist er in Zehdenick. „Sport hält fit”, lacht er, „in meiner Studienzeit spielte ich Fußball, dann ganzes Leben lang bin ich viel geschwommen bis noch vor zwei Jahren, und ich fahre immer noch Rad”.

Als ich die kleine Wohnung in der Am-Eulen-Turm-Straße in Templin betrete, die Pfarrer Baier seit seiner Emeritierung bewohnt, wartet schon eine Sammlung von Büchern und Ordnern auf mich, die er auf seinem Wohnzimmersofa gestapelt hat. Sein Ulitzka-Fundus. Das Buch von Guido Hitze gibt’s gleich zweimal – die normale Ausgabe, die ich ja auch (aus der Bibliothek geliehen) habe, außerdem aber auch ein umfangreiches maschinengeschriebenes Manuskript mit persönlicher Widmung des Autors.

„Der war mal einen Tag lang in Bernau”, meint Pfarrer Beier, „sonst hat man sich auch woanders oft getroffen. Ich hatte ihm viel zu zeigen und zu erzählen. Das ganze Archiv.”

Wir reden und reden, und reden. Ich fotografiere. Wir reden. Nicht nur über Ulitzka. Dann gehen wir essen und spazieren. Dann begleitet er mich noch zum Bahnhof. Ich komme nach Berlin mit dem Gefühl, einen den schönsten Tage in meinem beruflichen Leben erlebt zu haben. Ich würde gern wiederkommen, in diese schöne kleine Stadt, zu diesem Menschen, mit dem man sich so gut unterhalten kann.

Die Politik

Im März 1910 verließ Ulitzka Bernau und kehrte nach Oberschlesien zurück, wo er dreißig Jahre, bis 1939 Pfarrer in Ratibor-Altendorf war.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war Ulitzka Zentrumsabgeordneter Oberschlesiens in der Weimarer Nationalversammlung, und anschließend von 1920 bis 1933 Zentrumsabgeordneter im Reichstag.

Solange er als Politiker in Berlin zu weilen hatte, wohnte er im Hospital der Grauenschwester in der Niederwallstr. 8-9 im Bezirk Stadtmitte. Die Schwestern führten ihr Krankenhaus bis 1993. Heute ist es Sitz des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin.

Man erzählt, dass er seinerzeit als Politiker fast jeden Samstagabend in Berlin den Nachtzug nach Schlesien nahm und im Zug schlief, um in Ratibor in „seiner“ Nikolai-Kirche um 9.15 Uhr die heilige Messe zu halten. Oft auf Polnisch! 14 Jahre lang, von 1919 bis 1933. Der Biograf nennt es sogar das „Doppelleben“ des Geistlichen. Möglich war es, schreieb er, dank der außergewöhnlichen Glaubenstiefe, eiserner Disziplin, großem Fleiß und einem beachtlichen Organisationstalent.

1939 wurde Ulitzka wegen seines Eintretens für den Gebrauch der polnischen Sprache in der katholischen Kirche aus Schlesien ausgewiesen und wurde Krankenhausseelsorger im St. Antonius-Hospital in Berlin-Karlshorst.

Er beschloss, sich nicht mehr politisch zu engagieren. Die Politik wollte es aber anders. Am 28. Oktober 1944 wurde Ulitzka von der Gestapo verhaftet und am 21. November 1944 in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Nach der Entlassung aus Dachau am 29. März 19455 ging er zuerst ins Pfarrhaus von Kösching bei Ingolstadt, wo er bei den Pfarrer Landgraf  wohnte, den er im KZ kennengelernt hat. Erst am 22. Juni begann seine  mühselige und gefahrvolle Reise nach Berlin und von dort weiter nach Schlesien. Er kam am 5. August 1945 in Ratibor an, im kommunistischen Polen! Er wollte sein Pfarramt in Ratibor zurück bekommen. Bereits am 12. August 1945 musste er Ratibor fluchtartig wieder verlassen, nachdem ihm von den Polen Morddrohungen zugingen.

Es ist die Ironie des Schicksals, dass ihn die beiden totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts verfolgt und in seiner Wirkung gehindert haben. Vielleicht kann man sagen, dass es ihnen gelungen war, den politisch engagierten Menschen aus der Politik zu verbannen. Der Geistliche ist er aber geblieben. In seinen letzten Lebensjahren war er der Krankenhausseelsorger in den Hospitälen.

St. Antonius-Krankenhaus in Karlshorst

Köpenicker Allee 39
10318 Berlin

Heute Katholische Hochschule für Sozialwesen

Das Krankenhaus wurde von der Breslauer Kongregation der Marienschwestern von der allerseligsten und unbefleckten Jungfrau Maria gebaut. Insgesamt hatte die Kongregation circa 100 Krankenhäuser in Deutschland. Das St. Antonius-Hospital wurde 1930 eröffnet. Der Architekt Felix Angelo Pollak aus Wien ließ es im Bauhaus-Stil errichten. Er hat in seinem einfachen, im schlichten Stil gebauten Krankenhaus, die Figur des Heiligen Antonius, Patrons des Hospitals, eingebaut.

Mit den Schwestern verband Ulitzka eine innige Beziehung, die schon 1897 begann. Ulitzka war am 21. Juni dieses Jahres zum Priester geweiht und seine Primiz – die erste von einem angehenden Priester zelebrierte Messe – durfte er im Orden der Marienschwester in Breslau feiern. Als er, aus Ratibor verbannt, 1939 nach Berlin kam, wandte er sich wie selbstverständlich an die Schwestern und bekam die Stelle im Krankenhaus.

Das Krankenhaus galt seinerzeit als die modernste Hospitalanlage Deutschlands und verfügte über 350 Betten (später – 375) für Innere Medizin (besonders Tuberkulose), Geburtsheilkunde und Chirurgie. Es gab eigene Wäscherei, Fleischerei, Bäckerei, eigene Stromversorgung, eigenes Wasserwerk (Tiefbrunnen im Garten).

In einem Referat von Professorin Angelika Pleger sind folgende Eigenschaften des Krankenhauses aufgelistet:
• Parkähnliche Gartenanlagen („Kurklinik“)
• Verbindung der Architektur und Natur
• Von der Individualmedizin zur Sozialmedizin
• „Ganzheitliche“ Medizin
• Patientenfunk, Radio und Kopfhörer am Patientenbett
• Hygienische Vorlesungen für die Patienten
• Schwesternausbildung
• Dachliegeterrassen auch für Nachtaufenthalte geeignet
• 150 Diäten im Angebot
• Therapiebegleitende Frischluftgymnastik auf dem großen Gartengelände
• Therapien: Hydrotherapie, Elektrotherapie, „Lichtkuren mit Höhensonne“ sowie Radium-Tiefentherapie

Die Kapelle des St. Antonius-Hospitals wurde mit gestauchten Spitzbögen gebaut – eine sehr expressionistische Formensprache. Man hielt sehr viel von dem besonderen Licht – „gelbes Licht“ – das die Kapelle durchströmte. Die Schwestern verfügten auch über einen nahezu abgeschlossenen Innenhof, konzipiert in Anlehnung an mittelalterliche Kreuzganggestaltungen, wo sich Klausur und Wohntrakt befanden. Die Kapelle fungiert heute als eine Aula, den Kreuzgang gibt es nicht mehr.

Hier, in einer kleinen separaten Wohnung lebte Ulitzka bis zu seiner Inhaftierung. Schwester Bernhildis führte seinen Haushalt. Später wird mir Schwester Walburga erzählen, die mit Schwester Bernhildis befreundet war, dass Ulitzka große Stücke von Bernhildis hielt und sich sein Leben ohne sie gar nicht vorstellen konnte. Das Schicksal wollte es zwar anders, aber als Ulitzka tatsächlich nach der Inhaftierung und einem misslungenen Versuch, sich in Ratibor niederzulassen, zurück kam, übernahm Bernhildis wieder ihre Dienste. Sie ist 1919 geboren, dh. sie war erst 20 als Ulitzka 70 jährig nach Karlshorst kam, und 30 als er starb.

Nach 1945 änderte sich dramatisch die Nutzung des Hauses und des ganzen Bezirks. Die Sowjets kamen in die Stadt. Als Sieger und Befreier, aber auch als Besatzer. Am 7. Mai 1945, also noch vor dem offiziellen Kriegsende, wurde das Krankenhaus geräumt – der Bezirk wurde zum sowjetischen Sperrgebiet erklärt. Nachdem die Sowjets 1964 das Haus verlassen hatten, wurde es vom Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft der DDR benutzt. Nach der Wende wurde das Haus wieder den Marienschwestern rückübertragen. Man erwartete, dass sie das Hospital wiederaufbauen würden. Sie haben sich aber anders entschieden, das Haus wurde verpachtet und 1991 wurde hier die Katholische Hochschule für Sozialwesen eröffnet, die sich sehr gut entwickelt und jährlich ca. 1400 Studenten immatrikuliert.

Interessant, dass weder die Sowjets noch die DDR-Funktionäre die religiösen Symbole des Krankenhauses zerstört hatten. Die Figur des heiligen Antonius an der Außenwand wurde nur umhüllt, die Kapelle wurde mit provisorischen Wänden verdeckt, und lediglich der Altarbogen wurde umgebaut, um für eine kleine Bühne Platz zu machen. Überhaupt ging man mit der Bausubstanz sehr sorgsam um. Es blieben aus der Gründerzeit noch gebogene Wände, alte Fenster und farbige Fußbodenkacheln im Bauhausstil.

Das Krankenhaus in Müggelsee

Josef-Nawrockistraße 34 (ehem. Waldowstr. 8/9)
12587 Berlin

Heute Wohnhäuser im Bau

Das Krankenhaus zog im Mai 1945 aus Karlshorst zunächst in das Restaurant „Wilhelmshallen“ im Hirschgarten um. Als Prälat Ulitzka aus Ratibor zwangsweise ausgesiedelt wurde und im August 1945 wieder nach Berlin kam, ging er zu den Schwestern in den Hirschgarten.

Am 1. September zogen die Schwestern, die Kranken, die Ärzte und der Prälat in ihr neues Domizil: Ehemaliges Etablissement „Hotel Bellevue“ in Friedrichshagen, direkt am Müggelsee. Es war vor dem Kriege ein legendärer Ort für Reiche und Neureiche gewesen. Im Tanzsaal gab es eine Rosendiele, statt der es jetzt einen großen Hospitalsaal für 50 Mann gab. Ulitzka bekam ein kleines Zimmer zugewiesen, mit Blick auf den Müggelsee. Es sollte für die nächsten acht Jahre sein Zuhause werden. Eines änderte sich jedoch nicht: Schwester Bernhildis führte auch in Friedrichshagen seinen Haushalt und kümmerte sich um seinen Hund Frigga. Hitze hat noch 1994 mit Bernhildis über Ulitzka sprechen können. Sie starb 1999 und liegt auf dem Schwestergrabfeld auf dem katholischen Friedhof Tempelhof.

 

 

 

Ehrw. Schwester Bernhildis Kawalle, geb. 13.1.1919, gest. 1.6.199914. Ebenso wie Schwester Walburga, war auch Bernhildis Zeitlang die Oberin der Marienschwester-Kongregation in Berlin.

Ulitzka war mit über 70 Jahren, als er nach Friedrichshagen kam, immer noch aktiv. Er kümmerte sich nicht nur um seine Patienten und seine Friedrichshagener Gemeinde, sondern auch um seine Landsleute, die aus der Heimat ausgesiedelten Oberschlesier. Er schrieb über sie: Wer sind denn die, die heimatlos und obdachlos geworden, ausgeplündert, abgehärmt und ausgehungert, oft krank, ja nicht selten sterbend an die Türen ihrer Volksgenossen im Reich klopfen? Er half als Seelsorger, als Vorsprecher und Verfasser unzähliger Artikel und Schriften, aber auch als Sozialarbeiter. Er versuchte für seine Landsmänner Arbeit zu finden, brachte notwendige Kontakte zustande und half mit Sach- oder Gelspenden aus, oft aus der eigenen Tasche. Vor allem aber, so Hitze, schrieb er Zeugnisse für seine Gemeindemitglieder aus Ratibor.

Sein Alltag war genau geregelt. Um 6:00 Uhr zelebrierte er die Frühmesse, um 7:00 gab es Frühstück, dann die Büroarbeit bis 10:00 und anschließend Zeit für eine Tasse Kaffee und eine Zigarre. Dann schrieb er seine Predigten, Texte, Artikel, Manifeste, manchmal auch Gedichte. Um 12:00 Uhr gab es ein Mittagessen, bis 14:00 Uhr die Mittagsruhe; ab 14:00 Uhr Spaziergänge (mit Hund), Krankenbesuche, Religion-Unterricht für Schwesterschülerinnen, und um 18:00 Uhr das Abendessen. Was die Patienten an ihm schätzten, und zwar auch konfessionsunabhängig, waren Ulitzkas Sinn für Humor und die Bereitschaft, über durchaus profane Themen zu sprechen.

1947 feierte Ulitzka das 50-jährige Jubiläum seiner Priesterweihe. Man versuchte, leider vergeblich, eine Feier auch in Ratibor zu organisieren. Die Schwestern machten für ihn eine große Feier im Krankenhaus.

Am 24. September 1953 wurde Ulitzka 80 Jahre. Diesmal feierte man im Konvikt der Marienschwestern in Berlin-Lankwitz. Er war schon sehr krank, vielleicht sogar teilweise gelähmt. Es kamen wieder massenweise Gäste, auch aus der Politik, und tonnenweise schriftliche Glückswünsche, von Konrad Adenauer etwa oder Ernst Reuter, oder von Papst Pius XII. In einer Tischrede beim feierlichen Essen spottete Ulitzka, dass ihm diese Feierlichkeiten wie eine Generalprobe zu seinem Begräbnis vorkommen. Ein paar Wochen später starb er.

Das Krankenhaus am Müggelsee existierte bis 2001, 2013 wurden die Häuser abgerissen, jetzt sind da neue Wohnblocks in der Entstehung. Als ich dort war, um den Ort zu sehen, wo Ulitzka seine letzten Lebensjahre verbrachte, fotografierte ich die Baustelle und eine schöne Stadtvilla nebenan. Aus einer Baracke kam ein Wächter und sagte, ich dürfe erst fotografieren, wenn ich die Genehmigung vom Bauherren habe. Er zeigte mir die Bauinfotafel. „Ja, natürlich”, sagte ich. „Auf Wiedersehen”.

Marienschwester in Lankwitz

Maria Trost Krankenhaus
Galwitzallee 115
12249 Lankwitz

Heute Parkplatz des neuen Krankenhauses Galwitzallee 123-143.
Die Schwester wohnen jetzt im benachbarten Kloster St. Augustinus in der Galwitzallee 143.

Müggelsee und Karlshort, das war zuerst die Sowjetische Besatzungszone und danach die DDR. Lankwitz lag im Westen. Man muss es sich in Erinnerung rufen – sie wohnten im Ostteil der Stadt, durften aber noch ungehindert zwischen verschiedenen Zonen verkehren. Die Mauer wurde erst Jahre später errichtet.

Ich versuche das Konvikt in Berlin-Lankwitz anzurufen. Sie haben eine Handynummer, aber man bekommt nur eine Ansage zu hören: Der gewählte Gesprächspartner wünscht keine Gespräche, bitte haben Sie Verständnis dafür.

Ich fahre trotzdem hin. Haltestelle Marienkrankenhaus. Schneller Blick ins Internet sagt mir, dass der Träger des St. Marien-Krankenhauses Berlin Kongregation der Marienschwestern v.d.U.E. ist.
Ich weiß nicht, was „v.d.U.E.” bedeutet. Vor Ort erst lese ich auf einer Infotafel, dass es die Kongregation der Marienschwestern von der Unbefleckten Empfängnis ist, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Pfarrer Johannes Schneider, einem Breslauer Diözesanpriester, gegründet wurde. Der Auftrag lautete damals – wie auch heute noch – für junge Frauen in Not da zu sein und sie auf vielfältige Art zu unterstützen.
Ja, also diese Schwestern sind es, die man aus Bildern, der Literatur und den Filmen kennt, die sich für „gefallene Mädchen“ einsetzen. Es sieht heue natürlich anders aus. Um gefallene Mädchen kümmert sich eh der eingetragene Hydra-Verein oder Sozialamt als ein Schwesternorden. Darüber kam über die Jahre die Arbeit mit Kranken und alten Menschen.

Und überhaupt das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, eines der vielen Missverständnisse in der katholischen Religion: Fast jeder, auch ein gestandener Intellektueller, wird schwören, es handle sich darum, dass Maria Jungfrau war, als sie Jesus gebar. Kaum jemand weiß, dass es um die Geburt Marias selber geht, die ohne Makel der Erbsünde auf die Welt kam. Es ist ein Dogma sehr neuen Datums: Erst am 8. Dezember 1854 verkündet.

Auf der Webseite der Marienschwestern gibt es noch eine Handynummer, die ich jetzt wähle. Diesmal ist sofort Schwester Walburga am Telefon. Ich erzähle die Geschichte meiner Recherche, die mit jedem Tag länger wird. Schwester Walburga reagiert wie alle, denen ich sage, dass ich über Ulitzka schreibe: „Ach ja“. „Der Name sagt Ihnen etwas?” frage ich. „Natürlich.” „Pfarrer Beier meinte, ich sollte mit Ihnen sprechen”, sage ich. „Selbstverständlich”.

Am Nachmittag fahre ich zum Kloster, um erst pünktlich um 15 Uhr von der Schwester Pförtnerin zu erfahren, dass ich mich in Lankwitz befinde und Schwester Walburga auf mich im Seniorenstift in Karlshorst wartet. Nichts desto trotz ist auch diese Fahrt im tropisch heißen Berlin nicht umsonst. Ich frage Schwester Pförtnerin, ob sie mir den Saal zeigen könnte, wo Ulitzka seinen 80. Geburtstag feierte. Nein, sagt die Schwester, es muss im Krankenhaus Marias Trost gewesen sein, hier ist doch alles neu, das Kloster und das Krankenhaus. Die alten Gebäude sind alle abgerissen.

Im Internet finde ich eine Postkarte aus den 1970er Jahren und die Adresse von Maria Trost: Galwitzallee 115. Ich glaube das Haus unterwegs gesehen zu haben. Ich fahre nochmals hin. Aber nein, da wo das alte Krankenhaus stand, gibt es jetzt nur einen ummauerten Parkplatz, nun, an der Straße sehen viele Häuser so wie Maria Trost mal ausgesehen hat – graue, einstöckige Häuserreihen, Polizei, Apotheke, Wohnhäuser.

Schwester Walburga

Seniorenstift St. Antonius
Rheinpfalzallee 46-66
10318 Berlin

Dem Plan kann man entnehmen, dass der Stift ein Bestandteil der alten Krankenhausanlage St.-Antonius ist. Zwei Schritte trennen ihn von der Katholischen Hochschule, ein paar Hundert Meter von dem Eingang zum Friedhof. Der Kreis schließt sich. Das Pflegeheim in Berlin-Karlshorst bietet sowohl stationäre Pflege als auch betreutes Wohnen an. Das Heim ist auf Demenz, Wachkomapatienten und Palliativpflege spezialisiert. Zudem wird zusätzlich Ergo- und Physiotherapie angeboten.

Schwester Walburga ist nicht viel älter als ich, sie ist 1946 geboren, ich drei Jahre später. Ich finde sie auf Anhieb sympathisch. Nein, sie kannte Ulitzka persönlich nicht, aber er hat sie immer interessiert. Teilweise, weil Schwester Bernhildis ihr von ihm erzählt hatte. Er war ein charismatischer Mann und zog die Menschen in seinen Bann. Einfach so. Daher sammelte sie sehr vieles über ihn, Bücher, Fotos und Zeitungsausschnitte. Auch ein Büchlein von Jendryssek ist darunter. Schwester Walburga erzählt mir von den Versuchen Jendrysseks, Ulitzkas Leiche nach Ratibor zu überführen. Sie hat in den letzten Jahren den Neffen von Ulitzka kennengelernt, der entschieden gegen die Umbettung ist. Ich bekomme seine Visitenkarte. Ein Abgeordneter der CDU aus Bonn. Er wird es nie erlauben, meint Schwester Walburga, solange er lebt. Ich versuche es selber von ihm zu erfahren, aber er geht nie an keine von seinen vier Telefone und antwortet auch nicht an die Mails.

Der Friedhof

Friedhof „Zur frohen Botschaft”
Robert-Siewert-Str. 67 (ehem. Warmbader Straße)
10318 Berlin-Lichtenberg (Karlshorst)

Der Besuch am Grabe war der erste Schritt meiner Reise auf den Spuren Ulitzkas in Berlin und Umgebung. Im Text kommt er aber nun zuletzt. Carl Ulitzka starb am 12. Oktober 1953 in Berlin Friedrichshagen.

Ich rufe bei der Friedhofsverwaltung an. Ja, es gibt immer noch „unseren Prälat Ulitzka“, ja, ich könne kommen, das Grab sehen, eine kleine Ausstellung besichtigen und mit Herrn Thürling sprechen, dem Friedhofsdirektor, der sich für die „Sache Ulitzka“ einsetzt.

Die Ausstellung über die wichtigsten Persönlichkeiten und Personengruppen, die dort beigesetzt sind, darunter Pfarrer Ulitzka und die Marienschwester, gibt es auf dem Friedhof Karlshorst gleich zweimal – im Friedhofsgebäude und dann in einem Glaspavillon mitten im Friedhof.

Carl Ulitzka wurde hier am 19. Oktober 1953 zu Grabe getragen. Die Totenmesse zelebrierte man in der katholischen Pfarrkirche St. Marien der Unbefleckten Empfängnis in der Gundelfinger Straße in Karlshorst. Es ist ein denkmalgeschützter Kirchenbau, errichtet 1935-1937 im Stil der Neoromanik. Die Kirche diente nach 1945 vorübergehend als Depot und wurde erst seit 1949 wieder als Gotteshaus genutzt.

Die Totenmesse zelebrierte Kapitelsvikar Oskar Golombek. In Anschluss am Requiem setzte sich ein langer Trauerzug mit über 60 Geistlichen und 180 Ordensschwestern in Richtung der Grabstätte der Marienschwestern in Bewegung. (…) Im märkischen Sand bestattet, wurde dem Grab Ulitzkas seinem Wunsch entsprechend Erde aus seiner oberschlesischen Heimat beigegeben; Erde, die Ulitzka selbst vor seiner Flucht aus Ratibor im August 1945 dem Grab seiner Eltern auf dem Altendorfer Friedhof entnommen hatte.

Die Totenmesse fand um 9 Uhr statt, die Beisetzung um 10.30 Uhr. Von der Kirche zum Friedhof geht es 1,5 Kilometer zu Fuß, dazu vielleicht noch 800 Meter auf dem Friedhof selbst. Wurde der Sarg getragen oder gefahren? Der Trauerzug ging zu Fuß, dessen bin ich mir sicher.

Das Grab

Auch Herr Thürling erzählt mir, dass es eine Anfrage aus Ratibor gegeben hat (oder gibt es sie noch?), ob man das Grab Ulitzkas nach Polen umbetten dürfte. Das soll er sich selbst gewünscht haben. Herr Thürling meint jedoch, dass man die Leichen, so weit wie möglich, in Ruhe lassen soll. Er möchte nicht, dass der Leichnam Ulitzkas verlegt wird. Um jedoch dem polnischen Antragsteller nicht sofort „nein“ sagen zu müssen, antwortet man ihm zugleich diplomatisch und wahrheitsgetreu, dass man eigentlich nicht weiß, wo sich die sterblichen Überreste von Ulitzka genau befinden. Sicherlich nicht da, wo jetzt der Grabstein zu sehen ist. Die Grabanlage wurde im Laufe der letzten 60 Jahre zigmal verschoben und umgestaltet worden. Ich habe selber im Abstand von nicht Mal zehn Jahren zwei verschieden aussehende Grabanlagen gesehen, wo Ulitzka begraben liegt. Nicht nur der Ort, auch die Ausgestaltung des Grabes hat sich geändert. Am Anfang stand das Grab quasi allein. Heute sieht es so aus, als ob Ulitzka im Quartier der Marienschwestern begraben liegt, ein einziger Mann unter 19 Nonnen aus dem Krankenhaus St. Antonius: …gebenedeit unter den Frauen.

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Polska pisarka w Berlinie
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